Reisebericht Korsika 2017.

Das Reisen führt uns zu uns zurück. (Albert Camus)

Vor über dreißig Jahren waren wir schon einmal auf Korsika. Damals wollten wir uns auf dem Weg nach Sardinien nur einen groben Eindruck von der Insel verschaffen. Weswegen wir auf der uninteressanten Ostseite in einem Rutsch von Bastia nach Bonifacio gefahren sind. Diesmal wollten wir die Insel intensiver bereisen, waren 22 Tage unterwegs und haben 2.954 Kilometer abgespult.

Anfang April starten wir unsere dreiwöchige Tour, fahren bis nach Garmisch-Partenkirchen, wo wir die Nacht auf dem Parkplatz unterhalb der Skisprungschanzen verbringen. Über den Zirler Berg, Innsbruck und die (alte) Brennerstraße geht es nach Garda zum Übernachten auf dem dortigen Park- und Reisemobilstellplatz. Tags drauf statten wir dem Markt unseren obligatorischen Besuch ab und fahren anschließend nach Dezensano. Dort verbringen wir zwei Tage mit Freunden auf dem Campingplatz San Francesco.

Gut ausgeruht fahren wir nach diesen Tagen überwiegend auf Bundesstraßen durch die Toskana. Über Mantua, Modena, Lucca und Pisa nach Livorno, von wo aus wir bei bestem Wetter mit der Fähre (hin und zurück: 403,13 Euro) nach Bastia auf Korsika übersetzen. Das Schiff – Mega Express 4 – ist schon recht betagt und beglückt nicht mit Service-Freundlichkeit. Die Bar am Sonnendeck bleibt fast die gesamte Überfahrt geschlossen. Wir schnappen uns zwei Plastikstühle und verbringen die paar Stunden Überfahrt im Windschutz der seitlichen Glaswände auf dem Sonnendeck.

Willkommen auf La Pierre
Willkommen auf La Pierre

Die Insel Korsika und ihre Hafen- und Hauptstadt Bastia empfangen uns unter einer dicken Wolkendecke. Hinter einem deutschen Wohnwagengespann verlassen wir Fähre und Stadt in Richtung Norden und Cap Corse, wo wir uns auf dem etwa achtzehn Kilometer entfernten ACSI-Campingplatz La Pierre - LP (19,00 Euro) einquartieren. Es ist ein schöner, naturbelassener, offener Wiesenplatz mit einigen Bäumen, einem ganz neuen und modernen Rezeptions- und Restaurant-Gebäude und einem typisch südfranzösischen, leicht morbiden Hygienebereich.

Die Umrundung der Insel beginnen wir am nächsten Tag gegen 10:30 Uhr. Wir wollen Korsika - 183 Kilometer lang, bis zu 83 Kilometer breit und mit rund 50 Zweitausendern die gebirgigste, grünste und vielseitigste Insel des Mittelmeers - entgegen dem Uhrzeigersinn umrunden. Erstens sehen wir so die interessantere Westküste zuerst, zweitens kann Christa vom Beifahrersitz aus auf diese Weise die besseren Fotos von der Küste machen. Und drittens kommen wir so erst gegen Ende April an die Ostküste, wo wir vielleicht schon die Füße und Waden ins Meer tauchen zu können.

Entlang der Ostküste zum Cap Corse
Entlang der Ostküste zum Cap Corse

In Macinaggio, dem nördlichsten Ort der Ostküste, kaufen wir zwei Baguettes beim angeblich besten Bäcker der Insel und eine kleinmaßstäbliche Karte (Michelin Blatt 528, Maßstab 1:200.000), um auch die kleinste Piste auf der Insel finden zu können. Kurz vor dem äußersten Kap mit seinen Genueser Türmen und der vorgelagerten Insel de la Giraglia machen wir einen Abstecher hinauf in das Bergdorf Rogliano. Durch den irre engen Ort kommen wir nur mit mehrmaligem Rangieren bis zur Kirche und zur Festung oberhalb des Dorfes. Leider können wir beide Gemäuer wegen der Einsturzgefahr nicht betreten.

Wehrhaftes Bergdorf Rogliano
Wehrhaftes Bergdorf Rogliano

Zurückgekehrt auf die umlaufenden Hauptstraße fahren wir hinüber auf die Westseite der Insel, machen dabei mehrfach Fotostopps, sparen uns aber die Fahrt auf schmalen Naturstraßen bis direkt ans Kap hinunter. In Pino biegen wir nach links in Richtung Seneca-Turm in die Berge ab. Die Fahrt und den anschließenden steilen Fußmarsch bis hinauf zum Turm nehmen wir aber wegen Christas Bandscheiben-Operation vor gerade mal zehn Wochen nicht in Angriff. Wir sind sowieso sehr froh, dass wir die Reise überhaupt antreten konnten. Wir machen stattdessen auf dem Parkplatz ein paar Fotos und etwas unterhalb, mit freiem Blick auf die Küstenlinie, unsere tägliche Kaffeepause. Wegen des lädierten Rückens haben wir uns zum Testen für diese Reise strikt einen Tagesablauf vorgenommen, der ausreichend lange Fahrpausen vorsieht: 10:00 bis 13:30 Uhr Fahren, 13.30 bis 15:00 Uhr Kaffeepause, 15:00 bis 18:30 Uhr Fahren. Schluss.

Blick auf Centuri im Nordwesten
Blick auf Centuri im Nordwesten

Ein irres Schauspiel erleben wir gegen 14.00 Uhr. Da zieht das aus dem Meer verdunstende Wasser in tief hängenden, dichten, weißen Wolken fast gespenstisch die Berghänge hoch, nimmt alle Sicht auf die Gipfel und kühlt die Luft merklich ab. Nach etwa einer Stunde ist das Spektakel vorbei. Die Sonne strahlt wieder vom blauen Himmel. Auf der Weiterfahrt entlang der Ostküste genießen wir nicht nur die ständig wechselnden Blicke auf die schroffe, felsige Steilküste. Wir sind auch fasziniert von den vielen Familien-Mausoleen an den Berghängen und den schönen Haltebuchten an der Uferstraße. So etwas würden wir uns auch für die Magistrale in Kroatien wünschen. Wie auch den weniger dichten Verkehr – eine ideale Strecke zum Radfahren. Aber das mag auch zum Teil mit der Jahreszeit zusammenhängen, denn über die Hälfte der drei Millionen Touristen, die Korsika jährlich besuchen, kommt im Juli und August. Die andere Hälfte verteilt sich auf das Frühjahr und den Herbst.

Familien-Mausoleum
Familien-Mausoleum

Das als Saint Tropez Korsikas beworbene und gelobte St. Florent hat exakt dessen Flair und Touristen-Charme. Wir passieren es so zügig wie möglich und sind froh, dass rund 60 Kilometer weiter mit dem malerischen Städtchen L'Île Rousse ein wahres Kleinod auf uns wartet. Zuvor passieren wir aber noch die 160 Quadratkilometer große Halbinsel der Wüste Désert des Agriate. Dieser früher durch den Anbau von Oliven, Mandeln, Wein und Getreide äußerst ertragreiche Landstrich ist heute unbewohnt und nur noch von dornigem Gestrüpp bedeckt. Sie mit privaten Fahrzeugen zu erkunden ist so gut wie unmöglich. Aber einige Agenturen bieten kombinierte Offroad-Safaris per Geländewagen und Schlauchboot an. Und Wanderern wird dringend geraten, die markierten Wege nicht zu verlassen. Denn das Gebiet wird nach wie vor von der Fremdenlegion als Schieß- und Übungsplatz genutzt.

Am Ortsrand von L'Île Rousse checken wir fast pünktlich um 18:00 Uhr auf dem Campingplatz Les Oliviers (20 Euro) ein. Der familienfreundliche und sympathische Platz ist weitgehend naturbelassen, locker durch Olivenbäume, immergrüne, mannshohe Buschreihen und verschiedene andere niedrig wachsende Bäume unterteilt. Er wird unser Lieblings-Campingplatz auf Korsika werden. Zur Feier des Tages gönnen wir uns einen Sundowner (Sanbitter mit Mineralwasser).

Île de la Pietra und die Stadt L'Île Rousse
Île de la Pietra und die Stadt L'Île Rousse

Einen Gammeltag lang bleiben wir auf diesem Platz, kümmern uns um den Haushalt und den Sprinter, waschen Wäsche, sonnen uns, laufen am Nachmittag in den Ort L'Île Rousse, essen ein Eis, trinken einen Cappuccino und kaufen ein paar Lebensmittel ein. Der Ort, der seinen Namen nach den roten Granitfelsen der nahen, über einen Damm erreichbaren Île de la Pietra hat, wurde am Reißbrett angelegt, und unterscheidet sich daher von anderen korsischen Städten durch seine rechtwinklig angelegten Straßen und großen quadratischen Plätze. Auf der Place Pasquale Paoli ehrt eine Statue den Stadtgründer und früheren Namensgeber dieser Stadt: Paolini.

Zurück auf dem Campingplatz hat sich neben uns eine Gruppe etwa 13- bis 15-jähriger deutscher Mädchen und Jungen einquartiert. Alle haben lediglich je einen Rucksack dabei, auf den sie Isomatte und Schlafsack geschnallt haben. Sie schlafen nicht in Zelten, sondern unter einer großen, zwischen die Bäume gespannten Plane, kochen gemeinsam in einem Hordentopf und sind eine richtig sympathische und angenehme Truppe. Wir erfahren, dass sie die Jugendgruppe des Deutschen Alpenvereins aus München sind und morgen eine achteinhalb-tägige Tour auf dem Wanderweg mare et monti quer über die Insel bis nach Porto Vecchio antreten wollen. Mustergültig läuft abends einer von ihnen Kontrolle, hebt jeden Schnipsel auf und packt ihn in einen mitgebrachten Müllsack. Am späten Nachmittag kommt eine Truppe deutscher Allradler auf den Campingplatz: Ein ausgebauter Feuerwehr-MAN und zwei Landrover mit aufklappbaren Dachzelten. Einer der Landy-Fahrer kommt noch spät bei uns vorbei, will unseren Sprinter etwas genauer anschauen.

Sundowner auf Les Oliviers
Sundowner auf Les Oliviers

Auf der Weiterfahrt am nächsten Tag planen wir einen Schlenker durch einige der 34 typisch korsischen Dörfer der Balagne, bevor wir in Calvi wieder zur Küste zurück kommen wollen. Diese liebliche Hügellandschaft zwischen Meer und Bergland gilt als Garten Korsikas. Hier gedeihen Kastanien, Wein, Oliven, Orangen, Zitronen und Clementinen, die neben Honig und Ziegenkäse von vielen Bauern direkt ab Hof angeboten werden. Und entlang der Strada di Artigiani, der Straße des Kunsthandwerks – bieten viele Künstler ihre Produkte an. Von mundgeblasenen Gläsern über Keramiken aller Art bis zu Schmuck aus Leder oder Steinen.

Über Belgodere und Speluncato – die Durchfahrt zu dessen Dorfmitte ist gerade mal 2,30 Meter breit, rechts und links haben wir neben den Außenspiegeln je fünf Zentimeter Platz, zudem hängt kurz hinter der Engstelle ein Balkon besorgniserregend tief in Richtung unseres Hochdaches - fahren wir hoch hinauf nach St. Antonino. Dieses oben auf einer Bergspitze gelegene Touristen-Highlight soll das älteste Dorf der Insel und ein Zufluchtsort von Piraten gewesen sein. Wir kraxeln über die steilen Treppen und durch die buckligen Gassen hoch zur Barockkirche, genießen den freien Blick auf das Meer und auf die umliegenden, schneebedeckten Gipfel, durchstreifen die paar Souvenirshops des als eines der schönsten Dörfer Frankreichs ausgezeichneten Ortes und kaufen zum Abschluss eine kleine Keramik-Platte, die wir in unseren Sprinter kleben wollen.

In der Balagne
In der Balagne

Immer wieder sehen wir in dieser Region Falken über uns kreisen. Jetzt verstehen wir, warum sich die junge Frau neben uns auf dem Sonnendeck während der Fährpassage von Livorno nach Bastia in den dicken Wälzer „Der Falke“ vertieft hat. Aber so sehr wir uns auch bemühen, wir bekommen kein vernünftiges Foto von einem fliegenden Falken hin.

Auf der Weiterfahrt durch die Berge machen wir Kaffeepause auf dem 509 Meter hoch gelegenen Col de Salvi mit freiem Blick hinunter auf die Westküste und nach Calvi. Angekommen in dieser Hafenstadt mit der mächtigen Zitadelle aus weißem Granit, dem angeblichen Geburtsort von Christopher Columbus – was aber auch Genua für sich beansprucht - und heutigem Militärstützpunkt mit Sitz der Fremdenlegion, drehen wir nur eine kurze Runde und fahren dann auf der sagenhaften und berühmten Uferstraße nach Galeria.

Am Hafen von Calvi
Am Hafen von Calvi

Die Fahrt auf dieser aus der kahlen, steil aufragenden Steilküste heraus gesprengten, abenteuerlichen und irre kurvigen Straße mit bestem Asphalt ist nicht nur ein unvergessliches Erlebnis, sondern auch eine echte Herausforderung. Ich fahre mal wieder vor lauter Kurbelei den ganzen Tag fast nur im zweiten und dritten Gang, komme auf einen Durchschnitt von kaum mehr als 25 km/h. Das hätte ich mit dem Rennrad auch geschafft.

Galeria ist zum Vergessen. Genauso leider auch Porto. Der in der Urlaubssaison trubelige Ferienort liegt zwar eingebettet in grüne Hänge und Steilwände. Aber das Wahrzeichen des Ortes, der 1549 erbaute Genueser Wachtturm auf einem Felsvorsprung vor dem Hafen – einer von noch 67 dieser gedrungenen Gemäuer auf der Insel – kann den schmuddeligen Eindruck, den der Hafenbereich macht, auch nicht übertünchen. Zudem verwehren in Ufernähe überall Halte- und Parkverbotsschilder für Reisemobile die nähere Erkundung des Ortes. Wir checken etwas landeinwärts auf dem in einem Steilhang angelegten Campingplatz Sole & Vista (23,50 Euro) ein. Aufwändig hat dessen Besitzer die einzelnen Stellplätze zwischen die dicht stehenden Bäume auf mehreren Ebenen planiert. Auf unserer Höhe gibt es nur diesen einen Stellplatz neben der Straße – mit super Blick auf das gegenüber liegende Felsmassiv.

Hier jagt auch die Korsika-Rallye durch
Hier jagt auch die Korsika-Rallye durch

Auf einem schmalen Sträßchen fahren wir am nächsten Tag über Ota und der darunter das Tal überspannenden, 1745 erbauten Genueser Brücke zur Gorges de Spelunca. Diese von zwei Zuflüssen des Porto durch die orangeroten Felsen gegrabene Schlucht erinnert uns sehr an die Vicos-Schlucht in Nordgriechenland. Die Wanderung auf dem Serpentinenpfad im Talgrund des Wildbachs ersparen wir uns. Wir wollen Christas Rücken nicht zu sehr strapazieren. Wir überqueren die schmale Brücke und fahren zur breiten D 84 Richtung Evisa. Es wird eine traumhafte Tour mit ständig wechselnden Blicken auf die schroffen Berge. Wir fahren über den stürmischen Col de Vergio (1.477 m) und durch den 24 Quadratkilometer großen Forêt d'Aitone - einem Traum aus Lärchen, Seekiefern, Tannen und Buchen, vor allem aber bis zu 45 Meter hohen und 200 Jahre alten Laricio-Schwarzkiefern - und anschließend den nicht minder interessanten Forêt de Valdu-Niellu. Mehrfach müssen wir unterwegs anhalten, um ganzen Familien oder einzeln laufenden, schwarzen Schweinen den Vortritt zu lassen.

Man muss ein Schwein sein...
Man muss ein Schwein sein...

Ab dem dunkelgrün und geheimnisvoll in einer Hochebene liegenden Stausee bei Calacuccia fahren wir eine der spektakulärsten Strecken der gesamten Insel, die legendäre Scala di Santa Regina. Diese verwegene, höchstens vier Meter breite Straße, die sich in den Hang hinein gesprengt entlang zerklüfteter, dunkelroter Felsnadeln schlängelt, ist zu Recht eines der Highlights Korsikas. Teils unten im Tal des Flüsschens Golo verlaufend, teils oben an den Felswänden, mit unendlich vielen Kurven und nur durch ein niedriges Befestigungsmäuerchen auf der rechten Seite gesichert, führt sie durch die Klamm und über die 537 Meter hoch gelegene Brücke Pont de l'Accia. Gegenverkehr ist nur möglich, wenn einer von beiden in einer der Ausweichstellen wartet. Daran halten sich selbst Motorradfahrer, wie wir erleben.

Warum heißt dieses Sträßchen Treppe (Scala) der heiligen Regina?
Warum heißt dieses Sträßchen Treppe (Scala) der heiligen Regina?

In Pont de Castirla biegen wir rechts auf die D18 in Richtung Corte ein. An dieser Straße machen wir unsere heutige Kaffeepause auf einer Ausweichstelle kurz vor der Stadt mit fantastischem Blick auf die noch schneebedeckten Gipfel des Mt. Rotondo (2.622 m) und des Mt. Cardo (2.453 m). Leider hängen über dem linker Hand gelegenen, höchsten Berg Korsikas, dem Mt.Cinto (2.706 m) dichte Wolken.

In Corte tanken wir und kaufen ein paar Lebensmittel. Leider unverrichteter Dinge verlassen wir einen Shop mit korsischen Spezialitäten. Er wird gerade eingeräumt, öffnet erst am Ostermontag. Die Universitätsstadt Corte mit der auf einem Felsvorsprung thronenden, aus dem 11. Jahrhundert stammenden und im Jahre 1419 zur Festung erweiterten Zitadelle gilt als die heimliche Hauptstadt der Insel und war von 1755 bis 1769 Regierungssitz des freien Korsika unter dem Freiheitskämpfer gegen die genuesische Herrschaft Pasquale (oder Pascal) Paoli (1725 – 1807), der uns schon von L'IÎle Rousse bekannt ist. Die Zitadelle, deren ältester Teil, das Adlernest, aus dem 11. Jahrhundert stammt, war in seiner langen Geschichte Gefängnis und Sitz der Fremdenlegion. Heute ist es ein Museum. Von Corte aus fährt eine Schmalspurbahn über Viadukte und durch Tunnel bis hinunter ans Meer nach Ajaccio.

Über Corte thront die Zitadelle
Über Corte thront die Zitadelle

Parallel zur Trasse dieser Schmalspurbahn fahren wir von Corte auf der breiten, bestens ausgebauten T 20 nach Ajaccio. Mal links mal rechts sehen wir die Geleise und kommen so auch an der genieteten Stahlbrücke des französischen Ingenieurs Gustave Eiffel vorbei. Sie allerdings enttäuscht uns arg, weil sie auf gemauerten Stützen steht. Das hatten wir anders erwartet. Da ist sein Turm in Paris von ganz anderem Kaliber.

Ajaccio, die Geburtsstadt Napoleons, ist für uns ein hässlicher, staubiger und riesiger Koloss mit chaotischem Verkehr. Nur mit Mühe, viel Rangieren und gesträubten Nackenhaaren komme ich aus dem total überfüllten Parkplatz des Carrefour-Supermarktes wieder heraus. An Parken und Einkaufen ist gar nicht zu denken. Wir haben keine Lust auf diese Stadt. Pardon l'Empereur. Wir denken, die Zitadelle, das Maison Bonaparte, das Musée Fesch und der Place Maréchal Foch mit dem aus weißem Marmor gemeißelten Napoleon-Denkmal werden es verschmerzen.

Um den Flughafen von Ajaccio in sumpfiger Umgebung fahren wir nach Porticcio, kaufen im sündhaft teuren Spar-Supermarkt ein und kommen auf der Suche nach einem Campingplatz für die Übernachtung bis nach Ruppione. Dort checken wir gegen 18:20 Uhr notgedrungen im lieblos geführten, ziemlich verwahrlosten Campingplatz (20,00 Euro) ein, auf dem schon die wilde Allradlertruppe vom Les Oliviers ihre Wagenburg unter den Bäumen eingerichtet hat und ein gemeinsames Viergängemenü zubereitet.

Beim Abendessen diskutieren wir kurz, ob wir nicht das Stück Richtung Ajaccio zurückfahren und dann entlang der Westküste Richtung Norden fahren sollten. Immerhin haben wir durch unseren Schlenker durch die Berge nach Corte einiges an der Küste verpasst: die berühmte Felslandschaft Calanche mit ihren bizarren, je nach Sonnenstand ockerfarben bis purpurrot leuchtenden Granitspitzen, das aus dem gleichen Material gebaute Bergdorf Piana, das im 17. Jahrhundert von griechischen Einwanderern gegründete Cargèse, und den Golfe de Sagone mit der Bucht von Rocapina und ihrem weltberühmten Fels-Löwen. Aus Zeitgründen entschließen wir, dies bei einer späteren Reise nachzuholen.

Sonne, Meer und Traumstrand bei Propriano
Sonne, Meer und Traumstrand bei Propriano

Anders als das in Italien wäre, merken wir nirgendwo, dass heute Ostersonntag ist. Wie immer fahren wir gegen 10:25 Uhr los. Entlang der Küste nach Propriano. Kurz vor der Stadt machen wir einen Abstecher nach Porto Pollo, kaufen auf dem dortigen Markt einige korsische Spezialitäten (Honig, Schinken, Orangenmarmelade..). In Propriano fahren wir an den lang gestreckten, wunderschönen Sandstrand, den uns mal kein Querbalken versperrt. Wir machen neben einer Baumgruppe eine ausgedehnte Mittagspause und sammeln Muscheln und ausgebleichte Holzstücke für anstehende Basteleien.

Nach der Kaffeepause geht es weiter über die wohl älteste Stadt der Insel, das unglaublich enge Sartène. Durch diese angeblich korsischste Stadt fahren wir eine kurze Runde, flankiert von hohen, dunklen Häusern. Noch im 18.Jahrhundert, länger als sonst auf der Insel, dominierte hier noch das Lehenswesen. Fehden und Blutrache führten Anfang des 19. Jahrhunderts zur Zweiteilung der Stadt, die hoch über dem Rizzanesetal thront. In der düsteren Altstadt mit ihren steilen Treppen lebten die Ligurier, in der offeneren Neustadt die Korsen.

Absturzgefährdet: Bonifacio
Absturzgefährdet: Bonifacio

In einem Rutsch fahren wir von hier aus nach Bonifacio. Dabei verzichten wir auf einen Stopp beim Spin a Cavallu, eine wie ein Pferderücken geformte Genueser Brücke. Und auch die Route des Mégalithes, eine Ansammlung von Megalithen aus der Zeit zwischen 4.000 und 1.000 vor Christus, lassen wir aus. Auf dieser für uns recht kurzen Reise sollte die Natur, nicht die Kultur und die Geschichte im Mittelpunkt stehen. Dennoch begegnen wir auch letzteren beiden tagtäglich. Zum einen ist der Einfluss der verschiedenen italienischen Machthaber über die Insel allein schon an der Namensgebung nicht zu übersehen. Die Pässe heißen Monte, Passo oder Bocca. Ortschaften und Städte tragen Namen wie Porto Pollo, Porto Vecchio oder Girolata und Sehenswürdigkeiten heißen Filitosa, Cucuruzzu et Capula oder Spin' a Cavallu. Das alles klingt so gar nicht französisch. Wie etwa auch Strada di Artigiano nicht. Kaum zu übersehen sind auch die Zeichen der bis in die 1980er Jahre sehr aktiven FLNC, die für die Unabhängigkeit Korsikas von Frankreich kämpfte. Besonders im Landesinnern sind die französischen Ortsnamen schwarz übersprüht und damit unleserlich gemacht. Die darunter aufgeführten korsischen Namen finden wir naturgemäß nicht in unserer Michelin-Karte. Und immer wieder sehen wir FLNC-Graffitis bis hin zu einer Leitplanke, auf der unübersehbar das wenig schmeichelhafte „français de merde“ in der Sonne glänzt.

Es fährt ein Schiff nach... Sardinien
Es fährt ein Schiff nach... Sardinien

Der angepeilte ACSI-Campingplatz von Bonifacio liegt weit vor der Stadt, sodass wir uns eine näher an der City liegenden Alternative suchen. Dazu quälen wir uns erst einmal durch die total überfüllte Stadt und fahren auf einem schmalen Sträßchen über Gurgazu zur Plage de Sta. Manza, wo es einen Camping- und freie Stellplätze geben soll. Aber erstens ist uns diese Ecke auch zu weit von der Stadt entfernt, um abends essen gehen zu können. Und zweitens ist der Strand komplett mit Ferienhäusern zugeknallt. Wir fahren zum wirklich stadtnahen Campingplatz L'Araguina zurück und checken auf dem vorletzten verfügbaren Stellplatz des gegenüber liegenden Ausweichplatzes ein (26,50 Euro). Schon jetzt, an Ostern, ist Bonifacio voller Touristen und Parkplatz suchender Autos. Kein Vergleich zu unserem ersten Besuch vor über dreißig Jahren. Wir fragen uns, was hier wohl erst im Sommer los ist.

Mit dem letzten Bähnle des Tages fahren wir kurz vor 18:00 Uhr hinauf zur mittelalterlichen Ville Haute (Oberstadt) von Bonifacio (Hin- und Rückfahrt, die wir nicht mehr in Anspruch nehmen können = 5,00 Euro pro Person). Wir laufen eine Runde durch die Bastion de l'Étendard aus dem 16. Jahrhundert, die lange Zeit, geschützt durch acht Tore, nur über eine Zugbrücke am Genuesenportal zu erreichen war. Wir finden das Bistro, in dem wir bei unserem ersten Besuch vor der Überfahrt nach Sardinien gefrühstückt haben und auch den Shop, in dem Christa eine Handtasche gefunden hatte, steigen anschließend über ungezählte Stufen hinunter in den neueren Teil der Stadt, um zum Osterfest schick essen zu gehen. Das tun wir im La Rocca, La Falaise. Gut, wenn auch nicht ganz so schick wie gewünscht, dafür aber stinkteuer. Bonifacio eben. Allerdings, und darüber staunen wir noch immer: ich hatte mit zwei Scheinen aus einem Packen ganz neuer Fünfziger bezahlt, die ich kurz vorher aus einem Bankautomaten gezogen hatte. Wir waren noch keine zehn Schritte nach dem Verlassen des Lokals gegangen, als uns die Chefin, eine sehr elegante Schwarze, hinterher gelaufen kam und uns einen Fünfziger zurückgab. Die Scheine waren wohl so verklebt, dass ich dem Ober versehentlich drei gegeben hatte. Wir fragen uns noch immer: wären Gastwirte in Italien, Kroatien - oder Deutschland - auch so fair gewesen? Zur Verdauung lassen wir den Abend im Sprinter ausklingen. Obwohl vom Wetter her möglich schien uns draußen zu sitzen wegen der Nähe zu den Nachbarmobilen und der späten Stunde nicht ratsam.

Felsentürme am Capo Pertusato
Felsentürme am Capo Pertusato

Am zweiten Tag in Bonifacio wollen wir die Bastion hoch oben auf der Felskante, der berühmten Falaise, von der rückwärtigen Seite aus sehen. Dazu starten wir um 10:00 Uhr, fahren um die Stadt herum bis zum Capo Percusato, parken den Sprinter vor dem Gebäude der Küstenwache und laufen den etwa einstündigen Weg bis zum Leuchtturm. Auf dem Weg, zuerst ist es noch wolkig, dann wird es immer sonniger, genießen wir immer wieder tolle Blicke auf Bonifacio und dessen Naturhafen. Super wäre jetzt, wenn auch noch die Fähre gerade aus dem Hafen käme. Die kommt aber erst, als wir schon hinter dem Leuchtturm die vorgelagerten Felsen fotografieren, samt um sie herum kurvender Ausflugsboote.

Nach unserem Spaziergang starten wir gegen 12:00 Uhr in Richtung Porto Vecchio. Bei Santa Giulia biegen wir rechts ab zum angeblichen Traumstrand von Palombaggio. Aber was früher mal ein riesiger Sandstrand am Pinienwald war, ist heute vollständig mit schicken Wohn- und Feriensiedlungen zugebaut. Erst ganz am Ende gibt es eine freie Zufahrt zum Strand. Die endet allerdings weit vor dem Ufer in einem lichten Pinienwald auf sandigem Untergrund mit vielen Camping-Verbotsschildern und den erwarteten Querbalken in zwei Metern Höhe. Nichts ist mehr mit dem früher als Camper-Paradies gerühmten Fleckchen Korsika. Freilich wäre das, mit dem sumpfigen, schilfigen Hinterland, auch nicht so unser Ding. Wir fahren zur Uferstraße zurück und auf dieser ein Stück weiter nordwärts, versuchen dann erneut ans Meer zu kommen. Wieder biegen wir rechts ab und fahren ein Stück an einem Meeresarm entlang, an einer weitläufigen, verschlossenen FKK-Anlage vorbei, auf einer Naturstraße hinauf zu einem malerischen Leuchtturm. Leider ist der aber komplett eingezäunt, wir haben keinerlei Sicht. Notgedrungen kehren wir um und machen unsere Kaffeepause in einer Parkbucht neben der Zufahrtsstraße direkt am Wasser.

Bei bestem Wetter versuchen wir auf der Weiterfahrt auf der D468 zwischen Ciprianu und Pinarellu mehrfach einen geöffneten Campingplatz am Ufer zu finden. Dreimal biegen rechts in Stichstraßen zum Strand ab. Und dreimal sind die Plätze, die schön unter Pinien gelegen sind, noch geschlossen. Unansehnlich ist nach wie vor das Hinterland bis zu den Bergen. Es ist sumpfig und von vielen Tümpeln durchzogen, aber wohl ertragreiches Ackerland.

Wir waren auch da, auf dem Col de Bavella (1.218 m)
Wir waren auch da, auf dem Col de Bavella (1.218 m)

Von Solenzara aus, vorher haben wir im Ort noch frisches Baguette gekauft, biegen wir in die Berge hinauf nach links ab. Heute wollen wir in dem hochgelobten Berg-Campingplatz U Rosmarinou oberhalb von Solenzara übernachten. Der ist aber noch genauso geschlossen wie ein kurz darauf folgendes Camp. So fahren wir immer weiter hinauf, über den Col de Larone (608 m) bis zum Col de Bavella (1.218 m) mit seinen scharf gezackten, bis auf 1.800 Meter aus dem Bergmassiv hochragenden Felsnadeln Aiguilles de Bavella, die heute aber in dichten Wolken verschwinden. Hinter Conza, in Richtung Quenza, kommen wir in einer Kurve an den traumhaft schön im Wald gelegenen, von Bergwanderern gut besuchten Campingplatz La Rivière. Wir suchen uns einen Stellplatz unter hohen Pinien zwischen ein paar Büschen. In großen Abständen um uns herum stehen nur Zelte. Weit hinter uns ein französisches Wohnmobil, dessen Besitzer sich mit einem mindestens fünfzig Meter langen Stromkabel an den Stromkasten in unserer Nähe angeschlossen hat. Der liebenswürdige Besitzer des Campingplatzes, Typ uriger Waldschrat, kommt erst gegen Abend in seine Rezeptions-Blockhütte. Wir erledigen die Formalitäten, und er aktiviert unseren Stromanschluss. In der untergehenden Sonne vespern wir draußen vor dem Sprinter. Nach und nach trudeln die Wanderer ein, die meisten aber in ihren Autos, und beziehen ihre Zelte.

Im Waldcamp La Rivière
Im Waldcamp La Rivière

Weil wir wegen der nicht geöffneten Campingplätze die Ostküste schneller als erwartet durchfahren haben, wollen wir doch noch die von allen Reiseführern in höchsten Tönen gelobte Restonica-Schlucht bei Corte anfahren. Auf dem Weg dorthin nehmen wir die D 69, gewissermaßen die Kammstraße mitten durch die Insel bis in die Stadt mit der Zitadelle. Es ist eine wunderschöne, abenteuerliche Fahrt mit unendlich vielen Kurven durch zum Teil total verwilderte Wälder, in denen wir immer wieder sprudelnde Wildbäche überqueren, rauschende Wasserfälle passieren und auf frei laufende Rinder und schwarze Schweine treffen. Manche Wildbäche haben die Straße so stark unterspült, dass nur noch eine Fahrspur passierbar ist. Ohne jede Vorwarnung versperrt uns, direkt hinter einer Kurve, in einem solchen Fall ein Autokran die Weiterfahrt. Er steht auf der einzigen, möglichen Fahrspur, an seinem Ausleger hängt das Teil einer zu bauenden Schutzmauer. Außer einem Büro- und Wohncontainer an der Baustelle ist nichts zu sehen. Vor allem kein Mensch. An ein Weiterkommen ist nicht zu denken. Ein einheimischer Pkw-Fahrer, der uns einige Kilometer vorher überholt hat und nun vor uns an der Baustelle steht, findet dann doch einen Bautrupp bei der Mittagspause. Die Jungs fahren den Kran samt dem dran hängenden Mauerteil zur Seite. Wir können unsere Fahrt fortsetzen.

Einer der ungezählten Wildbäche in den Bergen
Einer der ungezählten Wildbäche in den Bergen

Durch Corte hindurch fahren wir direkt zum Valle de la Restonica. Wir sind sehr gespannt auf das Tal, das in einem Reiseführer wie folgt beschrieben wird: „Der Fluss Restonica entspringt in 1.711 Meter Höhe im Rotondomassiv und gurgelt durch Granitschluchten, vorbei an Kiefernwäldern und moorigen Wiesen. Endpunkt der schmalen Bergstraße D 623 ist die Bergerie de Grotelle, eine ehemalige Schäferei. Früher dienten die Feldsteinhäuser den Hirten als Unterschlupf. In etwa einer Stunde kann man bis auf 1.711 Meter zum von Wiesen gesäumten Bergsee Lac de Melo wandern. Der anstrengende Weg zum fast kreisrunden, acht Monate im Jahr zugefrorenen Lac de Capitello auf 1.930 Metern Höhe dauert nach mal 45 Minuten.“ Das reizt uns sehr. Es heißt aber auch weiter: „Das wildromantische Ambiente zieht viele Touristen an“. Wir machen uns deshalb auf einiges gefasst.

Überlaufenes Valle de Restonica
Überlaufenes Valle de Restonica

Und tatsächlich, die Straße entlang des Flusses entpuppt sich als breiter und besser befahrbar als in den Reiseführern beschrieben. Aber wegen der vielen seitlich parkenden VW-Busse und Pick-ups der Wildwasserfahrer ist es doch recht eng. Je höher wir hinaufkommen, umso mehr. Langsam zirkeln wir die Straße durch die Engstellen hinauf, links von uns das tosende, grün und türkis leuchtende Wasser. Leider kommen wir nicht bis zu den angesprochenen Schäfereien hoch. Ein gutes Stück vorher, der letzte Parkplatz war nicht nur total überfüllt, sondern auch mit einem Querbalken für uns unzugänglich, ist für uns endgültig Schluss. Die Straße rechter Hand ist, so sagt ein Verkehrsschild, irgendwo oberhalb nicht mehr passierbar. Der Campingplatz, obwohl laut Aushang ab 01.04. - also seit gut vierzehn Tagen - geöffnet, ist mit Trassierband gesperrt, und eine resolute, fast aggressive Madame verwehrt uns die Überfahrt über eine schmale Brücke hinüber auf die andere Flussseite. Erst giftet sie uns an, dann stellt sie ihren Mercedes-M-Klasse mitten auf die Brücke und wartet, bis wir - mehrfach hin- und her rangierend - umgedreht haben. Und das alles, obwohl hinter ihr zwei deutsche Reisemobile zwischen den Bäumen stehen, die wir von unterwegs kennen. Rechts und links quetschen sich derweil Mountainbiker und ganze Wanderfamilien an unseren beiden Fahrzeugen vorbei. Es ist ein ziemliches Durcheinander. So richtig verstehen wir die groteske Situation nicht. Aber wir wollen keinen Ärger. Und, ehrlich gesagt, gefällt uns dieses von Touristen überlaufene Tal auch nicht so gut, dass wir uns auf längere Diskussionen oder womöglich gar einen Streit einlassen wollen.

Und tschüss...
Und tschüss...

So verlassen wir den ungastlichen Ort, fahren langsam wieder nach Corte zurück, entschließen uns dort nach einem Einkauf im Supermarkt Casino auf schnellstem Weg nach L'Île Rousse und „unserem“ Campingplatz zu fahren, um dort noch ein paar Tage zu relaxen. Gegen 17:45 Uhr kommen wir dort an und genehmigen uns einen beruhigenden Sundowner. Allerdings, mit Sonne ist heute nicht mehr viel. Nachts beginnt es auch noch zu regnen.

Am nächsten Morgen ist der Regen vorbei, die Sonne strahlt vom tiefblauen Himmel, aber es ist recht windig. Auf dem Platz ist nicht viel los. Außer uns verteilen sich vier VW-Busse und Mercedes-V-Klasse, ein Alkovenmobil, ein Teilintegrierter, ein Wohnwagen, ein Geländewagen mit zwei Großraumzelten und mehrere kleine Zelte auf dem weitläufigen Gelände. Vor einem kleinen Kuppelzelt hockt ein etwa sechzigjähriger Franzose, der täglich mit dem Rennrad unterwegs ist. Ein bisschen beneide ich ihn. Und für mich steht fest: zu unserem nächsten Aufenthalt nehme auch ich das Rennrad mit.

Vier Tage bleiben wir auf dem Platz, machen Camping, waschen Wäsche, kruschteln am Sprinter, gehen spazieren und am Samstag auf den Wochenmarkt und kaufen korsische Spezialitäten: Baguette traditionel, Salami, Ziegenkäse, in Zitronen eingelegte Oliven, Roséwein. Wir machen uns die Haare, sonnen, faulenzen und nutzen abends ausgiebig unseren neuen Gasgrill (Cadac Safari Chef 2, ein super Dingens). Dazwischen versuchen wir WhatApps an die Familie zu schicken. Auf dem Platz bekommen wir zehn kostenlose Minuten. Das Verfahren ist recht kompliziert, mit Angabe unserer E-Mail-Adresse und einiger weiterer Daten. Aber irgendwann kriegen wir es hin.

Wanderung auf der Île de la Pietra
Wanderung auf der Île de la Pietra

An unserem letzten Tag auf Korsika wollen wir durch die Castagniccia, die Region der Kastanienwälder, nach Bastia fahren und dort übernachten, um am darauf folgenden Morgen um 09:15 Uhr die gebuchte Fähre nach Livorno zu erreichen. Mit uns verlassen an diesem Sonntag einige andere, vor allem Franzosen, den Platz. Auf der Fahrt hinauf in die Berge bei Ponte Leccia versuchen wir, endlich ein paar Fotos von den immer wieder über uns kreisenden Falken zu bekommen. Aber so richtig will das auch diesmal nicht klappen. Obwohl wir inzwischen erkannt haben, dass diese Jäger ihre Kreise immer weiter verschieben. Wir müssen ihnen also ständig hinterher fahren. Was manchmal nicht ganz ungefährlich ist. Es gibt ja doch hin und wieder mal Gegenverkehr. Und da macht es sich nicht so gut, wenn ich vor lauter Starren zum Himmel langsam aber sicher in die Mitte der Straße gerate.

Friedhof in der Balagne
Friedhof in der Balagne

Die letzten Kilometer nach Ponte Leccia fahren wir kurvenreich entlang des naturbelassen mäandernden Flüsschens Navaccia durch dessen wunderschönes Tal mit frühlingshaft hellgrün leuchtenden Bäumen und Büschen. Hier machen wir unsere ausgedehnte, mittägliche Kaffeepause mit endlich mal freiem Blick auf den 2.706 Meter hohen Monte Cinto und das dicht bewaldete Arco-Tal, in dem der berühmteste Abenteuer-Park der Insel mit allen möglichen Offroad- und Outdoor-Events auf Unerschrockene wartet.

Heute ohne Wolken: der Mt. Cinto (2.706 m)
Heute ohne Wolken: der Mt. Cinto (2.706 m)

Die Fahrt von Ponte Leccia durch die Castagniccia hinunter an die Ostküste bietet uns ein ganz anderes, eher düsteres, Korsika, als wir es bisher gesehen haben. Wohl durch die häufig durchziehenden Wolken sind die Bäume dicht mit Lianen überzogen. Die Maronenwälder mit bis zu zwanzig Meter hohen Kastanienbäumen, die der Gegend ihren Namen und ihren Bewohnern bis vor etwa hundert Jahren ansehnlichen Reichtum gegeben haben, zeigen sich unheimlich, märchenhaft verwoben und verwildert. Es ist kaum frisches Grün oder ein blühender Strauch zu sehen. Und die Dörfer, die uns stark an die Siedlungen in der Zagorochoria in Zentralgriechenland erinnern, wirken mit ihren schmalen, mehrstöckigen, grau oder braun verputzten und mit dunklen Steinplatten gedeckten Häusern eher trostlos als gewinnend. Zudem sind viele Dörfer verlassen, Häuser, Kirchen und Festungen eingefallen und ragen nun als Ruinen in den Wolken verhangenen Himmel.

Verflixt und zugenagelt in der Kastanienregion
Verflixt und zugenagelt in der Kastanienregion

Von Cervione aus, dem ehemaligen Bischofssitz und heutigen Knotenpunkt der Castagniccia an der Ostküste, fahren wir direkt nach Bastia. Die Stadt erschreckt uns gleich mal mit einer Höhenbeschränkung auf 2,60 Meter. Zu niedrig für unseren knapp drei Meter hohen Sprinter. Das gilt zum Glück aber nur, wie wir kurz darauf feststellen, für die Tunnel, die direkt in die Stadt führen. Die außen herum führende Uferstraße zum Fährhafen ist für uns problemlos zu befahren. Wir parken am neuen Hafen auf dem Boulevard Paoli, der Haupteinkaufs- und Geschäftsstraße Bastias, und suchen ein Restaurant für unser letztes Essen auf Korsika. Dazu laufen wir zunächst etwas stadtauswärts. Allerdings stoßen wir dabei auf die wohl populärste Pizzeria und Eisdiele der Altstadt. Jedenfalls steht ständig eine lange Schlange Jung und Alt vor dem Bedienungstresen und alle treten den Heimweg entweder mit Bergen von fünf bis sechs Pizzen oder großen Tragetaschen mit riesigen Eisbehältern an. Manche auch mit beidem. Waren unsere beiden Pizzen (Italiener würde es bei dieser Schreibweise schütteln, aber laut Duden korrekt) schon sehr lecker, hat uns das Eis nachher wirklich umgehauen. Echt Superklasse.

Haupt- und Hafenstadt Bastia
Haupt- und Hafenstadt Bastia

Bevor wir im Hafen zu übernachten versuchen, wollen wir erst noch eine Runde durch die Stadt drehen. Dazu fahren wir von unserem Parkplatz auf der Einbahnstraße hinauf in die Altstadt Terra Vecchia bis zur Zitadelle in der Terra Nova. Vor ihr drehen wir um und finden auf der Rückfahrt, mehr durch Zufall als durch Navigation, das schmale, steil abfallende Sträßchen, das direkt zum alten Hafen hinunter führt. Es verschlägt uns fast die Sprache, als wir von oben durch die dunkle, enge Häuserflucht kommend, schlagartig auf das hell erleuchtete Panorama der Altstadt in der heraufziehenden Nacht zu rollen. Das malerische, U-förmige Becken des alten Hafens voller bunter Boote, rundum gesäumt von voll besetzten Restaurants, Bars und Souvenirshops, im Hintergrund überragt von der zweitürmigen, hell angestrahlten Kathedrale Église St-Jean-Baptiste, Korsikas größter Kirche und Wahrzeichen ist die reinste Theaterkulisse. Der unvergessliche Anblick nimmt uns so gefangen, dass wir total vergessen, die Szenerie mit der Kamera festzuhalten. Keine Frage, bei unserer nächsten Reise auf die Insel müssen wir in Bastia länger bleiben.

Vorsichtig schlängeln wir uns mit unserem Sprinter durch das Hafengewirr, fahren hinüber zum leeren Fährhafen und richten uns hinter einem weiteren, deutschen Reisemobil zum Übernachten ein. Doch schon beim Einschlafen weckt uns ein Security-Mensch, erklärt uns höflich, dass wir aus Sicherheitsgründen nicht im Hafen übernachten dürfen und erklärt uns den Weg zu einem Platz direkt vor dem Hafen, wo wir ungestört übernachten können. Wir folgen dem Rat. Und er hat recht. Wir schlafen gut und fest.

Enger geht's fast nimmer
Enger geht's fast nimmer

Das Beladen der Fähre am nächsten Morgen geht wegen der vielen Lastwagen und einzelnen Sattelauflieger recht langsam vor sich. Wir rechnen schon mit einer satten Verzögerung. Doch plötzlich sind ruckzuck die Pkws im oberen Garagendeck verschwunden und wir können rückwärts als vorletztes Reisemobil in den tiefschwarzen Schlund der Fähre hinein rangieren. Wir sind noch gar nicht bis zum Sonnendeck hinauf gestiegen, da legt die Fähre schon ab – nur sieben Minuten nach der geplanten Abfahrtszeit. Das hätte ich noch fünfzehn Minuten vorher nie und nimmer geglaubt. Die luxuriöse Fähre Mega Andrea hat außer dem stark besuchten Restaurant noch vier Bars. Wir finden aber nirgendwo Plastikstühle, die wir auf das Sonnendeck stellen könnten. Die hat die Besatzung wohl alle weggeräumt, um mit dickem Schlauch und Schrubbern den Boden zu putzen. So verbringen wir fast die gesamte Überfahrt steuerbords in der Sonne, auf einer Kiste mit den Schwimmwesten sitzend.

Sandalen mit Socken „geht gar nicht“
Sandalen mit Socken „geht gar nicht“

Richtung Heimat fahren wir diesmal zwar wieder über den, jetzt Ende April total verhangenen, Gardasee. Aber leider wird es auch diesmal wieder nichts mit meiner Lieblingspassstraße über das Timmelsjoch. Der Pass wird erst im Juni geöffnet. So fahren wir mal wieder über die Brennerstraße, Innsbruck und den Zirler Berg in das verregnete Garmisch-Partenkirchen zum Übernachten und am nächsten Tag durch dichtes Schneetreiben im Allgäu nach Hause.