Kreta 2013.

Wohin wir auch reisen, wir suchen, wovon wir träumten,
und finden doch nur uns selbst. (Günter Kunert)

Von Mitte April bis Mitte Juli haben wir mit unserem Reisemobil die Insel Kreta umrundet. Für die Hin- und die Rückreise haben wir Fähren von Venedig nach Patras und von Piräus nach Chania gebucht. Während der 95-tägigen Reise haben wir 5.770 Kilometer abgespult.

Reisebericht Nr. 1 aus Kreta

Gleich vorweg: Kreta ist ein Traum für uns Reisemobilisten. Freies Campen an den tollsten Stränden ist überhaupt kein Problem. Überall findet man Möglichkeiten Wasser zu bunkern. Es gibt kaum Kriminalität. Die Polizei patrouilliert in aller Ruhe vorbei - wir waren in den letzten vier Wochen nur vier Tage auf Campingplätzen. Die Straßen sind bis in die entlegensten Winkel überwiegend asphaltiert und in bestem Zustand. Außer in den Zentren der Nordküste hält sich der Tourismus in Grenzen. An manchen Ecken an der Süd- und Ostküste haben wir jetzt im April/Mai überhaupt keine Touristen angetroffen. Und es gibt weit weniger Hotel- und Apartment-Ruinen als anderswo in Südeuropa.

Zudem ist Kreta eine fantastische Mischung aus spektakulären Gebirgszügen (der höchste Berg, der Psiloritis ist 2.456 Meter hoch und noch immer zum Teil schneebedeckt), tief eingeschnittenen, wilden Schluchten, traumhaften Sandstränden und Kultur satt. Auf den 260 Kilometern Länge (ost-west) und zwischen 60 und 15 Kilometern Breite haben nacheinander die Minoer, Mykener, Dorer, Römer, Venezianer und Türken ihre Spuren hinterlassen und so ist Kreta überzogen von hunderten Ausgrabungsstätten aus allen Epochen, von Dutzenden noch bewohnten Klöstern, Tausenden mittelalterlichen Kirchen und Kapellen sowie jeder Menge venezianischer Burgen, jüdischer Synagogen, türkischer Moscheen und Minarette.

Sieben Tage haben wir gebraucht, ehe wir hier ankamen - über unsere Lieblingsanfahrt Meran - Madonna di Campiglio - Gardasee (mit dem obligatorischen Eiskaffee und Schuhkauf - für wen wohl? -in Bardolino) - Verona - Venedig, einen Tag Bummeln in Venedig, Fähr-Überfahrt nach Patras (Tank-Poker aufgegangen: nach 1,68 Euro für den Liter Diesel in Italien kostet er hier nur knapp 1,40 Euro), mit dem Sprinter nach Piräus und von dort mit einer weiteren Fähre nach Chania an der Nordküste Kretas.

Weil es dort (am 20. April) bedeckt und frisch war - inzwischen umgeben uns konstant mindestens 25 Grad Luft- und 19 Grad Wassertemperatur - , haben wir unser Glück zuerst an der Südküste gesucht - und gefunden. Beim Einchecken auf dem Campingplatz von Agia Galini mit dem verheißungsvollen Namen "No Problem"- zum Eingewöhnen verbringen wir die ersten Tage einer Reise eigentlich immer auf einem Campingplatz - , wurden wir mit zwei Hühnereiern und einer Flache Raki "belohnt". Letzteres, weil der uns begrüßende Juniorchef vor zwei Monaten geheiratet hatte. Derartige Geschenke an Gäste haben wir in der Folgezeit noch häufiger erhalten, zum Beispiel selbst gepresstes Olivenöl. Agia Galini selbst ist ein zauberhafter Ferienort mit einem malerischen, kleinen Hafen, aus dem morgens noch die Fischer zu ihrer Arbeit auslaufen. Ganz in der Nähe befindet sich die Höhle, aus der Ikarus der Sage nach mit seinem Vater Daedalus aus der Gefangenschaft heraus zu seinem verhängnisvollen Flug mit Wachsflügeln gestartet sein soll.

Entgegen unserer ursprünglichen Planung umrunden wir nun, an der Südküste beginnend, Kreta gegen den Uhrzeigersinn in einer großen, liegenden Acht - mathematisch: unendlich. Immer im Wechsel von Relaxen - Sonnen und Schwimmen - in Buchten und Besichtigungen interessanter Ausgrabungen, Klöster, Kirchen oder sonstiger Touri-Highlights. So waren wir, um nur ein paar besonders markante zu nennen, in den Felsen-Wohnungen von Matala, in denen in den 70-ern vor der Wehrpflicht und dem Einsatz in Vietnam geflüchtete US-Boys zu Hippies mutierten. Wir haben die ehemalige römische Hauptstadt Gortis besucht, in deren Odeon 46 Steinquader mit eingemeißelten, bis heute noch nicht komplett entzifferte Gesetzestexte zu bewundern sind. Wir haben die minoischen Paläste von Festos (Phaistos) und Kato Zakros und die dorische Stadt Itanos besichtigt. Wir haben dem berühmten Palmenhain von Vai einen Besuch abgestattet, und wir haben uns, wie alle anderen Touristen bei allen anderen Gelegenheiten, in diesem Fall Franzosen, über das Fotografierverbot im imposanten, burgenähnlichen Kloster Toplou hinweggesetzt. Asche auf unser Haupt. Zur Buße sind wir bei sengender Hitze knapp drei Stunden durch eine der bekannteren Schluchten Kretas, das imposante Tal des Todes mit seinen hoch im Fels sichtbaren Höhlengräbern, bei Kato Zakros gewandert - als vorauseilende Buße schon Tage vorher.

Solche total unterschiedlichen Sehenswürdigkeiten liegen auf Kreta so dicht beisammen, dass wir zwei bis drei von ihnen auf einer zwischen 40 und 50 Kilometer langen Fahrt von einer traumhaften Bade- und Stellplatzbucht zur nächsten "abhaken" können. Viele von ihnen sind absolut kostenfrei zugänglich, für die bedeutendsten müssen Senioren (ab 65) zwei Euro löhnen. Der bisher gefahrene, östliche Teil der Südküste und die Ostküste Kretas unterscheiden sich in einem Punkt besonders deutlich. Während in manchen Einschnitten zwischen den steil ins Meer abfallenden Felsrücken der Südküste recht intensiv Landwirtschaft betrieben wird, und es dort wegen der Plastikfolien-Gewächshäuser wie in Spanien aussieht, ist die Ostküste überwiegend schroff und karg. Nur Felsen und niedriger Bewuchs, kein Baum, noch nicht einmal Sträucher wachsen hier oben. Unglaublich ist dafür der Duft der spärlichen Vegetation, die nur aus Kräutern besteht - Salbei, Oregano, Estragon.

Mit dem Kloster Toplou haben wir nun die Nordküste erreicht und nähern uns den Touristen-Zentren, wo wir sicher ein anderes Kreta erleben werden...

Reisebericht Nr. 2 aus Kreta

Inzwischen sind wir fast wieder in Chania angekommen und haben gerade vier Badetage in einer Traumbucht (Thalassa Beach bei Loutraki) auf der Halbinsel Akrotiri hinter uns.

Davor haben wir die Touristen-Zentren an der Nordküste -Agios Nicolaos, Malia, Limin Hersonisou, Heraklion und Rethymno - recht schnell "abgehakt". Wobei uns vor allem Limin Hersonisou zu denken gegeben hat. Wegen der ungezählten Pelzgeschäfte am Ortsausgang, und den wie an der türkischen Südküste Reklametafeln in Russisch. Doch bevor wir uns das angetan haben, sind wir in zwei Abstechern in die Berge "geflohen". Beim ersten haben wir südlich von Agios Nicolaos das meist fotografierte Kirchlein Kretas, Panagia i Kera, und die beeindruckende dorische Stadt Lato besucht. Beim zweiten sind wir am griechischen Ostersonntag, in diesem Jahr am 05. Mai, auf die Lassithi-Hochebene hinauf gefahren und haben zum für die Griechen wichtigsten Feiertag einen Lammbraten vom Grill genossen. Die Lassithi-Hochebene erstreckt sich wie ein Kraterkessel tellerflach auf rund 900 Meter Höhe über einen Durchmesser von etwa 25 Kilometern und ist rundum von 1.200-ern umgeben. Die Hochebene ist ausgesprochen fruchtbar. Früher wurde das Wasser von hunderten Windmühlen in sie hinein gepumpt. Heute übernehmen das elektrisch betriebene Pumpen und mächtige Hydranten, aus denen das kostbare Nass korrekt mit Wasseruhren bestückt über die für Griechenland typischen, schwarzen, auf der Erde liegenden Plastikrohre verteilt wird. (Super, wenn das Wasser mit 50 Grad aus der Dusche am Strand spritzt. Unangenehm, wenn es mit 80 Grad aus dem verrosteten Duschkopf zischt).

Allein die Fahrt über die Berge dort hinauf ist schon ein Erlebnis. In jeder Serpentine habe ich gedacht, welch Spaß es sein müsste diese Strecke mit einem Mietbuggy zu fahren. Jenen Dingern, die aus kaum mehr als einem 650 ccm-Antrieb, einem Gitterrohrrahmen, vier Rädern und zwei kaum gepolsterten Schalensitzen bestehen, die wir auf Korfu an jeder Ecke gesehen haben, hier auf Kreta bisher aber nur in zwei Orten. Mit einem solchen Ding hätten wir uns auch leichter getan, auf der Rückfahrt an die Nordküste im Bergdorf Krasi die älteste und mächtigste Platane Griechenlands zu umrunden, die gerade von einer Gruppe Abenteurern, je sechs in einem "Safari"-Landrover zugeparkt war.

Mehr Zeit als in den anderen Touristenorten haben wir uns in Heraklion gegönnt. Erstens wegen des Archäologischen Museums mit seinen tollen Exponaten der Minoischen Epoche. Zweitens wegen des Minos-Palastes in Knossos, von dem mir Christa vorschwärmt seit wir uns kennen. Und drittens haben wir von hier aus der knapp drei Katamaran-Stunden entfernten Insel Santorin einen Tagesbesuch abgestattet - mit einer Handvoll Deutschsprachiger, einer Busladung Franzosen und gefühlten 300 Russen an Bord. Jetzt wissen wir auch, warum es Limin Hersonisou so viele Pelzgeschäfte gibt. Außer unserem Schnellboot fuhren noch zwei weitere allein aus Heraklion die Insel an. Leider hatten wir mit dem Wetter etwas Pech. Es war durchgehend bewölkt, im Laufe des Tages fing es sogar etwas zu nieseln an. Aber um einen Überblick zu bekommen hat es gereicht. Santorin ist tatsächlich so, wie man es von den Kitsch-Postkarten kennt - wenn auch nur in den Orten Fira und Oia (der Rest ist ziemlich langweilige, flache, landwirtschaftlich genutzte "Gegend": Architektonisch traumhafte, statisch äußerst interessante, in den Steilhang der Caldera hinein gebaute, weiße Häuser, viele blaue Kuppeln und Fensterläden, "Traumschiffe", die Miniaturen gleich tief unten im Alten Hafen des Vulkankraters Caldera ankern, Tausende Touristen in den schmalen, hangseits mit Restaurants, Tavernen, Bars, Cafés, Pizza- und Gyrosbuden, Eisdielen, Juwelieren, Pelzgeschäften, Boutiquen und Souvenir-Geschäften flankierten Gassen, auf der anderen Seite die berühmte, vom alten Hafen steil hinaufführende "Skala"-Treppe mit ihren 588 Stufen und rund 30 unbeschäftigten Lasten-Eseln - weil die Traumschiff-Reisenden die von einer österreichischen Firma gebaute Seilbahn bevorzugen. Weiß der Kuckuck woher, aber ich hatte immer gedacht, Santorin sei, von den notwendigen Ausnahmen abgesehen, "autofrei". Deswegen hat mich fast der Schlag getroffen, als wir im Neuen Hafen von rund dreißig Reisebussen "erwartet" wurden. Oben angekommen mussten sich die Reiseführer mit ihren "Lämmern" durch einen Lindwurm von Lastwagen, Transportern, Privat-Pickups, Miet-Pkw, Quads mit Minimal-Bekleideten - er: Schlabber-Badehose, nackter Oberkörper, Integralhelm, sie: hintendrauf geklammert, Bikini, "mit ohne Helm" (wie unser Enkel Luca das vor Jahren mal treffend ausgedrückt hat), und alle Arten von "Moppeds" quälen. Und um das Maß voll zu machen, bieten mindestens 20 Vermieter ihre diversen Vehikel an.

Aber wir können uns gut vorstellen, dass man das alles, wenn abends die Tagesgäste verschwunden sind, anders empfindet.

Wir haben übrigens nach Rückkehr von Santorin wie auch die beiden anderen Tage in Heraklion direkt am Zentrum im Neuen Hafen geparkt und - nach Rückfrage ganz offiziell - übernachtet. Und wir haben für 48 Stunden ganze sechs Euro "gelöhnt". In einem deutschen Hafen könnten wir dafür wohl kaum zwei Stunden parken. Und an Übernachten wäre nicht mal zu denken.

Reisebericht Nr. 3 aus Kreta

Nachdem wir vier ganze Tage in der Badebucht von Loutraki verbracht hatten, wollten wir für einige Tage weitere interessante Ziele auf Kreta anfahren. Zumal sich die Sonne hinter zum Teil recht dicken Wolken verkroch. Als erstes machten wir uns zu den drei Klöstern Agia Triada, Gouvernetou und Katholiko auf, die nur einige Kilometer entfernt von der Bucht auf der Halbinsel Akrotiri recht nah beieinander liegen. Vor allem das Kloster Katholiko, genau genommen dessen Ruine, wollten wir unbedingt sehen und nahmen dazu eine wirklich strapaziöse, dreistündige Tour auf uns, zuerst hinunter in die Schlucht knapp über Meereshöhe, in der das Kloster in die Felsen "geklebt" wurde, dann wieder hinauf. Warum dieses versteckt gebaute Kloster aufgegeben wurde und dessen Mönche auf den Berg hinauf zogen und das wehrhafte, burgenähnliche Kloster Gouvernetou gründeten ist nicht ganz klar. Die einen sagen: aus Angst vor Piraten-Überfällen, die anderen: nach mehreren überstandenen Überfällen.

Nur rund zwanzig Kilometer weiter westlich haben wir ein ganz anderes Monument besucht: den Deutschen Soldatenfriedhof in Maleme - Zeugnis einer der verheerendsten militärischen Operationen im Zweiten Weltkrieg, der Eroberung Kretas durch den massiven Einsatz der Fallschirmtruppe am 20./21. Mai 1941, die 4.456 der blutjungen Elitesoldaten den Tod brachte. Den einen, weil sie minutenlang als leichtes Ziel für die sie erwartenden Alliierten an ihren Fallschirmen im prallen Sonnenlicht in der Luft hingen, den anderen, weil sie ins Meer stürzten, sich in ihrem Gurtzeug verhedderten und ertranken. Einer der glücklichen Überlebenden dieses Einsatzes war übrigens Max Schmeling. Er hatte sich bei der harten Landung auf dem felsigen Boden so schwer verletzt, dass er nicht mehr einsatzfähig war.

Erfreulicher war unser Ausflug in die Berge - zu historischen Gemäuern des orthodoxen Katholizismus. Zuerst waren wir in der Wohngrotte des legendenumwobenen Eremiten Ioannis, die er im Laufe der Zeit mit mehreren Kapellen und Altären ausgeschmückt und untergliedert hat. Ein paar Kilometer weiter südlich haben wir die Kapelle des Erzengels Michael besichtigt, die wegen ihrer architektonischen Besonderheit, ihrer fünfstufigen Rotunde, sehenswert ist. Und als Drittes haben wir - nach einem Umweg von 14 Kilometern, weil die Haupt-Zufahrtsstraße auf dem letzten Kilometer seit Jahren wegen eines Erdrutsches gesperrt ist - die Höhlenkirche Agia Sofia, die Kirche der "göttlichen Weisheit", aufgesucht. Hoch oben im Fels ist sie auf den ersten Blick der Grotte des Eremiten Ioannis vergleichbar. Auf den zweiten Blick aber kaum unterteilt, ausgestattet und ausgeschmückt.

Übernachtet haben wir in diesen beiden Tagen im weitläufigen Hafen von Kolimbari, von wo aus wir auch zu einer echten Allradtour aufgebrochen sind. Aus einem Reiseführer wussten wir, dass es an der Nordspitze der Halbinsel Rodopou eine der malerischsten Buchten Kretas geben soll, dass der Weg dorthin aber felsige Piste und äußerst beschwerlich sein soll. Das reizt natürlich. Nur im ersten und zweiten Gang unterwegs, wühlten wir uns über Geröllfelder, durch rotlehmige Schlammpassagen und über glattgeschliffene Felsstufen 20 Kilometer weit über den Felsrücken - mit Durchschnittstempo 10 km/h. Zuerst hinauf auf über 600 Meter, dann hinunter auf Niveau Null zur Bucht und den Resten eines Tempels der Göttin Diktynna. Und anschließend das Ganze wieder zurück. Die Bucht übrigens, fast rundherum eingerahmt von steil aufsteigenden Felsen ist bestimmt traumhaft, wenn die Sonne in sie hineinscheint - hat dann wohl einen Hauch von "Blauer Grotte". Aber als wir da unten waren, hingen dichte Wolken über den Felsen.

Mehr Glück mit dem Wetter hatten wir einen Tag später auf unserem Schiffsausflug zu den Inseln Gramvousa und Balos. Auch hier waren, wie auf unserem Ausflug nach Santorin überwiegend Russen an Bord. Nach etwa einer Stunde Fahrzeit hatte das Schiff das Kap der Halbinsel umrundet und legte ohne jegliche hafenähnliche Einrichtung direkt auf dem Felsstrand der Insel Gramvousa an, von wo sich der Lindwurm der Kulturbeflissenen in Richtung Venezianisches Fort hoch oben auf dem Felsen in Bewegung setzte. Die ersten waren schon auf halbem Weg, als die letzten das Schiff erst verließen. 1,5 Stunden hatten wir Zeit, um das Fort zu besichtigen. Es ging irre steil hinauf, über Stufen von meist 30 Zentimetern. Und als wir dachten, wir hätten das Schlimmste nun hinter uns, ging es hinter einer Biegung erst richtig los. Keine Stufen mehr, nur noch Klettern über den blanken Fels. Doch der Aufstieg lohnte sich auf jeden Fall - egal wie viele Pausen man einlegen muss. Das Fort bedeckt den gesamten, rundum steil ins Meer abfallenden Felsen in Dreieckform. Die Kantenlänge beträgt einen Kilometer. Die Ausblicke sind grandios. Leider hatten wir uns etwas zu lang auf dem Berg aufgehalten und kamen, das Schiff hatte schon "getrötet", als letzte am Schiff angehechelt, das hinter uns die Schotten dichtmachte und ablegte. Nun ging es zum zweiten Ziel des Ausflugs, der Halbinsel Balos, wo die Gäste für zwei Stunden die Möglichkeit hatten in der maximal einen Meter tiefen Lagune zu baden. Ein Fußballfeld-großes Becken ist durchgehend nur zehn Zentimeter tief. Ein tolles Revier für Kleinkinder - egal welchen Alters.

Reisebericht Nr. 4 aus Kreta

Bei Kissamos haben wir die Nordküste - bis auf Weiteres - verlassen und sind an der Westküste nach Süden gefahren. Auf einer tollen, kurvenreichen Straße, rechts tief unter uns das Meer, auf das wir hinter jeder Kurve ein anderes Bild erhaschen, links die schroffen Ausläufer der karstigen "Levka Ori" (der Weißen Berge) und entlang der Straße rechts und links Oleanderbüsche, nein -bäume, die zum Teil höher als unser Sprinter sind. Die Westküste gibt insgesamt kein einheitliches Bild ab. Zuweilen fällt sie schroff, felsig und steil ins Meer. Dort ist weder an Landwirtschaft noch an Baden zu denken. Zum Teil gibt es aber auch flache Abschnitte, auf denen unter Plastikplanen sehr intensiv Gemüse angebaut wird. Ganze Hänge voller Olivenhainen und Weinbergen, in denen zusätzlich Hunderte von Bienenkörben stehen, finden sich selbstverständlich auch hier.

Genau am Übergang von der West- zur Südküste liegt eines der Touristen-Highligths von Kreta: die Lagune von Elafonissi. Zitat aus einem Reiseführer: "Vor dem kilometerlangen, weißen Feinsandstrand von Elafonissi schimmert das Meer blau, grün und türkis. Es ist so flach, dass man bequem zum vorgelagerten Inselchen Elafonissi hinüberwaten kann, wo es sogar Sanddünen gibt." Und wirklich: Die Lagune ist der Hammer, wenn auch total überlaufen. Auch wir waten durch das knietiefe Wasser hinüber zur Halbinsel und fühlen uns auf unserer Runde durch die dort aufragenden Dünen wie an der Nordsee - nur, dass es hier viel wärmer sein dürfte. Zum Schwimmen ist das Wasser aber überall zu flach. Vor allem der Rummel, aber auch die kahle und recht flache Umgebung, begeistern uns nicht so sehr, dass wir hier über Nacht bleiben wollen. Obwohl das sicher möglich wäre, denn mit der Sonne werden auch die Heerscharen von Touristen in ihren Mietautos verschwinden. Wir aber wollen weiter, zunächst zum Kloster Chrissoskalitissas, dann hinauf in die Berge und - oben angekommen - über Elos wieder hinunter ans Meer. Nach Paleochora. Dorthin gäbe es zwar auch eine direktere Verbindung von etwa 24 Kilometern Länge. Aber die ist nur ein enger, steiniger Wanderweg auf rund 400 Metern Höhe durch die Berge, die nicht einmal die hiesigen Bauern mit ihren robusten Pickups fahren.

Paleochora ist mit nur 1.700 Einwohnern der zweitgrößte Ort an der kretischen Südküste. Sein Zentrum liegt auf dem Ansatz einer kleinen Halbinsel, die auf der einen Seite ein breiter Sand-, auf der anderen Seite ein Kieselsteinstrand säumt. In den engen Gassen des Ortes reiht sich eine Taverne, Snack Bar und Café ans andere - ein lebendiger und freundlicher Ort. Auf der Halbinsel selbst erhebt sich ein schon 1281 von den Venezianern errichtetes Kastell, von dem aus man bis nach Gavdos, Europas südlichster Insel, blicken kann. Weil der Himmel recht bedeckt ist, das Meer in hohen Wellen auf den nicht ungefährlichen Rollkiesstrand aufläuft, verzichten wir aufs Schwimmen, fahren stattdessen nach einem ausgiebigen Stadtbummel weiter in Richtung Sougia. Von dort wollen wir nach einem Badeaufenthalt mit der Fähre entlang der vom Land aus unzugänglichen Südküste, vorbei am Ausgang n der legendären Samaria-Schlucht nach Xora Skafion fahren.

Auch auf dieser Etappe haben wir wieder das typische Problem der steil ins Meer abfallenden Südküste. Entlang des Ufers führt nur ein etwa 20 Kilometer langer Höhenwanderweg. Wir aber nehmen die kürzestmögliche, dennoch 46 Kilometer lange Straßenverbindung durch die Berge, fahren auf schmalen Sträßchen durch noch engere Bergdörfer namens Anidri, Maze oder Moni. Eine fantastische Stecke, schmal, kurvenreich und durch eine Super-Berglandschaft. Zuerst in engen Serpentinen - ohne jegliche seitliche Begrenzung, irgendwelche Linien oder Markierungen - hinauf und dann zügig bergab nach Sougia. Ein einziges Auto begegnet uns auf der ganzen Strecke. Und - eine (geschätzt) Mittfünfzigerin auf einem Mountain-Bike. Unsere Hochachtung ist ihr gewiss.

Sougia ist ein reizender Ort mit sandig-kieseligen Badestränden auf beiden Seiten und rund 20 Tavernen, Snack Bars und Cafés an der Uferpromenade. Am östlichen Strand geht es rustikal zu - kein Asphalt, nur Sand. Ganz hinten, vor den Felsen, haben sich Hippies- und Nudisten ihr Refugium geschaffen. Wir platzieren uns deshalb am westlichen Ende des Ortes in der Nähe des Hafens zu zwei weiteren Reisemobilen - beschützt von einem martialischen Flugabwehrgeschütz aus dem Zweiten Weltkrieg. Die Bewohner dieser Gegend sind stolz auf den Widerstand und die Erfolge gegen alle fremden Herrscher, vor allem auch der deutschen Besatzer - was sie in mehreren, kleinen Museen auch gern zeigen. Zum Glück ist heute aber von Deutschenhass nichts (mehr) zu spüren. In einem Reiseführer heißt es dazu: "Im Grunde hat kein Usurpator die Kreter je besiegt. Es gibt da einen Menschenschlag aus Stein im Hinterland der Insel: die Palikari. Wenn man in die Berge zieht, kann man ihnen noch heute begegnen. Sie tragen schwarze Schaftstiefel, Breecheshosen und das Mandali um den Kopf geknüpft - ein gehäkeltes Fransentuch. Nur die Patronengurte, kreuzweise über der Brust getragen, haben sie inzwischen abgelegt. Man sagt, sei wären erstmals fremden unterlegen - den Touristen." Bisher sind wir nur Zweien von ihnen begegnet: der eine war eine Schaufensterpuppe, der andere ein Tavernenwirt, der die Kleidung als Markenzeichen trug. In Sougia sind fast nur Wanderer unterwegs - überwiegend deutsche. Für Autofans: Das ortsansässige Taxi-Unternehmen fährt seine Kunden in einem super ausgestatteten, stets frisch gewaschenen Audi Q 7.

Wie wir beim Abendessen in einer Taverne am Strand erfahren, wird das nichts mit der Autofähre nach Xora Sfakion. Normalerweise würde sie um diese Jahreszeit bereits fahren. Aber in diesem Jahr liegt sie noch irgendwo in einem Hafen zur Überholung. Zwischen den Orten verkehren im Moment nur Passagierboote. Wir müssen also eine andere Lösung finden. Vier Möglichkeiten gibt es, um nach Xora Skafion zu gelangen: den etwa 45 Kilometer langen Fernwanderweg direkt am Ufer über Agia Roumeli und Loutro. Einen zweiten, nicht markierten, Wanderweg oben durch die Berge. Die Fähre übers Meer und die Straße, die ganz außen herum um die "Levka Ori" führt. Diese verkarsteten Berge, die von allen Besatzern, die je die Insel unter ihrer Kontrolle hatten, strikt gemieden wurden, und die im Zweiten Weltkrieg bei der Evakuierung von rund 8.500 Soldaten der Alliierten eine entscheidende Rolle gespielt hatten, die bis weit in den Juni hinein schneebedeckt sind, ragen wie eine unüberbrückbare Mauer in den Himmel. Auf der relativ kleinen Fläche von etwa 15 mal 15 Kilometern habe ich auf der Karte 20 Gipfel gezählt, die über 2.000 Meter hoch sind. Darunter der 2.453 Meter hohe Pachnes, der zweithöchste Berg Kretas. Reiseführer sprechen von über 60 Zweitausendern. Für uns bleibt von den vier Möglichkeiten nur die schlechteste: der Umweg außen herum um die Weißen Berge bis an die Nordküste nach Xania und Vrisses, ehe wir wieder an die Südküste kommen. Dabei haben wir gleich noch einen Schlenker gemacht, der uns über schmale Bergsträßchen über Omalos zum Eingangs-Parkplatz des Samaria-Nationalparks geführt hat, von wo aus wir einen Blick hinunter in den Einstieg der Samaria-Schlucht geworfen haben.

Xora Sfakion ist nicht das, was wir uns vorgestellt haben. Um einen klitzekleinen Hafen gruppieren sich ein paar Häuser den Berg hinauf. Der Omnibus-Parkplatz - zum "Umsteigen" der Samaria-Schlucht-Wanderer (vom Hotel mit Bus zum Einstieg, wandern, am Ausgang Abholung mit dem Schiff, in Xora Sfakion Umstieg in den Bus zur Rückfahrt in die Hotels) ist fast größer als der Hafen. Das Parken ist streng reglementiert. Es gibt kaum ebene Stellflächen. Unten am Ort kleben unterhalb von Tavernen zwei kleine Badestrände - kein Ort zum Verweilen. Im Umfeld gibt es aber nicht nur zwei berühmte Wander-Schluchten, die Aradena- und die Imbros-Schlucht. Zum Übernachten und Baden fahren wir rund 15 Kilometer weiter nach Frangokastello, wo sich direkt unterhalb des venezianischen Kastells ein wunderschöner Badestrand erstreckt, und wir nur ein paar hundert Meter Naturpiste weiter einen netten Stellplatz mit viel frischer Luft auf einer Art Halbinsel finden - auf drei Seiten sehen wir durch die Fenster das Meer.

Reisebericht Nr. 5 aus Kreta

Bei Frangokastello hatten wir Kreta schon fast vollständig umrundet. Über die beiden Klöster Preveli - das alte als Ruine, das neue als meistbesuchtes Kloster von Kreta - und den kilometerlangen Super-Sandstrand von Trio Petra haben wir die Umrundung abgeschlossen und sind nach Agia Galini zurückgekehrt, wo wir unsere Reisefreunde Gabi und Hans samt ihrem Hund Yago aus Köln getroffen und mit ihnen ein paar Tage auf dem Campingplatz "No Problem" und anschließend auf dem Campingplatz "Elizabeth" in Rethimno verbracht haben.

Als nächstes Ziel haben wir uns das Kloster Arkadi vorgenommen. Das von dicken Mauern umschlossene, wehrhafte Kloster Moni Arkadi auf einer einsamen Hochebene gilt als National-Heiligtum Kretas. 1866 ließen sich hier nach aussichtslosem Kampf Aufständische und fast 700 Frauen und Kinder, die den Türken nicht in die Hände fallen wollten, vom Freiheitshelden Kostas Giamboudakis - dem die Stadt Rethimno ein Denkmal gesetzt hat - im Pulvermagazin des Klosters in die Luft sprengen. Ihr Opfertod rüttelte die Welt auf und bereitete den Weg für Kretas Autonomie. Schädel und Gebeine einiger der Opfer liegen fein säuberlich gestapelt im Beinhaus gegenüber dem Eingang zum Kloster. Die Mauern des Pulvermagazins im Klosterhof ragen als Gedenkstätte nach wie vor ohne Dach empor. Klammert man für einen Moment das Gedenken an dieses Grauen aus, ist das Kloster eines der schönsten und wohnlichsten der gesamten Insel. Uns jedenfalls hat es in vielerlei Hinsicht beeindruckt.

Außer Stränden und Kultur hat, wie wir schon geschrieben haben, Kreta unglaublich viel für Wanderer zu bieten. Zwei komplette Wanderführer aus dem deutschen Reise-know-how-Verlag belegen das eindrucksvoll. Trotz einiger Zipperleins haben auch wir uns auf die "Socken" gemacht und haben drei Schluchten erwandert. Und, ohne es auch nur zu ahnen, haben wir gleich als erstes eine der schwierigeren Wanderungen erwischt: den Trail zu den Ausgrabungen der früheren Stadt Lissos von Sougia aus. Denn zum einen steigt der Pfad teilweise sehr steil an, zum anderen ist er berüchtigt, weil er gleich beim Einstieg mit ziemlicher Kraxelei recht anstrengend beginnt. Verglichen mit dieser ersten, größeren Wanderung war unser Ausflug in die berühmte Samaria-Schlucht deutlich weniger anstrengend. Allerdings: wir sind nur den unteren Teil der Schlucht gelaufen - vom Meer aus hinauf und nach einer Rast wieder zurück. Von Sougia aus sind wir dazu morgens um 09:30 Uhr mit der Fähre nach Agia Roumeli gefahren, sind dann von unten in die Schlucht ein- und etwa 6,5 Kilometer aufgestiegen. Zuerst über einen relativ breiten, dann immer enger werdenden Wanderweg, und schließlich nur noch entlang des Baches über schmale Pfade, frei aufgelegte Leiterbrücken, Geröllfelder und grobe Felsstufen.

"Die Samaria-Schlucht gilt als eines der beeindruckendsten Naturwunder Kretas. Der Erdspalt zieht sich über 16 Kilometer zum Lybischen Meer hinunter. 1.250 Meter tiefer in dieser Schlucht haben Dorier gesiedelt und die Venezianer ein Kirchlein erbaut und der Mutter Gottes geweiht: Santa Maria. Seit einigen Jahren stehen die Schlucht und das gesamte Umfeld als Samaria-Naturpark unter Naturschutz. Und damit Blumen, Vögel, Rogalida-Spinnen und die letzten Agrimi-Wildziegen."

Vor Sonnenuntergang muss auch der letzte Ausflügler die gefahrvolle Klamm verlassen haben, was durch Rückgabe der Eintrittskarten kontrolliert wird. für den Publikumsverkehr geöffnet wird die Klamm erst nach den letzten Wolkenbrüchen des Frühlings. Einen festen Termin gibt es damit also nicht. Die Sorge ist, dass urplötzlich Wildwasser von den Bergen stürzen und alles mit sich reißen könnten, wenn sie sich schäumend und gurgelnd durch die drei Meter engen Pforten zwischen den bis zu 600 Meter hohen Schluchtwänden pressen. Einiges von der Ursprünglichkeit und Wildheit der Schlucht nehmen leider die im und neben dem Bachbett verlegten, dicken schwarzen Plastikrohre, in denen heutzutage das Trinkwasser in die Orte an der Küste fließt.

Weit weniger bekannt, nicht so lang, wenig besucht, aber wegen ihrer Ruhe und Schönheit "im Kommen" ist die dritte Schlucht, die wir gewandert sind - die Imbros-Schlucht nahe Hora Sfakion. Im Gegensatz zur Samaria-Schlucht durchfließt sie ab etwa Mai kein Bach mehr. Sie ist auch nicht so tief zwischen die Felswände eingegraben wie diese. Aber an der engsten Stelle ist sie genauso eng. Auch sie haben wir uns vom Meer aus erschlossen. Sind früh etwa zwei Drittel hinauf gewandert und sind dann wieder zurück zum Sprinter gelaufen, den wir unten am Meer geparkt und schon die vorherige Nacht verbracht hatten.

Unsere vorgesehene Route kurzfristig umplanen mussten wir aufgrund des Wetters. Genauer: wegen des starken Windes. Denn an den langen Kies-Sandstränden kann Wind in Orkanstärke mehr als unangenehm werden. "Wenn sie nicht wollen, dass ihr Sprinter sandgestrahlt wird, sollten sie spätestens morgen früh hier abreisen", rät uns der Tavernenwirt in Trio Petra an der Südküste, "ab morgen baut sich ein Sturm aus Westen auf. Bis spätestens übermorgen peitscht hier der Wind den grobkörnigen Sand auf, dass sie kaum noch fünf Meter weit sehen können." Wir sind seinem Rat gefolgt und haben einen Bade-Aufenthalt an der windstilleren Nordküste vorgezogen. Die Entfernungen sind ja hier überschaubar. Und als wir nach vier Tagen zurück an die Südküste kamen, war es dort noch immer sehr stürmisch. Vor allem nachts hat es unseren Sprinter kräftig durchgeschüttelt. Der Juni sei auf Kreta schon immer der Windmonat - klären uns stoisch die Einheimischen auf.

Reisebericht Nr. 6 aus Kreta

Heute ist der 92. Tag unserer Reise. 88 Tage hatten wir prallen Sonnenschein, 80 Tage Wassertemperaturen zum Schwimmen. Morgen früh um acht Uhr startet die Fähre von Igoumenitsa nach Venedig. Kreta haben wir allerdings schon vor zwei Wochen verlassen. Nachdem wir den Plan, durch den Balkan nach Hause zu fahren, aufgegeben hatten, wollten wir noch ein paar Tage in Badebuchten relaxen, schwimmen und übernachten, die wir von früheren Reisen kennen - auf Lefkada und an der griechischen Westküste. Das gab uns dann auch Gelegenheit zu checken, ob und wie sich Kreta und die Kreter derzeit vom Kernland und dessen Bewohnern unterscheiden. Denn eines ist unübersehbar: alle Griechen haben ganz schön zu "knabbern" an der schwierigen wirtschaftlichen Situation. Für die wichtigsten Dinge des Lebens liegen die Preise auf deutschem Niveau von Deutschland. Allerdings bei weit geringeren Einkommen und 23 % Mehrwertsteuer, deren Einbehaltung und Abführung mittlerweile kontrolliert wird - außer in "Kantinas" an schwer zugänglichen Stränden haben wir immer, selbst für ein Eis auf die Hand oder beim Tanken in den Bergen, einen Kassenbeleg bekommen. Das war früher die absolute Ausnahme. Angeblich gibt es ein Gesetz, dass Kunden nur bezahlen müssen, wenn sie eine Quittung bekommen.

Wir meinen, mit den Kretern und Griechen verhält es sich wie mit Sarden und Italienern oder Korsen und Franzosen. Einerseits fühlen sich die Insulaner ihren Nationen zugehörig, andererseits aber pflegen sie ihre Eigenständigkeit und Besonderheiten - nicht nur, dass der Kreter seinen Raki und nie und nimmer Ouzo trinkt. Vielleicht, weil sie nicht jeden Unsinn vom Kernland übernehmen wollen, haben sie sie ihre Insel weitgehend ursprünglich und unverdorben erhalten können. Allerdings gibt es auch auf Kreta die unsäglichen Gerippe-Ruinen privater Bauherren, die den gesamten Mittelmeer-Raum verhunzen, aber in weit geringerer Anzahl. Noch hat auf der Insel auch das um sich greifende griechische Erfolgsmodell nicht gegriffen - erstes Jahr: Kantina mit Tzatziki für 2 €, zweites Jahr: Kantina mit Tzatziki für 2,50 € plus Liegestühlen mit Sonnenschirm für 5 €, drittes Jahr: Kantina mit Tzatziki für 3 € plus Liegestühle und Sonnenschirm für 7 € plus Parkgebühren 3 €.

Allerdings gibt es große Unterschiede zwischen den Touristen-Hochburgen an der Nordküste - Agia Nikolaos, Malia, Limni Hersonisou, Heraklion, Rethimno und Hania - zum Rest der Insel, der vom Massen-Tourismus kaum bis überhaupt nicht "heimgesucht" wird. Aber selbst an der Nordküste - die übrigens nicht wie von uns geschrieben von Russen, sondern von Ukrainern dominiert wird - finden sich zwischen all den Hotelanlagen, Apartmentanlagen, Resorts und Spas immer wieder Möglichkeiten, mit dem Reisemobil direkt am Strand zu stehen, schwimmen zu gehen und "frei" zu übernachten. Und das Tolle dabei: wir haben dabei nicht wie im restlichen Griechenland ein flaues Gefühl, weil "free camping" grundsätzlich verboten ist, und man sich nie sicher sein kann, wie die örtliche Polizei gerade "drauf" ist. Auf Kreta sind die "Bushcamper" voll akzeptiert.

Welch tolle Mischung von Kultur aus 5000. Jahren und beeindruckender Natur - karge, nur von Gewürzsträuchern überzogene Berghänge, schroffe Zweitausendern, steile Felsküsten und türkisfarbene Sandstrände - Kreta zu bieten hat, und dass dies alles sehr eng beieinander liegt, habe ich schon im ersten Reisebericht geschrieben. Dass wir dennoch auf dieser nur 260 Kilometer langen Insel über 2.000 Kilometer zurückgelegt haben, hängt zum einen damit zusammen, dass wir die Insel auf schmalen Bergsträßchen mehrfach kreuz und quer durchmessen haben. Zum anderen aber auch damit, dass es durch die Bergketten, die sich mit Dutzenden Gipfeln von mehr als 2.000 Metern Höhe wie ein Rückgrat von West nach Ost Rückgrat durch die Insel ziehen, keine Straßen gibt. Wir sie also weiträumig umfahren mussten. Und da kommen schnell mal 150 zusätzliche Kilometer zusammen. Zweimal haben wir die Insel aus unvorhersehbaren Gründen überquert. Einmal, weil wir vor einem Sandsturm "geflohen" sind. Das andere Mal, weil die Fähre entlang der steil ins Meer abfallenden Südküste zu dem Zeitpunkt, als wir dort unterwegs waren, wegen Reparaturarbeiten noch nicht in Betrieb war, und wir das später nachgeholt haben.

Zwangsläufig setzt man sich, ist man auf Kreta unterwegs, mit der Geschichte auseinander - zumal auch als Deutsche. Wie bereits berichtet, könnte man an einem einzigen (allerdings sehr langen) Tag eine venezianische Festung, eine türkische Moschee, die Ruinen einer dorischen, einer römischen und einer minoischen Siedlung und ein orthodoxes Kloster besichtigen. Da hilft es schon, wenn man sich vorher ein bisschen eingelesen hat in die jeweilige Herrscher- oder Besatzungs-Epoche, um das alles nicht durcheinander zu bringen. Uns haben, neben den Minoern, die vor über 5.000 Jahren auf Kreta ihre Städte und Paläste - u.a. in Knossos und Kato Zakros - gebaut haben, vor allem die Venezianer beeindruckt. Es ist schon beeindruckend, mit welch strategischer und statischer Perfektion sie ihre massigen Festungen und Arsenale rundum auf Kreta verteilt haben - auf Gramvousa und Kalidon als Außenposten sogar auf vorgelagerten, kleineren Inseln. Sie haben ihre "Fortezzas" so solide gebaut, dass zumindest ihre Außenmauern, Ecktürme und Zinnen noch heute so gut wie unversehrt erhalten sind.

Mehr zufällig haben wir in diesem Zusammenhang eine für uns recht interessante Information zur orthodoxen Kirche erhalten. Dass Popen heiraten und Kinder haben und, dass sie weltlichen Berufen nachgehen dürfen - etwa, wie erlebt: als Honigverkäufer an der Straße - war uns bekannt. Dass sich aber die kretischen (orthodoxen) Popen während der venezianischen Herrschaft die Sarazenen-Herrschaft zurück gewünscht hatten, das war uns neu. Denn die hatten den Kretern während ihrer Herrschaft weitgehend Religionsfreiheit für ihren orthodoxen Glauben gelassen (was man heute kaum glauben kann), während die ihnen folgenden - verhassten - Venezianer sie mit viel Druck zum Katholizismus westlicher Prägung zwingen wollten. Und wenn wir schon dabei sind: Neu für uns war auch, dass den orthodoxen Christen die Marien-Verehrung des westeuropäischen Katholizismus fremd ist.

Letztlich ist kretische Geschichte leider nicht ohne unrühmliche Taten von Deutschen komplett. Wobei der sinnlose und überaus verlustreiche Angriff im Jahre 1941 nur den Anfang gebildet hat. Während ihrer dreijährigen Besatzungszeit hat die Deutsche Wehrmacht wegen behaupteter Unterstützung von Partisanen und der Mithilfe bei der Entführung des deutschen Befehlshabers mindestens zwei komplette Dörfer dem Erdboden gleich gemacht und alle männlichen Bewohner erschossen. Fast überall in den "Weißen Bergen" finden sich Überbleibsel - Waffen, Geschütze, Beiwagen-Gespanne... - aus dieser Zeit. In privaten Museen oder auch nur als Dekoration von Tavernen oder Bars. Da ist es schon erstaunlich, dass wir, obwohl unstrittig als Deutsche erkannt, nie auch nur eine Spur von Ressentiments oder gar Missgunst erfahren haben. Im Gegenteil: wir waren stets willkommen und gern gesehen.

Zum Glück ist - und wird Kreta hoffentlich auch nicht in naher Zukunft - keine Insel für den Massen-Tourismus im großen Stil. Aber sie ist ein Paradies für alle, die sich gern bewegen, die Natur lieben - und die Sonne suchen. Wir haben einzelne Seniorenpaare getroffen, die mit gemieteten Geländewagen von Unterkunft zu Unterkunft gefahren sind, um durch nahe gelegene Schluchten zu kraxeln. Wir haben einen Holländer getroffen, der für 59 Euro mit Ryan-Air nach Hania geflogen ist, sich ein billiges Zimmer und einen Mietwagen genommen hat und nur dem schlechten Wetter daheim entfliehen wollte. Wir haben - überwiegend deutsche - Wandergruppen im Süden getroffen, die mit Bussen und Schiffen zu den interessantesten Schluchten gefahren sind, um sie zu durchwandern. Und wir haben einen Briten getroffen, der 150 Kilometer quer über die "Weißen Berge" gewandert ist, mit täglich neun Liter Trink-Wasser im Gepäck. Nur Radfahrer haben wir ganz, ganz selten gesehen. Was ich gut verstehen kann. So viel kurviges Bergauf-bergab - schön steil und sehr, sehr lang - wie auf Kreta habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen. Würde man das hier groß aufziehen, könnten alle Trainingslager auf Mallorca oder in Tunesien einpacken. In der gesamten Zeit haben wir aber lediglich zwei Anbieter von Mountainbike-Touren gesehen.

In Kenntnis dieser Topografie hatte keines der von uns gesehenen, etwa 25 Reisemobile - kaum Deutsche, viele Österreicher, Italiener und Franzosen, einige Slowenen und Tschechen - Fahrräder am Heck hängen. Aber vielleicht hatte ja der eine oder andere ein "Mopped" oder ein Elektrofahrrad in der Heckgarage. Was unsere Aktivitäten betrifft, so hatten wir unsere Räder auch nicht dabei. Dafür sind wir aber sehr viel geschwommen und einige Kilometer durch Schluchten gewandert und Ausgrabungs-Gelände gepilgert - getreu der Devise von Christa: "Die Mischung macht's".

Und wir haben neben der Sonne, der überwältigenden Landschaft und dem sauberen, klaren Wasser die legendäre kretische Gastfreundschaft genossen. Nicht nur, aber auch beim Essen. Denn was in Griechenland bereits Geschichte ist - der Gratis-Ouzo nach dem Hauptgang -, auf Kreta steht kein Gast vom Tisch auf ohne einen eisgekühlten Raki und eine Süßspeise "vom Haus" bekommen zu haben. Und nicht selten wird dem Gast auch noch eine ausgediente Limo-Flasche mit selbst gekeltertem Wein, ein Fläschchen mit Olivenöl oder Raki aus eigener Produktion zugesteckt. Manchmal auch ein paar Hühnereier.