Türkei-Reise 2011.

Auf der Welt gibt es mehr als hundert Sprachen,
aber ein Lächeln versteht jeder. (Isaac Öztürk)

Vor über 20 Jahren waren wir schon einmal in der Türkei, haben ausgiebig Istanbul, den westlichen Teil der Schwarzmeerküste, Kappadokien, Pamukkale, die Süd- und die Westküste abgeklappert. Der Schwerpunkt unserer diesjährigen Türkeireise liegt auf dem äußersten Osten: entlang der Schwarzmeerküste bis zur Grenze zu Georgien, danach immer grenznah zu Armenien, dem Iran, Irak und Syrien nach Süden und zuletzt entlang der Westküste zurück nach Istanbul. 74 Tage waren wir von Mitte April bis Anfang Juli unterwegs und haben dabei 11.451 Kilometer zurückgelegt.

Nach einem Kurzurlaub mit unserem Nachwuchs am Gardasee, einem weiteren, mehrtägigen Aufenthalt in Venedig, der Fährpassage von Venedig nach Igoumenitsa und der Fahrt über die Autobahn nach Thessaloniki erreichen wir am Sonntag, dem 1.Mai, die türkische Grenze.

Istanbul und die Schwarzmeerküste

Die Einreise in die Türkei verläuft zügig und unproblematisch. Wir tauschen Geld am Kiosk an der türkischen Grenzstation. Dann fahren wir auf einer recht guten Landstraße nach Istanbul. Um besser durch diese Mammut-Metropole zu kommen, wechseln wir ein gutes Stück vorher auf die Autobahn. Und haben gleich das erste und einzige wirkliche Problem der gesamten Reise. Wir hatten auf der Autobahn ein leer stehendes Mauthäuschen passiert und geglaubt, dass auf dieser Autobahn keine Maut fällig würde. Doch weit gefehlt. Unerwartet treffen wir auf eine achtspurige Mautstelle, werden durch den dichten Verkehr immer weiter geschoben und stehen plötzlich vor einer geschlossenen Schranke. Kein Häuschen, kein Kassierer, kein Kreditkarteneinzug, nichts. Nur wildes Gehupe hinter uns und Säulen, an deren Lesefelder die Fahrer links und rechts von uns Plastikkarten halten, um die Schranken zu öffnen. Doch Hilfe naht. Und was für eine. Wie wir später feststellen, nimmt uns der „hilfreiche“ Bärtige so viel Geld ab, um uns mit seiner – womöglich präparierten – Plastikkarte die Schranke zu öffnen, wie wir mit einem Vierzigtonner hätten zahlen müssen. Mit dem Betrag hätten wir alle Autobahnen der Türkei mehrfach befahren können. Aber was hilft's – bei der Hektik und dem Gehupe. Inzwischen wissen wir es besser. Man kauft die Prepaid-Karten in Gebäuden, die sich meist seitlich etwas abgesetzt an den Parkplätzen vor den Mautstellen befinden. An der Säule wird dann abgebucht und angezeigt, wie viel Guthaben man noch hat.

Eine weitere Mautstelle gibt es zum Glück nicht auf der Durchfahrt von Istanbul. Die Stadt selbst sparen wir diesmal aus – vielleicht bleiben wir auf der Rückfahrt für ein paar Tage. In diesem Jahr freuen wir uns besonders auf die alte Armenierstadt Ani, das Ishak Paşa Sarayi beim Ararat, den Van-See, den Nemrut Dağy und das christliche Kloster Mor Gabriel nahe der syrischen Grenze.

Kurz hinter Istanbul fahren wir an die Schwarzmeerküste zu den Badeorten Side und Agva, machen einen Strandbesuch, sehen eine Schildkröte und sammeln die ersten Muscheln. In Kafken übernachten wir am Strand neben einer Bar und Café. Es ist schon wieder ein Muschelstrand. Durch Sumpfland fahren wir am nächsten Tag über Kaynarca, Karasu und die Bergbaustadt Zonguldak ins Landesinnere zum UNESCO-Weltkulturerbe Safranbolu. auf dem Weg dorthin müssen wir wegen eines gesperrten Tunnels eine abenteuerliche, enge Straße bergauf-bergab durch Wälder fahren, auf der uns mächtige Lastwagen entgegen kommen, die unglaublich lange Baumstämme abfahren. In Safranbolu übernachten wir auf dem Dolmus-Parkplatz neben dem Friedhof mit einem fantastischen blick hinunter auf die historische Altstadt. Auf unserem Rundgang durch die Stadt werden wir von wolkenbruchartigem Regen überrascht. Wir machen dennoch einen ausgedehnten Einkaufsbummel, versorgen uns mit Obst, Gemüse, Brot und kaufen einige Souvenirs.

UNESCO-Weltkulturerbestadt Safranbolu
UNESCO-Weltkulturerbestadt Safranbolu

Auf unserer Weiterfahrt zurück zur Schwarzmeerküste ist nicht nur der Regen unser ständiger Begleiter, sondern auch Militär und Polizei. Zurzeit läuft die heiße Phase des Wahlkampfs, wovon riesige Plakate, Fahnengirlanden und gesperrte Durchgangsstraßen in den Orten künden. Weil irgendein bekannter Politiker – aber wohl nicht Erdogan - im Anmarsch in die Apfelstadt Asmaya ist, wird diese an jeder Einfahrt, und sei es nur ein Weg von einem Acker, von Uniformierten bewacht. Es erinnert mich schwer an die DDR. In Samsun kommen wir an die Küste zurück, fahren an ihr entlang nach Terme, dessen Strand als der schönste der Schwarzmeerküste gilt, was wir im strömenden Regen schlecht beurteilen können. Weiter geht es über Ünye und Deria, dessen als Geheimtipp gepriesener Campingplatz noch vollständig leer ist, bis nach Perşembe, wo wir auf dem am Meer liegenden Volksfestplatz übernachten.

In der Großstadt Trabzon biegen wir ein zweites Mal ins Hinterland ab. Wir wollen zum Sumela-Kloster, das hinter Maçka in einem Naturpark liegt. Nach dem Passieren der Mautstelle verpassen wir die direkte Zufahrt zum Kloster und machen auf der Suche nach ihm, mal wieder bei ständigem Regen, eine abenteuerliche Allrad-Runde auf schlammigen Wegen durch den Nationalpark. Schließlich kommen wir aber doch am völlig überfüllten Parkplatz an. Allein drei Reisebusse haben mehrere Schulklassen ausgeladen, zwischen denen ich den Fußweg zum Kloster hinauf antrete. Christa verzichtet bei dem Sauwetter auf die Besichtigung, bereitet inzwischen die Kaffeepause vor. Im dichten Wald sind bei tiefhängenden Wolken die Mauerreste des Klosters kaum zu erkennen. An Fotos ist gar nicht zu denken. Ich verzichte auf eine Innen-Besichtigung, breche den Ausflug ab. Nach der Kaffeepause, fahren wir zurück an die Küste, und dort auf der vierspurig ausgebauten Europastraße, durch die der frühere Charme der Küstenlinie komplett zerstört wurde. Immer noch im ergiebigen Regen sind mit uns unzählige, dicke Gischtfahnen hinter sich herziehende Lastzüge unterwegs, die von und nach Georgien hetzen. Über Leitplanken und durch Drahtzäune hindurch sehen wir das bergig-felsige Ufer mit eingelagerten, kleinen Sandbuchten, können aber keinerlei Zugang ausmachen. Für Christa also keine Chance zum Muscheln suchen.

Teeanbaugebiet bei Hopa
Teeanbaugebiet bei Hopa

In Hopa, der letzten türkischen Stadt vor der georgischen Grenze, sind wir mittendrin im türkischen Tee-Anbaugebiet und im typischen Schwarzmeer-Klima. Es ist feucht-mild, anders ausgedrückt: aus den von Norden tief über das Meer heranziehenden Wolken regnet es unablässig. Es ist der Garant für den Teeanbau. Rechts und links der kurvenreichen, stetig ansteigenden Straße schwingen sich endlose Teeplantagen bis auf über 700 Meter Höhe über die Berghänge hinauf. Sie enden erst kurz vor Artvin, wo sich das Tal des reißenden Flusses in einen Canyon zwängt. Direkt hinter der Stadt wird er mit einer noch im Bau befindlichen, wuchtigen Kraftwerksmauer aufgestaut. Die ganze Gegend ist eine riesige Baustelle. Staub, Bagger, Kipper und Container-Dörfer überall. Ihretwegen verzichten wir auf die Besichtigung des oberhalb der Stadt versteckt liegenden Kirchleins, fahren weiter. Zunächst noch eine ganze Strecke entlang des für den Stausee ausgefrästen Flusstales, danach durch das traumhafte, enge Tal des Besta Snyn. Das Wetter ist inzwischen besser, und es wird uns auch auf unserer Fahrt gen Süden entlang des imposanten Çoruh-Nehri-Flusses noch begleiten.

Staudamm bei Artvin
Staudamm bei Artvin

Durch dichte Wälder und Hochalmen schlängeln wir uns hinauf zum 2.640 Meter hohen Pass Çam Geçidi. Wir wussten, dass es hier oben wie im Schwarzwald aussehen soll. Dennoch, als wir die Hochebene hinter der etwa 1.000 Meter hoch liegenden Stadt Şavşat erreichen, verschlägt es uns doch die Sprache. Unvermittelt tauchen vor uns haushohe Reklametafeln auf, die auf die verschiedenen Skigebiete, Hotels und Restaurants in der Umgebung hinweisen. Unzählige Skilifte ziehen sich zwischen den Waldstücken im Skizentrum Ilgaz die saftig-grünen, leicht ansteigenden Hänge hinauf. Dazwischen ducken sich einzelne Ferien-Holzhäuser mit von Steinen beschwerten Dächern in die Talmulden. Die Passstraße ist auf 1.800 Metern kein Asphaltband mehr, sondern mit kleinen, schwarzen Kopfsteinen gepflastert. Rechts und links in den Parkbuchten ist sie gesäumt von Pistenraupen und Schneefräsen. Es hat so gar nichts Türkisches hier oben. Wir fühlen uns tats&aumhlich wie in den Alpen.

Alpenpanorama bei Ilgaz
Alpenpanorama bei Ilgaz

Eine völlig andere Landschaft erwartet uns hinter dem Pass. Auf dem Weg nach Ardahan wird uns erstmals so richtig bewusst, dass die gesamte Osttürkei von gewaltigen, in Ost-West-Richtung verlaufenden Gebirgszügen im Norden und Süden bestimmt wird. Zwischen diesen beiden erstreckt sich diese unendliche Hochebene, durch die wir jetzt fahren. Bis auf wenige Ausnahmen liegen alle größeren Städte auf Höhen von weit über 1.000 Metern. In den nächsten Tagen werden wir uns fast durchweg auf Höhen von über 1.600 Metern bewegen. So ist auch nicht weiter verwunderlich, dass die Straße von der Passhöhe bis nach Ardahan kaum abfällt. Die Stadt liegt schließlich auf 1.800 Metern Höhe. Und dieser Höhenlage angepasst zeigt sich auch die Gegend. Baumlose, schwarzerdige Hochmoore mit eingelagerten Seen und Tümpeln bestimmen das Landschaftsbild. Dazu Kühe, Schafe, Pferde und verstreute Siedlungen aus ärmlichen, mit Gras gedeckten Lehm- und Holzhütten, zwischen denen Dung als Heizmittel aufgeschichtet ist. Hin und wieder trabt ein einsamer Reiter irgendwo am Horizont entlang. Zuweilen führt die holprige, mit Flicken und Löchern übersäte Straße aber auch an Dörfern vorbei, in denen bereits die Ansiedlungspolitik der aktuellen Regierung sichtbar wird. Mit quadratischen, gemauerten Einheitshäusern, gedeckt mit in den spärlichen sonnigen Momenten glänzenden Blechdächern.

Schneebedeckte Gipfel bei Ardahan
Schneebedeckte Gipfel bei Ardahan

Es ist eine völlig andere Welt, die uns hier oben in ihren Bann zieht. Wir können uns die klirrende Kälte und den eisigen Wind in den bis zu minus 40 Grad kalten Wintern wie auch die prügelnde Hitze von plus 40 Grad im Sommer gut vorstellen, die das Leben in dieser Gegend zum reinen Überlebenskampf machen. Die endlos-weiten Grasflächen, in denen kein Baum und kein Zaun dem Blick einen Fixpunkt geben, haben fast etwas Mystisches. Als ob jeden Moment eine wilde Reiterhorde aus dem Nichts heran preschen würde. Möglich, dass auch den Fahrer des Dolmus vor uns solche Gedanken bewegen. Groß prangen, wie an fast allen Lastwagen hier, die Großbuchstaben „ALLAH KORUSUN“ am Fahrzeugheck: „Allah beschütze“. Vielleicht liegt unsere melancholische Stimmung aber auch nur am Wetter. Tief ziehen dicke Regenwolken von den schneebedeckten Bergen über den See Çildir Gölü, den Eissee, hinweg, den wir im Dauerregen auf der Fahrt nach Kars umrunden.

Hoffentlich hilft's
Hoffentlich hilft's

Die Zusatzrunde um den See führt dazu, dass wir die Stadt erst bei völliger Dunkelheit und während eines heftigen Gewitters erreichen. Auf der Suche nach einem Übernachtungsplatz werden wir mal wieder an einer Tankstelle fündig. Seitdem tragen zwei Tankwarte Baseballkappen deutscher Reisemobilfirmen.

Am nächsten Tag ist das Wetter zwar etwas besser. Aber immer noch verteilen sich riesige Wasserpfützen über das buckelige Kopfsteinpflaster. Die zu Füßen einer Furcht einflößenden Festungsanlage liegende und durch ihren Käse und ihre Teppiche bekannte Stadt soll 1877 von Russen während deren Besatzung angelegt worden sein. Und so sieht sie auch aus. Mit ihrem rechtwinkligen Grundriss, dem üblen Straßennetz, den schmutzigen Häusern und dem Braunkohle-Heizungsgestank erscheint sie uns wie Ostblock pur. Lange halten wir uns in dieser trostlosen Stadt nicht auf.

Straßenszene in Kars
Straßenszene in Kars

Nach einem umfangreichen Einkauf – Brot, Gemüse, Obst, Grillhähnchen – steuern wir unser nächstes Ziel an: Ani. Weil die Stadt direkt an der Grenze zum heutigen Armenien liegt, durfte die Stichstraße dorthin bis zum Ende der Sowjetunion nur im Polizei-Konvoi befahren werden. Fotografieren war strengstens untersagt. Die Kameras wurden sogar eingesammelt. Das hat sich inzwischen zum Glück grundlegend geändert. Sonst würden wir da auch nicht auf eine geführte Reisegruppe aus Österreich und der Schweiz treffen, die gerade ihre Reisemobile und Wohnwagen-Gespanne für die Weiterfahrt herrichten. Ihre Chemie-Toiletten leeren sie nach der Übernachtung in der Platz-Toilette, Frischwasser schleppen sie in Kanistern zu den Fahrzeugen, die auf einem primitiven Fußballplatz zur Wagenburg aufgebaut sind.

Viel ist nicht mehr übrig von der einstigen Hauptstadt der Armenier, die um die Mitte des 13. Jahrhunderts 100.000 Einwohner, 10.000 Häuser und 1.000 Kirchen zählte. In dieser Zeit war das armenische Großreich einer der wildesten Unruheherde des Mittelalters. Doch das Osmanische Reich verwandelte die meisten armenischen Kirchen in Moscheen und die Burgen zu Palästen um. Und in den Wirren des Ersten Weltkriegs begann es, die christlichen Armenier aus ihren Häusern zu vertreiben, sie zu deportieren, in der Wüste dem Tod zu überlassen oder zu ermorden. Zwischen einer und eineinhalb Millionen Armenier sollen dabei in kurzer Zeit umgekommen sein.

Armenische Kirche in Ani
Armenische Kirche in Ani

Hinter den immer noch beeindruckenden Resten der mächtigen Stadtmauer verteilen sich auf einer ausgedehnten Ebene neben einer Vielzahl von Grundmauern unterschiedlicher Gebäude die immer mehr verfallenden Ruinen einiger Kirchen, eines Klosters und einer Zitadelle – verbunden durch Trampelpfade und versehen mit Hinweistafeln. Wir können von hier aus direkt nach Armenien blicken, das nur durch das tief eingeschnittene Flussbett des Arpa Çayi von uns getrennt ist, und in dessen steilen Uferhängen ungezählte Felsenwohnungen, Vorratsräume und Stallungen eingegraben sind. Zu unserem Erstaunen pilgern mit uns eine erkleckliche Zahl türkischer Touristen durch das weitläufige Areal. Allerdings verkneifen wir uns aus gutem Grund nach den Gründen für ihr Interesse zu fragen. Nach wie vor ist das Thema Vertreibung und Völkermord an den Armeniern ein ganz heißes politisches Eisen und wird von der Türkei auf das Heftigste bestritten. Angeblich wird sogar dessen bloße Erwähnung bestraft.

Was uns regelrecht ins Auge springt, ist die Tatsache, dass im ganzen Land, besonders aber hier im äußersten Osten, wie verrückt gebaut wird. Häuser, vor allem aber Straßen. Kilometerlang holpern wir auf provisorischen Pisten neben den im Bau befindlichen, vierspurigen Durchgangsstraßen. Selbst in kleinsten Dörfern werden Unterführungen und Tunnels für kreuzungsfreien Schnellverkehr gebaut. Und auf den Straßen selbst hier in dieser abgeschiedenen Region verkehren die neuesten Modelle Sprinter, VW Crafter, Renault Master und Fiat Ducato neben Toyotas als Dolmus-Sammeltaxis. Und das auch noch überwiegend mit Klimaanlagen, Lederlenkrädern, lackierten Kunststoffteilen und Spoilern sowie Alufelgen toll aufgemotzt. Keine Frage. die Wirtschaft in der Türkei brummt. Das belegt auch die Tatsache, dass wir an allen Tankstellen, selbst im vermeintlichen Nirgendwo, mit der Kreditkarte bezahlen können.

Überall werden Straßen ausgebaut
Überall werden Straßen ausgebaut

Je höher wir auf der Weiterfahrt zu unserem nächsten Ziel unter tief hängenden Wolken hinaufkommen, umso öder und karger wird die Landschaft. Vorbei an ärmsten Hüttendörfern und Reisfeldern auf etwa 800 Metern Höhe steigt die Straße unmerklich aber konstant immer höher und näher an den Ararat heran. Schon weit vor Doğubayazit bewegen wir uns auf der Hochebene von rund 2.000 Metern. Immer wieder halten wir an, um ein Wolkenloch zu erwischen, durch das wir den Ararat, den mit 5.137 Metern höchsten Berg der Türkei, fotografieren können. Ohne Erfolg. Den sagenumwobenen Gipfel, auf dem die Arche Noah gelandet sein soll, verdeckt eine dicke Wolkensuppe. Und es regnet ununterbrochen. Deswegen halten wir uns auch im quirligen Doğubayazit nicht lange auf, pflügen durch knöcheltief überschwemmte Straßen und fragen uns durch zur Ausfallstraße, die auf den 300 Meter hochragenden Felsvorsprung mit dem Ishak Paşa Sarayi hinauf führt, auf das wir mit besonderer Neugierde gespannt sind.

Das Ishak Paşa Sarayi
Das Ishak Paşa Sarayi

Wir quartieren uns etwas oberhalb des Serails auf dem sogenannten Campingplatz neben einer Taverne ein, von wo wir einen unglaublichen Blick auf dessen Ruine und die weiteren Festungsgebäude in seiner näheren Umgebung, die tief unter uns liegende Stadt und den daneben in die Wolken aufragenden Aratat haben. Morgen, so unsere Planung, wollen wir das alles auf unsere Kamera-Speicherkarte laden. Aber schon jetzt ist zu unserer Überraschung das von dem Feudalherren Ishak Paşa II. im 18.Jahrhundert errichtete Serail entgegen allen Bildern, die wir bisher von ihm gesehen haben, vollständig mit Glas abgedeckt. Sinnvoll ist das allemal. Denn so bleiben die Mauerreste, mehr ist eh’ nicht mehr erhalten von dieser Mischung aus wehrhafter Festung und orientalischem Palast, vor dem harten Wetter einigermaßen geschützt auch späteren Generationen noch erhalten.

Enttäuschung am nächsten Morgen. Das Wetter ist kein bisschen besser. Es regnet immer noch. Die Wolken hängen sogar noch tiefer am Ararat. Und beim Frühstück in der Taverne erfahren wir, dass erstens das Wetter noch mindestens eine Woche so bleiben soll, und dass zweitens heute am Montag in der Türkei die meisten Museen geschlossen sind. So auch das Serail. Notgedrungen schießen wir ein paar verregnete Fotos vom Serail, malen uns in Gedanken aus, wie der Hausherr weitab jeglicher Kontrolle durch Könige und Sultane und finanziert durch Schutzgelder und Wegezölle, hier oben sein Leben in Saus und Braus genossen haben mag und machen uns schweren Herzens auf zu unserem nächsten Wunschziel, dem Van-See. Auf dem Weg hinunter in die Stadt nehmen wir zwei Tramper samt ihren Riesenrucksäcken zum Dolmus-Bahnhof mit. Dann quälen wir uns durch die überfluteten, engen Gassen und drehen schließlich ab in Richtung Van-See.

Typisches Dorf in der Osttürkei
Typisches Dorf in der Osttürkei

Im Verlauf der Fahrt durch eine für unsere Augen fast irreale Landschaft mit Hochmooren, Steinhaufen und Dörfern, die sich je nach Möglichkeiten zum Ackerbau entweder unglaublich arm oder wohlhabend mit Steinhäusern im Einheitsgrundriss und glänzenden Blechdächern präsentieren, bessert sich das Wetter langsam.

Der salzige Van-See
Der salzige Van-See

Der auf 1.646 Meter Höhe liegende Van-See ist siebenmal so groß wie der Bodensee, hat keinen Abfluss und ist durch die Verdunstung so salzig, dass in ihm keine Fische leben können. Geprägt wurde auch diese Gegend von den Armeniern, beziehungsweise ihren Vorfahren, den Urartäern. Rund um den See trifft man auf die Zeugnisse ihrer Kultur. In Van und Tatvan, die im letzten Jahr von einem heftigen Erdbeben heimgesucht wurden, genauso wie in Ahlat. Uns interessiert aber vor allem die armenische Kreuzkuppelkirche auf der Insel Ahtamar, die sich aus einer größeren Anlage mit Palast und Kloster in unsere Zeit hinüber gerettet hat. Zusammen mit türkischen Urlaubern lassen wir uns von einem Ausflugsboot auf die Insel übersetzen und bestaunen das im Jahr 2007 renovierte Kleinod mit seinen prächtigen Flachreliefs an den Außenwänden.

Armenische Kreuzkuppelkirche auf der Insel Ahtamar
Armenische Kreuzkuppelkirche auf der Insel Ahtamar

Reliefs an der Kreuzkuppelkirche
Reliefs an der Kreuzkuppelkirche

Die immer dichter werdenden Polizei- und Armeekontrollen – uns Touristen winken die Uniformierten allerdings stets höflich durch – machen klar: wir nähern uns dem landschaftlich zwar sehr reizvollen, aber von den radikalen kurdischen Freiheitskämpfern Peshmerga kontrollierten Hochland rund um Hakkari. Wir verkneifen uns die Fahrt dorthin, drehen stattdessen nach Westen ab und fahren über den von Hippies bevölkerten Ort Hasenkeyf zum Kloster Mor Gabriel. Mitten im kargen, sandigen Nichts empfängt es uns als eine Oase der Stille und des Friedens. Die gesamte Anlage ist durch eine Mauer umschlossen und präsentiert sich samt Weinbergen und Stallungen akkurat-sauber und gepflegt. Total überrascht sind wir, dass sich bei unserer Ankunft, ganz anders als in sonstigen Klöstern, wie von selbst die Schranke öffnet und uns, noch bevor wir unsere Bitte um Besichtigung äußern können, zwei Klosterschüler einladen, in unserem Fahrzeug im Innenhof des Klosters zu übernachten.

Übernachtungsplatz im Kloster Mor Gabriel
Übernachtungsplatz im Kloster Mor Gabriel

Mutterseelenallein können wir durch die Klosteranlage laufen, auch durch die alten, bestens renovierten, aus dem Gründungsjahr 385 n. Chr. stammenden Gebäude. Gegen Abend kommt der Bischof mit Gefolge auf seinem Rundgang bei uns am Reisemobil vorbei, und wir unterhalten uns über das Christentum in der Türkei, die Möglichkeiten des Klosters, aber auch dessen Beschränkungen, zum Beispiel dem Verbot Nachwuchs anzuwerben.

Der Bischof macht seine Runde
Der Bischof macht seine Runde

Eine völlig andere Kultur erleben wir nur etwa 200 Kilometer weiter westlich, ebenfalls nur einige Kilometer von der syrischen Grenze entfernt, in Harran, heute Altinbaşak, das wir über Midyat, Mardin Und Urfa (Sanliurfa) erreichen. Noch bevor wir im Ort ankommen, fängt uns ein selbst ernannter Stadtführer ab, der uns irgendeinen Ausweis unter die Nase hält. Er ist angeblich Lehrer an der hiesigen Schule, der seine acht Geschwister und die gesamte Großfamilie ernähren muss. Weshalb er auch nicht heiraten kann. Und er will uns vor allem vor den vielen, hier herum lungernden und bettelnden Kindern bewahren. Mit anderen Worten: das ganze Programm, wie wir es aus Nordafrika zur Genüge kennen. Trotzdem lassen wir uns auch diesmal, wenn auch nicht voller Begeisterung, breitschlagen. Man weiß ja nie, was den Jungs alles einfällt, etwa mit dem weitab geparkten Sprinter. Zumindest handeln wir unseren Fremdenführer von völlig utopischen 80 auf immer noch unverschämte 60 Türkische Lira herunter.

Das Lehmtrullidorf Harran
Das Lehmtrullidorf Harran

Der Ort selbst ist neben der verfallenen Festung und Resten einer Zitadelle, der Großen Moschee und der Stadtmauer, von deren sieben noch fünf Stadttoren erhalten sind, vor allem wegen seiner merkwürdigen, aneinander gereihten Lehm-Trullihäuser berühmt. Die sind heute allerdings in den meisten Fällen zu Museen, Souvenirshops und Tavernen umgewidmet. Die paar Einheimischen leben nebenan in Steinhäusern. In ein solches lädt uns denn auch die weitläufige Familie unseres Fremdenführers ein, die mitten im Ort einen Museumsshop samt Taverne betreibt und mit der wir uns sehr intensiv beim nachmittäglichen Tee unterhalten. Erfreut nehmen wir die Einladung zu einem „Original-Harran-Dinner“ (für 10 Türkische Lira pro Person) an. Immer mehr Familienmitglieder finden sich im Laufe des Spätnachmittags um uns herum ein. Zu unserem Erstaunen auch junge Frauen, die ihre leuchtend blauen, kunstvoll bestickten Kopftücher lediglich über die hintere Kopfhälfte gelegt haben. Zigaretten rauchend, Tee trinkend und ganz offen und mit festem Blick in Englisch mit uns diskutierend, hat die Situation so gar nichts von dem, was wir bis dato von Frauen im Islam kannten.

Deswegen erstaunt uns auch nicht, dass sich zum Abendessen die gesamte Familie von den Großeltern bis zu den Enkeln, Frauen und Männer gemeinsam, mit uns auf dem Boden rund um eine über die Teppiche ausgebreitete, militärgrüne Plastikplane im Schneidersitz versammelt. Obwohl, Schneidersitz ist das bei uns beiden Westeuropäern nicht wirklich. Wir versuchen uns irgendwie auf die Fersen zu hocken. Doch selbst dabei habe ich auf die Dauer Probleme und erinnere mich unter Schmerzen und Krämpfen im rechten Fuß an die Aussage eines Teppichhändlers in Tunis: „Allah hat uns Menschen die Gelenke nicht zum Arbeiten gegeben, sondern zum Beten.“ Und zum Essen, würde ich gern ergänzen.

Herberge in Harran
Herberge in Harran

Zum Glück ist das Original-Harran-Dinner kein Fünfgangmenü, sondern recht schmale Kost. Vor jedem steht ein Blechteller mit einer dünnen Joghurtsuppe, dazu fischt man sich mit Gemüse gefüllte Blättertaschen aus einem in der Mitte aufgehäuften Berg und ergänzt das Ganze mit Bruchstücken von Fladenbrot. Einziges Möbelstück in diesem Raum ist der Flachbild-Fernseher, in dem gerade das Fußball-Pokalendspiel der Türkei läuft. Das interessiert aber nur die Jungen. Opa spielt, wie schon den ganzen Nachmittag, an seinem Handy herum. Und Oma schiebt sich nach ein paar Bissen zurück an die Wand, fischt ihre Zigaretten aus dem Kleid und quarzt, während alle anderen noch essen, die Bude voll. Irgendwie sind wir baff. Vorurteile und Klischeés ade? Oder doch nicht? Der Hammer kommt beim Bezahlen und der Verabschiedung. Plötzlich will der Hausherr außer dem Obolus für das Essen noch 20 Türken-Lira für den Übernachtungsplatz auf seinem Grundstück haben. In mein verdutztes Gesicht blafft er mich an, ob ich mir das eventuell nicht leisten könne und er mir das Geld vielleicht geben soll.

Das Erlebte beschäftigt uns selbst am nächsten Tag noch, als wir auf der Weiterfahrt nach dem Passieren und der Besichtigung des Atatürk-Staudamms - ist sehenswert aber nicht vergleichbar mit dem von Artvin - rund 150 Kilometer nördlich von Harran in den Nemrut-Daği-Nationalpark einfahren.

Grabhügel des Königs Antiochas von Kommagene
Grabhügel des Königs Antiochas von Kommagene

Der Nationalpark erstreckt sich über mehrere Bergmassive, in denen sich weit verstreut Plastiken, Reliefs, Säulen und andere Überbleibsel früherer Epochen finden. Die Hauptattraktion aber ist das Plateau auf dem „Berg der geköpften Götter“ mit dem Grabmal des Kommagene-Königs Antiochos, einem Nachfahr Alexander des Großen. Um das zu erreichen, müssen wir zunächst über endlose Serpentinen bis zum Parkplatz vor einer Berghütte auf 2.200 Meter hochkurbeln. Die letzten fast 300 Höhenmeter sind von da ab nur zu Fuß zu bewältigen. Doch uns spielt mal wieder das Wetter einen Streich. Schon der Parkplatz hängt in dicken Wolken, oben ist die Suppe noch dicker. Zudem weht ein starker Wind. Mit Fotografieren ist nicht viel. Deswegen bleibt Christa lieben im Sprinter, und ich klettere auf dem steinigen Anstieg allein durch die Wolken. Mir entgegen kommt ein japanisches Fernsehteam, das am Vormittag noch einen Helikopterflug um das Plateau gemacht hatte und nun anstatt noch Details zu filmen, ihr Equipment auf Lastesel verteilt, bergab stolpert.

Was es oben zu sehen, ist trotz der Wolken beeindruckend. Auch wenn es so ganz anders aussieht als auf den Postkarten und offiziellen Fotos. Denn die mannshohen, von Erdbeben und durch Vandalismus heruntergestürzten Köpfe der Kolossalstatuen liegen nicht über das Plateau verstreut herum, sondern stehen akkurat aufgereiht hinter einer Absperrung, und ein gestrenger Uniformierter wacht darüber, dass niemand die Ketten-Barriere übersteigt. Einen stärkeren Eindruck als diese Köpfe hinterlassen bei mir die weiter oben stehenden Sockel und Rumpfteile der Riesenstatuen. Sie ragen von der 50 Meter hohen, aus rund einer Million Tonnen Kieselsteinen aufgeschütteten Grab-Pyramide des 100 v. Chr. gestorbenen Kommagene-Herrschers in die dichte Wolkensuppe.

Relief im Park
Relief im Park

Zum Übernachten nach der Besichtigung fahren wir hinunter durch den Milli Parki National-Park und übernachten in 1.000 Meter Höhe auf einem angeblichen Campingplatz neben einem Andenkenladen. Dessen Besitzer gibt sich als begnadeter Fremdenführer, dessen einzige Erklärung an allen möglichen Säulen, Mauerresten oder Höhleneingängen in den Worten gipfelt: „This one here, rumms, kaputt“. Und er kann es noch besser. Nach dieser mehr amüsanten als lehrreichen Führung bietet er an, für uns morgen das Frühstück zu organisieren. Und das wird uns, nach einem Gewitter und Dauerregen in der Nacht in ewiger Erinnerung bleiben. Mehr bibbernd als ausgeschlafen lassen wir uns gespannt auf den mit Teppichen belegten, rustikalen Holzbänken vor einem grob zusammen gezimmerten Tisch vor seinem Andenkenladen nieder. Nach einer ebenso kurzen wie freundlichen Begrüßung holt er zwei mit Plastikfolie abgedeckte Teller aus seinem Kühlschrank und serviert sie uns freudestrahlend und erwartungsvoll. Wir strahlen pflichtschuldigst zurück, obwohl uns beim Anblick unseres Frühstücks noch mehr fröstelt: ein eiskaltes Ei, Käse, Tomaten, Gurkenscheiben, Fladenbrot. Dazu: kein Kaffee, um sich wenigstens die Finger an den Tassen zu wärmen. Der obligatorische Tee ist zwar heiß. Aber in diesen Minigläsern? Ein Schluck und tschüss. Dreimal erbitten wir weiteren Tee. Die Finger wärmt das kaum. Und uns auch nicht. Wir sind halt verweichlichte Städter.

Unsere Früstücksecke
Unsere Früstücksecke

Müde, frierend, aber leidlich gestärkt verabschieden wir uns von unserem Gastgeber und fahren nacheinander alle wesentlichen Sehenswürdigkeiten im Milli Parki ab. Danach geht es über Adiyaman, Besni und Gaziantep Richtung Südküste. Auf der Autobahn bis Ceyhan, dann durch landwirtschaftlich äußerst ertragreiches Flachland mit vielen Plastik-Behausungen von Wanderarbeitern an die Küste bei Karatas. Der Campingplatz in diesem beliebten Ferienort existiert nicht mehr oder ist noch nicht geöffnet. Die vermeintliche Einfahrt ist durch Schranken und Pfosten gesperrt. Wir übernachten auf einem Parkplatz am Meer, am Rande einer Feriensiedlung. Am nächsten Tag fahren wir bei schönstem Reisewetter über Adana mit seiner prächtigen Moschee, Tarsus und die Kilikische Pforte nach Kappadokien. Anders als vor 20 Jahren passieren wir, ohne es richtig wahrzunehmen, die geschichtsträchtige Kilikische Pforte, durch die mittlerweile vier übereinander liegende Autobahnen führen. In Kappdokien angekommen, fahren wir über Uchisar nach Göreme, wo wir uns auf dem an einem Tuffsteinhang klebenden Campingplatz Panorama-Camping einquartieren.

Ballons über dem Campingplatz
Ballons über dem Campingplatz

Kurz nach sechs geht das Spektakel los. Über uns zischen einige Dutzend Ballons verschiedener Unternehmen ihre Gasflammen in die bunten Hüllen, treiben langsam durch das enge Tal, schieben sich dicht an dicht an die Tuffsteinwände, steigen an ihnen empor, und landen schließlich punktgenau auf den über Funk heran dirigierten Anhängern der auf den Wiesen verstreut wartenden Geländewagen oder Kleinbussen. Bei großem Hallo und Applaus noch ein schneller Schluck Sekt aus dem Plastikbecher, dann ist Schluss mit Gekreische und Fotografieren. Die Passagiere krabbeln in die Kleinbusse, die Ballons sind in Windeseile zusammengefaltet und die Fahrzeugkolonnen in Richtung Hotels abgefahren. Im Tal kehrt wieder wohltuende Stille ein. Und wir können, nachdem ich oberhalb des Camping-Platzes eine Stunde lang fotografiert habe, endlich frühstücken. Insgesamt drei Tage bleiben wir in Kappadokien, erkunden zu Fuß und mit dem Sprinter die ganze Gegend: Zelve und Uchisar, das Göreme-Valley, mit dem unserer Meinung nach schönstem Ort Ortahisar, Ürgüp, Sultanpasa, das Drei-Kirchen-Tal, das Souvenir-Paradies Avanos und zum Abschluss das Ihlara-Tal, in dem wir steil hinunter und wieder hoch zum Sprinter die fünf wichtigsten Kirchen besichtigen.

Wohnen im Tuffsteinkegel
Wohnen im Tuffsteinkegel

Zurück zur Westküste fahren wir über Nigde und erneut die Kilikischen Pforte. Diesmal wollen wir unser Aha-Erlebnis wiederholen, das wir bei unserer ersten Reise vor über 20 Jahren hatten. Deswegen fahren wir nicht auf der Autobahn, sondern auf der Bundesstraße. Doch von da ist der Anblick noch scheußlicher. Der schmale Spalt zwischen steil aufragenden Felswänden ist durch vier Straßen übereinander verlaufende Autobahnen bis zur Unkenntlichkeit verschandelt. Im Umfeld nichts als Baustellen, überfüllte LKW-Rastplätze, Baumaschinen, Dreck und Staub. Der blanke Horror. Es ist absolut nichts mehr von dem zu erahnen, was sich in früheren Jahrhunderten hier abgespielt hat und welche strategische Bedeutung diese Engstelle einst hatte.

Weatküste

An der Westküste wollen wir die Touristenburgen weitgehend meiden, nur ausgewählte Highlights besuchen. Beim Passieren der ebenso großen wie hässlichen Stadt Mersin, in der riesige Hotel- und Wohnkisten bis an den Strand reichen, tröpfelt es mal wieder. Hinter Silifke wird die Landschaft ansehnlicher, weil bergiger. So weit das Auge reicht, reifen hier Tomaten unter Plastikfolien. Auf dem Paradies-Camping, am Strand direkt neben der Burg von Anamur gelegen, checken wir ein und bleiben vier Tage. Wir besichtigen die Burg, gammeln, sonnen, schwimmen, machen Strandspaziergänge, gehen essen, waschen auf dem Platz zwei Maschinen Wäsche, putzen und checken den Sprinter – das übliche Campingleben eben. Übrigens zum letzten Mal auf dieser Reise.

Campingplatz Mamure Kalesi in Anamur
Campingplatz Mamure Kalesi in Anamur

Die wenigen Campingplätze, die wir auf unserer Weiterreise sehen oder anfahren, sind zum größten Teil eher Zeltplätze mit tief hängenden Ästen, engen Durchfahrten, für Reisemobile überhaupt nicht geeignet. Aber zum Glück nimmt niemand Anstoß an freiem Übernachten, weder an Stadträndern noch an nicht überlaufenen Stränden. Zudem finden sich sehr schöne Stellplätze in Naturparks.

Die Weiterfahrt entlang der Küste bietet uns bis Gazipasa eine tolle Bergstraße mit vielen Serpentinen und ständig neuen Blicken auf das Meer. Dann wird die Straße breiter, der Tourismus-Verkehr nimmt zu. In Alanya machen wir uns den Spaß und fahren mit dem Sprinter die steile, enge Straße hinauf zur Burg. Unten in der Stadt sehen wir zum ersten Mal, dass die Geschäfte ihre Waren und Souvenirs dominant in russisch anbieten. Diese Tatsache wird uns fortan auf unserer Weiterfahrt entlang der Küste über die Touristen-Hochburgen Side, Aspendos, Antalya und Kemir begleiten.

Blick auf Alanya
Blick auf Alanya

Hinter Kemir, dessen Küste mittlerweile komplett zugebaut ist, verlassen wir die Durchgangsstraße und fahren Richtung Küste hinunter nach Cirali, Yanastas und Günübürlik-Alani in die Bucht von Olympos und zu den Chimaira-Grotten. Die sandige Bucht unter den steilen Felsen ist ein echter Geheimtipp – nicht nur für Aussteiger, sondern auch für Kulturbeflissene. Ungezählte kleine Pensionen und Tavernen verbreiten noch heute den Hippie-Flair, der die Ecke bekannt gemacht hat. In der Bucht ankern Ausflugsschiffe und Segelboote, deren Passagiere baden, surfen oder sich im weißen Sand sonnen. Dort ausgestreckt hat sich auch ein Althippie, der von seinen Zeichnungen und vom Tauchen nach Tintenfischen lebt.

Hippiestrand Olympos
Hippiestrand Olympos

Unser nächstes Ziel ist die versunkene Stadt Kekova, die wir über Kale und die Stadt Myra mit ihren Felsengräbern erreichen. Wir übernachten vor dem Touristen-Hafen, aus dem die Ausflugsboote zur versunkenen Stadt bei Kekova fahren. Für die Rundfahrt zur und über die versunkene Stadt buchen wir für 80 Türkische Lira ein kleines Ausflugsboot für uns allein. So können wir uns in aller Ruhe über die unter uns im Wasser stehenden Mauerreste, Säulen, Treppen und Straßen treiben lassen, durch die nun Fischschwärme ziehen. Der berühmte Sarkophag, die meist fotografierte Sehenswürdigkeit dieser Stadt, steht nur deswegen noch im Wasser, weil - wie bei der Kirche im Reschensee – ein Damm das Wasser am abfließen hindert. Und noch schlimmer: Vom Boot aus ist der Sarkophag nur ganz kurz zwischen zwei Hügeln zu sehen.

Sarkophag bei Kekova
Sarkophag bei Kekova

Auf bergig-felsiger Uferstraße geht es weiter nach Fethiye und Ölüdeniz mit dessen blauer Lagune und dem blendend-weißen Sandstrand, nach wie vor das Highlight der türkischen Tourismuswerbung, von der wir bei unserer ersten Reise hin und weg waren. Doch diesmal ist nichts als bittere Enttäuschung. Die gesamte Bucht, in der sich früher nur zwei Campingplätze und ein paar Privathäuschen direkt am Strand ausbreiteten, ist nun zubetoniert. Eine Ferienanlage und ein Hotel stehen am anderen. Die Straßen sind von Taxis verstopft, der Zugang zum Strand kostenpflichtig, die Campingplätze hat man rechter Hand in ein grässliches Gelände am stinkenden, toten Arm der Lagune verbannt. Kein Ort, an dem man sich noch wohlfühlen kann. Da fahren wir doch lieber gleich in die Berge zu den Sinterterrassen von Pamukkale. Dort hat sich zwar auch alles weiterentwickelt, aber nicht nur zum Negativen hin. Zum Übernachten fahren wir den Platz Tepe-Camping auf dem Berg weit oberhalb der Kalk-Sinterterrassen an. Es ist ein wunderschöner Platz mit gepflegtem Rasen und blitzsauberem Pool, auf dem wir die einzigen Gäste sind.

Sinterterrassen von Pamukkale
Sinterterrassen von Pamukkale

Klar, dass auch Pamukkale nicht mehr so sein kann wie vor zwanzig Jahren, als wir noch frei zugänglich in den Terrassen baden konnten. Das gesamte Gelände ist heute ein eingezäunter Naturpark. Wo sich früher nur ein Schotter-Parkplatz und ein Campingplatz ausbreiteten, ist heute ein riesiger Parkplatz, auf dem bei unserer Ankunft mindestens 20 Reisebusse stehen. Eine dichte Menschentraube, darunter viele Russen in Badehose und Bikini über mächtigen Leibern, schiebt sich in Richtung Kasse und Eingang. Die Terrassen sind nicht komplett gesperrt, wie immer wieder behauptet wird, sondern lediglich ein paar besonders bedrohte. Aber zum Glück achten strenge Wärter an den zugänglichen darauf, dass Schuhe draußen bleiben und sich die Massen einigermaßen gesittet in den Naturbecken bewegen und benehmen.

Arkadenstraße von Hierapolis/Pamukkale
Arkadenstraße von Hierapolis/Pamukkale

Die meisten (Damen) räkeln sich aber sowieso vor den Pools auf den nackten Salzrücken vor den Handys und Kameras ihrer Partner. Eindeutig besser als früher empfinden wir, dass der gesamte Park eingezäunt und gut gepflegt ist. So können wir die riesige Gesamtanlage des früheren Hierapolis mit all ihren Tempeln, Gräbern, Sarkophagen, Wegen, dem Theater und den künstlich angelegten Badebecken wesentlich besser überblicken und entdecken. Das alles war vor zwanzig Jahren total überwuchert und nur ganz schwer auszumachen. Ganz am Ende der Anlage ist eine ganze Beckenlandschaft angelegt, in der man baden könnte. Aber kaum einer kommt so weit, obwohl Shuttlebusse die gesamte Anlage abfahren. Auch wenn sich das alles total verändert hat, sind wir insgesamt doch eher positiv überrascht.

Ferienidylle auf der Halbinsel Datςa
Ferienidylle auf der Halbinsel Datςa

In dichten Wolken fahren wir über Mugla zurück an die Küste nach Marmaris, wo sich uns die Zufahrt als eine riesige Straßenbaustelle präsentiert. Wegen der vielen Sperrungen finden wir auch die Zufahrt zu den beiden Campingplätzen nicht. Wir übernachten hinter Marmaris romantisch in einem Milli Parki am Ufer unter hohen Bäumen etwa auf halbem Weg in Richtung Datςa auf der gleichnamigen Halbinsel. Am nächsten Morgen biegen wir etwa achtzehn Kilometer vor dem Ort Datςa links ab in eine Bucht am kilometerlangen Sandstrand, in der wir auf fünfhundert Metern fast allein sind. Aus der nahen Hotelanlage kommen sechs Gäste, am Ufer liegen zwei kleine Fischer-Boote, linker Hand döst eine verwunschene, asiatisch anmutende Ferienanlage in der Sonne. Ein toller Bade- und Übernachtungsplatz, an dem wir einige Tage relaxen.

Um uns 150 Kilometer Fahrstrecke und eine zweite Durchfahrt durch Marmaris zu ersparen, nehmen wir für die Weiterfahrt die Fähre von Datςa nach Bodrum. Dort angekommen quälen wir uns im dichten Urlauberstrom durch die Altstadt und besichtigen des wuchtige Johanniter-Kastell auf einer Landzunge am Hafen. Dann fahren wir weiter über Milas nach Didima, wo wir von der Höhe der Säulen des Apollo-Tempels überwältigt sind. Durch landwirtschaftlich ertragreiche, sumpfige Landschaft kommen wir nach Milet, übernachten auf dem Parkplatz unterhalb des Amphitheaters. Ausgiebig laufen und klettern wir am nächsten Tag durch die weitläufige Anlage mit Stadion, Michaeliskirche, Dionysostempel, Agoren und Thermen, dessen Theaterreste unserer Meinung nach die höchsten Bögen in den Aufgängen rechts und links aufweisen, die wir je gesehen haben. Eindrucksvoll ist auch der frühere Hafen, der nun mitten in der Landschaft liegt. Von dessen Monument ist allerdings nur noch der Sockel erhalten. Leider können wir die sehenswerte Ilyas Bey Moschee nur von außen bestaunen. Sie ist zurzeit nicht geöffnet, wird restauriert.

Milet
Milet

Unser nächstes Ziel, das an einem Hügelrand gelegene Priene mit seinen gut erhaltenen Säulen eines Athena-Tempel, war früher durch eine kerzengerade Straße, der heiligen Straße, mit Milet verbunden. Heute führt die Straße in einem Knick durch das sumpfige Ackerland. Wir verzichten auf eine intensive Besichtigung von Priene, fahren weiter. Entlang des Ufers über Pamucak zum Ferienort Kuşadasi und zum legendären Ephesus.

Zwei in Ephesus
Zwei in Ephesus

Blick auf die Bibliothek
Blick auf die Bibliothek

Ephesus dürfte die wohl spannendste und eine der besterhaltenen Ausgrabungsstätten der Türkei sein. Um es einigermaßen zu beschreiben, müsste man ein ganzes Buch erstellen. So viel ist aus der Blütezeit der Stadt um 190 v. Chr. erhalten, als die Römer hier bis zu 250.000 Einwohner ansiedelten. In aller Ruhe schlendern wir auf der breiten Marmorstraße bergan durch die berühmte Front der Celsus-Bibliothek, dem Hadrian-, Serapis und Domitian-Tempel, vorbei am Trajan- und Polio-Brunnen, am Odeon, Theater, der Agora bis hinauf zur Konzilskirche und zum Vedius-Gymnasium. Wir finden für das Ganze nur ein Wort: beeindruckend.

Am nächsten Tag brechen wir bei bedecktem Himmel und schwülem Wetter auf, fahren entlang der Küste Richtung Izmir und Ceşme. Auf der Halbinsel Ildiri wollen wir noch etwas baden gehen. Das gestaltet sich aber überaus schwierig. Zum einen ist das Eiland teilweise militärisches Sperrgebiet, zum anderen ist das Ufer überwiegend schroff und felsig, an anderen Stellen bis zum Meer hin landwirtschaftlich genutzt. Erst kurz vor Mordogan in Ardic finden wir eine Möglichkeit zum Baden. Aber die Umrundung der Halbinsel ist landschaftlich hochinteressant: links das Meer, rechts steil ansteigend die schroffen Berge und Felsen.

Pergamon
Pergamon

Auf der Weiterfahrt quälen wir uns ein zweites Mal durch Izmir auf dem Weg nach Pergamon oberhalb von Bergama. Nach einer Stippvisite per pedes durch die Stadt übernachten wir auf dem Parkplatz unterhalb der Akropolis, fahren am nächsten Tag mit dem Fahrstuhl hinauf und erkunden, gemeinsam mit mehreren Schulklassen, die auf zwei Ebenen verteilte Anlage ausführlich. Oben die Akropolis mit Agora, Athena-Tempel, Heroon, Königspalästen, dem Theater mit den steilsten Zuschauerrängen, die wir kennen und dem Zeus-(Pergamon-)Altar. Unten mit Hera- und Demeter-Tempel, Gymnasium, Roter Halle, Asklepeion und Akropolis-Tor.

Über Nebenstraßen fahren wir zurück ans Meer nach Ayvalik, dann über Edremit bis Kücükukuyu, wo wir frei am Ufer übernachten. Als vorletztes Ziel in der Türkei steht Troja auf unserem Wunschzettel. Ganz in der Nähe der durch Heinrich Schliemann bekannt gewordenen Ausgrabungsstätte steuern wir einen kleinen Campingplatz an, auf dem schon ein holländisches Reisemobil steht. Und wir sind mittendrin im Familienleben. Der Platz hat maximal acht Stellplätze auf zwei Ebenen, Stromanschlüsse, Duschen und Toiletten. Daneben gibt es Ferienwohnungen, eine Taverne, die zugleich Andenkenladen ist. Mama kocht, der Chef ist anerkannter Fremdenführer. Dadurch hat er beste Drähte zu den Tourismus-Unternehmen. Fast alle Reisebusse lassen ihre Passagiere nach der Besichtigung der Ausgrabungsstätte für eine halbe Stunde bei ihm aussteigen, zu Kaffee und Kuchen – und zum Souvenirkauf.

Troja
Troja

Von Troja hatten wir uns wesentlich mehr versprochen. Würde nicht das hölzerne Pferd am Eingang stehen, man würde hier kaum herumlaufen. Ein paar Erdhügel und Steinhaufen im flachen Umland, ein paar Hinweistafeln auf die 46 übereinander liegenden Besiedelungsschichten, der frühere Hafen ist hinter dem Horizont nur zu ahnen. Da braucht es viel Fantasie, um Hektor und Achilles hier kämpfen zu sehen.

Nur ein paar Kilometer weiter legt die Fähre im Viertelstundentakt legt in Canakkale ab, um uns über die Dardanellen auf die europäische Seite der Türkei – und in den Regen - zu bringen. Entlang des Marmarameeres fahren wir über Tekirdağ nach Istanbul, dort auf der Autobahn um die ganze Stadt zum Ortsteil Camlika, wo wir auf dem Parkplatz des Rosenhügels mit tollem Blick hinunter auf die türkische Metropole übernachten.

Tropenguss in Instanbul
Tropenguss in Instanbul

Nach dem morgendlichen Rundgang durch Camlika fahren wir hinunter in die Stadt, wo uns ein irrer Tropenguss überrascht. Die Straßen stehen zentimeterhoch unter Wasser, wir pflügen regelrecht durch die dunkle Brühe. Aber vielleicht ist das schlechte Wetter der Grund dafür, dass wir mitten im Tourismus-Gewühl, ganz nah an der Bayazit-Moschee einen Parkplatz finden. Die alle paar Meter von fliegenden Händlern angebotenen Regenschirme können wir ausschlagen. Wir haben unsere eigenen im Rucksack. Außerdem hört es bald ganz auf zu regnen. Und so können wir den Topkapi-Palast, die Bayazit- und die Blaue Moschee sowie die Hagia Sophia und die sie umgebenden Gemäuer trockenen Fußes besuchen. Nach dem Mittagessen staunen wir im – fast menschenleeren - Großen Basar über die Tatsache, dass uns im Gegensatz zu unserem früheren Besuch niemand, aber auch wirklich niemand, anspricht, zum Tee einlädt oder sonstwie in ein Geschäft drängt. Irgendwie enttäuschend und stimmungslos. So beenden wir den Rundgang durch Istanbul früher als geplant, machen uns auf die Heimfahrt – über Griechenland, mit der Fähre nach Venedig und über Italien und Österreich nach Deutschland.

Vor der Blauen Moschee
Vor der Blauen Moschee