Reisebericht Baltikum 2017.

Wer neue Wege gehen will,
muss alte Pfade verlassen. (Manfred Grau)

In der Hoffnung auf schönes Herbstwetters haben wir das Baltikum ab der letzten Augustwoche im Uhrzeigersinn umrundet und sind entlang der Ostseeküste nach Norden und dann zügig entlang der Grenze zu Russland und Weißrussland zurück gefahren. Insgesamt waren wir 25 Tage unterwegs und haben 6.166 Kilometer zurückgelegt.

Die meisten Reisemobilisten nehmen auf ihrem Weg ins Baltikum die Fähre von Kiel oder Lübeck ins lettische Klaipėda (früher: Memel). Wir aber wollen entlang der Ostseeküste von Stettin nach Danzig und dann über die Marienburg und durch die Masuren nach Litauen einreisen. Aussparen wollen wir lediglich die russische Enklave Kaliningrad. Fünf Tage lassen wir uns Zeit, um über Norddeutschland und Polen auf der E 67, der Via Baltica, in das Baltikum einzureisen. Auf dieser Anfahrt erkunden wir ausgiebig der Städte Stettin und Danzig sowie die Marienburg und durchqueren die Masurische Seenplatte.

Das muss einfach sein: Christa vor dem Krantor in Danzig
Das muss einfach sein: Christa vor dem Krantor in Danzig

Eines der unzähligen, ehrwürdigen Gemäuer in Danzig
Eines der unzähligen, ehrwürdigen Gemäuer in Danzig

Sowohl die Hansestadt Danzig wie auch die Marienburg an der Nogat, einem Nebenfluss der Weichsel, sind nicht nur beeindruckende Orte der europäischen Geschichte. Sie präsentieren sich auch im originalgetreuen, herrschaftlichen Glanz. Wir bewundern vor allem die polnischen Handwerker, die das Kunststück fertig gebracht haben, aus Ruinen und verkohlten Mauerresten die geschichtsträchtige alte Pracht im wieder entstehen zu lassen. Wenn wir nur daran denken, wie lange wir Deutschen gebraucht haben, um zum Beispiel Dresden wieder seinen früheren Glanz zu geben. Gerade deswegen staunen wir über die polnischen Machthaber. Zum größten Teil aus dem Osten nach hier umgesiedelt und im Kommunismus gefangen, haben sie dennoch eine für sie fremde, eigentlich verhasste, kapitalistische Kultur wiederbelebt und aufbauen lassen.

Marienburg bei Kriegsende im Jahre 1945
Marienburg bei Kriegsende im Jahre 1945

Wirklich nachempfinden kann diese innere Problematik aber wahrscheinlich nur jemand, der das Leben unter der Knute der Bolschewiki in der Nachkriegsära ertragen musste. Der mit ansehen musste, wie die SED-Bonzen in der DDR jegliches „feudalistische“ Zeugnis der Geschichte haben verkommen, zum Teil sogar sprengen lassen. Eine eher zynische Erklärung für das polnische Verhalten hat ein Deutscher, der zusammen mit seiner polnischen Frau einen Reisemobil-Stellplatz nahe der Wolfsschanze – Hitlers Hauptquartier während des Ostfeldzuges - in Masuren betreibt: „Die Polen machen eine Schweinekohle mit der deutschen Geschichte.“

Innenhof der Marienburg heute
Innenhof der Marienburg heute

Zum Übernachten steuern wir auf der Anfahrt Stellplätze in Dollenchen bei Senftenberg kurz vor Berlin sowie in Danzig, Darlowo und Sorkwity in Polen an.

Dann sind wir in Litauen, dem südlichsten der drei baltischen Staaten.

Und diese drei Staaten erweisen sich, entgegen unserer landläufigen Annahme, nicht nur als drei eigenständige, sondern ziemlich unterschiedliche Länder. Sie sind zusammen zwar nur etwa halb so groß wie Deutschland und haben mit insgesamt 6,15 Millionen Einwohner nur knapp acht Prozent so viele Einwohner. Doch jedes der drei Länder hat seine eigene Geschichte, eine andere ethnische Zusammensetzung, Religionszugehörigkeit, Gesetzgebung und - für uns das Komplizierteste - eine eigene Sprache. Zwar können wir uns im Laufe der Reise viele Begriffe, wie etwa die für Polizei, Post, Taxi, Kathedrale, Apotheke, Museum oder Toilette zusammenreimen. Aber bei Fähre (keltas, prāmis, parvlaev) oder Krankenhaus (ligoniné, slimnica, haigla) helfen nur die Verkehrsschilder oder der Reiseführer. Und bei bitte (prašau, lūdzu, palun) oder danke (ačiū, paladis, tänan) steigen wir lieber ganz aus. Und so bleibt es bei tiefer gehendem Gedankenaustausch leider dabei, dass wir nur mit Personen reden können, die englisch oder - in ganz wenigen Fällen - deutsch sprechen.

Litauen (englisch: Lithuanien, inländisch: Lituvia, Kfz: LT)

Der Grenzübertritt nach Litauen ist erwartungsgemäß unspektakulär. Es gibt keinerlei Kontrollen, keinen Zoll und keinen Geldtausch - EU und Euro machen es möglich. Allenfalls die maroden, deprimierenden Plattenbaracken der ehemaligen Grenzabfertigung, die noch nicht abgerissen wurden, und das holprige Straßenstück an ihnen vorbei erinnern noch an die Ostblockzeiten. Bei schönem Herbstwetter fahren wir über Marijampole auf der neuen A 16/E 28 Richtung Vilnius. Unübersehbar weisen große Tafeln darauf hin, dass diese Straße mit Mitteln der EU gebaut wurde. Ein Bild, das uns in allen drei Ländern begleiten wird. Wobei die Straßen im Westen bereits fertig, im Osten noch im Bau sind. Und da sehen wir dann auch, wie gut deutsche Baufirmen, zum Beispiel die Firma Strabag, hier im Geschäft sind.

Postkartenidylle Inselburg Trakai
Postkartenidylle Inselburg Trakai

Unser erstes Ziel in Litauen ist die Stadt Trakai mit ihrer berühmten Inselburg. Auf einem kleinen, kaum vorbereiteten aber günstig gegenüber der Inselburg gelegenen Reisemobil-Stellplatz checken wir für die Nacht ein (mit Strom: 15,00 €). Bei tief stehender Sonne machen wir noch ein paar Fotos von der Burg, vertrösten zwei witzige Freizeitkapitäne auf morgen, die uns unbedingt zu einer Bootsfahrt um die Insel bewegen wollen (fünf Euro pro Person für 30 Minuten). Lieber laufen wir über die beiden Brücken zur Insel hinüber und eine Runde außen um die Burg herum. Zurück am Sprinter essen wir zu Abend und stellen endlich die Uhren um eine Stunde vor. Ab jetzt leben wir eine Stunde früher als in Deutschland und Polen.

Innenhof der Burg mit Foltergeräten
Innenhof der Burg mit Foltergeräten

Unser nächstes Ziel ist die rund 30 Kilometer entfernte Hauptstadt Vilnius. Sicherheitshalber fahren wir als erstes das Vilnius-City-Camping an (mit Strom: 24,00 €). Es liegt etwas außerhalb der Altstadt, direkt neben dem Messegelände und unterhalb des Fernsehturmes, ist angenehm ruhig, bietet allen Komfort wie Waschmaschinen, Wäschetrockner, Bügeltisch, komplett eingerichtete Küche samt Aufenthaltsraum. Weil das alles aber in - pieksauberen - Containern untergebracht ist, ist der sehr empfehlenswerte Platz mit nur einem Stern klassifiziert.

Kathedralenplatz mit Glockenturm in Vilnius
Kathedralenplatz mit Glockenturm in Vilnius

Nach einer ausgedehnten Ruhepause fahren wir gegen 16:00 Uhr mit dem Trolleybus der Linie 16 – ein Uralt-Exemplar aus Ostblockzeiten – bis zur Endhaltestelle am Bahnhof (pro Person: ein Euro). Von dort betreten wir – inmitten ganzer Horden von Schotten (es steht ein Europa-League-Fußballspiel an) – am einzigen von neun noch erhaltenen Toren der Stadtmauer, dem Tor der Morgenröte, die Altstadt. Dieses Tor ist mit der goldglänzenden Ikone der „Barmherzigen Muttergottes“ eines der wichtigsten Heiligtümer Litauens. Auf hoppligem Kopfsteinpflaster laufen wir hinunter bis zum Kathedralenplatz mit dem frei stehenden Glockenturm, vorbei an der Universität, der Synagoge, dem Gotischen Ensemble, dem Rathaus, der Heiliggeist- und der Johanneskirche. Wir schießen ausreichend Fotos und gehen dann toll essen in der Porto Dvaras - Lithuanien Dishes, die bekannt ist für ihre Litauer Spezialitäten. Die von uns bestellte gemischte Grillplatte (mit Bier: 29,00 Euro) entpuppt sich als ein Riesenberg von Fleisch, Wurst, Schinken und Gemüse. Unmöglich, das alles zu verdrücken. Wir lassen uns die Reste Fleisch einpacken, werden davon noch einen ganzen Tag satt.

Man gönnt sich ja sonst nichts
Man gönnt sich ja sonst nichts

Auch an Tag zwei in Vilnius fahren wir mit dem Trolleybus in die City und laufen zur so genannten Freien Republik Užupis. Auf dem Weg dorthin kommen wir an einem Markt mit rund 20 Food-Trucks vorbei, wo vor allem Schüler und Studenten ihre Mittagspause verbringen. Es gibt alles: asiatisch, amerikanisch, griechisch, arabisch, vegan..….Wir teilen uns eine mit Kraut und Schweinefleisch gefüllte Teigtasche und eine Pepsi-Cola. Dann gehen wir über die Brücke in die legendäre freie Republik. Die ist aber bei Weitem nicht so interessant wie erhofft. Von den versprochenen Künstlern ist fast nichts mehr zu sehen. Die meisten Ateliers und Shops sind geschlossen. Wie überall haben auch hier die Neureichs – hier sind es wohl überwiegend Russen – das Künstlervölkchen vergrault. Trotzdem laufen eine Menge Touristen herum, auch die unübersehbaren Schotten. Die zwei ganz in der Nähe liegenden Touristenziele, den Berg der drei Kreuze und den Burgberg mit dem Wahrzeichen der Stadt, dem achteckigen Gediminas Turm, unter dem in den letzten Wochen ein gewaltiges Stück aus dem Hang herausgebrochen ist, schauen wir uns nur von unten an.

Im Bauerndorf-Museum
Im Bauerndorf-Museum

Weiter geht unsere Reise auf der E 85 Richtung Kaunas, von der wir etwa 23 Kilometer vor der Stadt nach Rumšiškes zum Ethnologischen (Bauerndorf-)Museum abbiegen (Parken: 3,00 € (für 24 Stunden), Eintritt: 4,00 €, Senioren 50%). Obwohl der Rundgang nur sechs Kilometer lang sein soll, sehen wir in den etwa eineinhalb Stunden, die wir in den Häusern unterwegs sind, nur rund die Hälfte der Anlage. Für das ganze Dorf bräuchten wir, wenn wir alles in Ruhe betrachten wollten, sicher einen knappen Tag. Weil es zudem zu regnen beginnt, sparen wir den neueren Teil aus, gehen zum Sprinter zurück und machen auf dem Parkplatz unsere Kaffeepause.

Wissen ist Macht
Wissen ist Macht

Gegen 14:00 Uhr fahren wir im strömenden Regen zur Fähre in Klaipėda (19,35 €), die uns auf die Kurische Nehrung und übersetzen soll. Nach Ankunft auf der langgestreckten Halbinsel löhnen wir kurze Zeit später 15,00 Euro als Eintrittsgeld in den – die ganze Nehrung umfassenden - Naturpark. Langsam hört es auf zu regnen, es ist aber immer noch ziemlich ungemütlich. Der Campingplatz Nidos kemgingas (23,00 €) ober halb des Hauptortes Nida liegt unter hohen Kiefern und ist recht dunkel und unwirtlich. In den Boden eingelassene, gelb gestrichene Betonkanten markieren ein wirres Durcheinander von Stellplätzen. Alles hier riecht nach sozialistischem Freizeit-Betrieb. Direkt hinter der Einfahrt steht ein 4x4-Sprinter mit Woelcke-Aufbau - und Ludwigsburger Kennzeichen. Unter den Bäumen verteilen sich zwei weitere Kastenwagen und einige Zelte von Radtouristen. Wir fühlen uns unter den hohen, dunklen Bäumen und bei dem nasskalten Wetter nicht wirklich wohl, denken, dass wir nur eine Nacht bleiben werden.

In Ludwigsburg haben wir ihn noch nie gesehen
In Ludwigsburg haben wir ihn noch nie gesehen

Am nächsten Tag ist es immer noch trüb und regnerisch. Bevor wir weiter fahren, wollen wir aber noch ein Stück durch die Dünen laufen. Noch auf dem Platz halten wir ein Schwätzchen mit den Ludwigsburgern, die von 2010 bis 2012 die gesamte Panamaricana von Nord nach Süd gefahren sind. Nach hier sind sie über die russische Enklave Kaliningrad (Königsberg) gekommen. Die Visa und die dazu erforderlichen Einladungen zur Einreise haben sie sich in einem Stuttgarter Reisebüro geholt. Einhellig meinen sie, froh zu sein, „wieder in Europa“ zu sein. Die heruntergekommene, ärmliche, noch komplett in alter Plattenbau-Sowjetkultur dominierte Enklave habe sie regelrecht deprimiert. Wir haben also nichts verpasst, dass wir uns nicht um Visa für Russland bemüht haben. Anders als wir wollen die beiden nicht nur bis Tallinn und dann wieder heim fahren. Sie wollen mit der Fähre nach Helsinki übersetzen und in Lappland das Schauspiel der ab Oktober tanzenden Nordlichter beobachten.

Die Sommerresidenz von Thomas Mann
Die Sommerresidenz von Thomas Mann

Wir verabschieden uns und laufen vom Campingplatz, vorbei an drei doppelstöckigen Reisebussen aus Sachsen, auf der Düne hinauf zum Aussichtspunkt, lassen den Blick über die Nehrung Richtung Kaliningrad schweifen, machen ein paar Fotos, kaufen auf dem Rückweg zum Campingplatz einen Bernsteinring für Christa und starten dann zum Sommerhaus von Thomas-Mann, das wir ausgiebig besichtigen (5,00 Euro).

Badestrand für Hartgesottene
Badestrand für Hartgesottene

Als wir danach an Nidas Badestand ankommen nieselt es schon wieder. Für einen längeren Spaziergang am Ufer haben wir keine Lust. Ein paar Fotos genügen uns. Über Preila, wo wir am Ufer unsere Kaffeepause machen, fahren wir zur Fähre (15:15 Uhr) und stellen erfreut fest, dass wir die Rückfahrt schon mit der Hinfahrt bezahlt haben. Zurück auf dem Festland und in Klaipėda fahren im dichter werdenden Regen auf der Uferstraße Richtung Palanga. Zwei gelistete Campingplätze liegen – wie der von Nida - tief im dunklen Wald. Sie gefallen uns genauso wenig wie ein paar, jetzt im September bereits leere, Zeltplätze auf triefnassen Wiesengrundstücken. Mitten in einer Straßenbaustelle, kurz vor Palanga, passieren wir den Campingplatz Karkles Kopos (12,00 €), biegen kurzentschlossen ein. Er ist als ACSI-Campingplatz gelistet, scheint recht neu zu sein. Auf dem schönen, gepflegten Wiesengrundstück stehen bereits zwei Wohnwagen und ein holländisches Reisemobil. Trotz des Wetters essen bei geöffneten Hecktüren. Spät am Abend, inzwischen schüttet es wieder wie aus Eimern, quetscht sich ein dreiachsiger 4x4-Sprinter mit Bocklet-Kabine aus Calw eng neben uns auf den Platz.

Schloss Tiskiewicz mit Bernsteinmuseum
Schloss Tiskiewicz mit Bernsteinmuseum

Heute stehen der Kur- und Badeort Palanga und Europas größtes Bernsteinmuseum im Schloss des Grafen Tiskiewicz auf unserem Programm. Vor dem Start bringen wir den Sprinter in Ordnung – entsorgen, Wasser bunkern, Akkus von Handys und Kamera laden, im strömenden Regen auf der total durchweichten Wiese das Ladekabel einrollen – und ein kurzes Schwätzchen mit den Calwern halten. Dann geht es gegen 10:00 Uhr los. Palange ist zum größten Teil für Autos gesperrt. Die verbliebenen Straßen sind durchweg Einbahnstraßen. Zum städtischen Parkplatz am Ufer, dem von ACSI erwähnten Stellplatz, finden wir keine Zufahrt. Mehrfach hängen wir an Einbahnstraßen fest. So füllen wir zunächst im Kaufhaus Maxima unsere Lebensmittelvorräte auf. Unklar ist uns, warum an der Ausfahrt eine Schranke erst öffnet, nachdem eine Kamera unser Kennzeichen gescannt hat. Die Schranke an der Einfahrt war offen. Nun ja, die Balten sind in Sachen Digitalisierung eindeutig weiter als wir. Anschließend machen wir nahe dem Schloss unsere Kaffeepause, parken dann direkt vor dem Schlosspark an der Straße und gehen zu Fuß, inzwischen hat es aufgehört zu regnen, durch den Park. Wie im Reiseführer erwähnt, ist das Bernsteinmuseum tatsächlich montags nicht geöffnet. Dann halt nicht. Nach ein paar Fotos vom Schloss fahren wir über Siauliai, einer nichtssagenden Industriestadt, zum Berg der Kreuze. Das Wetter hat sich leicht gebessert. Es regnet nicht mehr, ab und zu kommt sogar ein bisschen die Sonne durch.

Eher ein Hügel als ein Berg der Kreuze
Eher ein Hügel als ein Berg der Kreuze

Der Berg der Kreuze ist mit seinen neun Metern Höhe eher ein Hügelchen denn ein Berg. Deswegen sehen wir ihn auch erst kurz bevor wir ihn erreichen. Aber bei ihm angekommen, die letzten etwa tausend Meter legen wir vom Parkplatz zu Fuß zurück, haut es uns fast um. Über den Hügel und rundum ins Flachland hinein haben die Gläubigen Tausende von Kreuzen in den Boden gerammt oder aufgehängt. Schätzungen sprechen von 200.000 Kreuzen – aus Stein, Metall oder Holz. Die Kleinsten sind gerade mal fünfzehn Zentimeter lang, die Größten ragen sechs bis acht Meter in den Himmel. Einige davon sind geschnitzte Kunstwerke, viele sind bei anderen Kreuzen eingehängt und bilden Girlanden, andere liegen aufgestapelt am Fuß großer Kreuze. Nicht wenige sind Gedenkkreuze, verziert mit Rosenkränzen, Blumen, Fotos, Bildern und einer kleinen Nachricht für die Verstorbenen.

Der Wallfahrtsort steht als Symbol des Leidens und Gedenkens, aber auch der Liebe und der Hoffnung. Weshalb er auch bei freudigen Anlässen wie Hochzeiten besucht wird. Schon Ende des 19. Jahrhundert standen hier 150 Kreuze, 1940 etwa 400. Danach kamen die Kreuze für die Opfer des Stalinismus hinzu. Tausende Litauer wurden in dieser Zeit nach Sibirien deportiert und starben dort. Die Überlebenden, die nach Stalins Tod im Jahre 1953 in ihre Heimat zurückkehren durften, stellten dann für die im Gulag Umgekommenen Kreuze auf, wie auch für politische Gefangene und viele Gläubige. Folgerichtig ließen die sowjetischen Machthaber 1961 und 1975 die Kreuze mit Bulldozern platt walzen. Doch Glaube und Freiheitsliebe der Litauer ließen die sie Kreuze immer wieder aufrichten. So ist der Hügel heute ein Symbol für den neu erstarkten katholischen Glauben und die eng damit verbundene nationale Identität der Litauer.

Kaum zu glauben, dass die Russen davor Angst hatten
Kaum zu glauben, dass die Russen davor Angst hatten

Wir könnten zwar auf dem Parkplatz (2,90 Euro für bis zu 24 Stunden) übernachten. Aber erstens ist es noch recht früh am Tag, zweitens zieht es auf dem Platz wie Hechtsuppe und drittens ist der offene Platz nicht sehr einladend. Wir ziehen es daher vor weiter zu fahren, über die Grenze nach Lettland.

Lettland (Latvia, Kfz: LV)

Über Eleja und danach auf einer grausigen Platten-Rumpelstraße fahren wir zum Schloss Rundale, auf dessen hinterem Parkplatz wir zu Abend essen und eine super-ruhige Nacht verbringen.

Fürstlicher Übernachtungsplatz
Fürstlicher Übernachtungsplatz

Unserer Kühlbox geht es nicht gut. Sie zieht unglaublich viel Strom. Es ist wohl wieder der Temperatursensor hinüber. Die Box zeigt 45 statt der tatsächlich im Inneren herrschenden zehn Grad an. Kein Wunder, dass die Box wie verrückt kühlt. Ab jetzt müssen wir improvisieren, die Box nur noch stundenweise in Betrieb nehmen.

Diesen Panorama-Blick hatten wir leider nicht
Diesen Panorama-Blick hatten wir leider nicht

Für den Eintritt in das Schloss zahlen wir inklusive Fotogenehmigung und Plastik-Überschuhen 20,00 Euro. Aber die sind es dicke wert. Das Schloss ist das größte Barockensemble Litauens. Es war die Sommerresidenz des Herzogs von Kurland Ernst Johann von Biron (1690 – 1772) und wurde inklusive der weitläufigen Garten- und Parklandschaft vom italienischstämmigen Architekten Bartolomeo Francesco Rastrelli erbaut, der auch den Winterpalast der Eremitage in St.Petersburg entworfen hat. Von den 138 Räumen mit nahezu 7.000 Quadratmetern Wohnfläche ist nur ein geringer Teil für das Publikum zugänglich. Aber in dem staunen wir wieder einmal, wie gekonnt diese Pracht restauriert wurde – und wie und wo die Einrichtungsgegenstände wohl den II. Weltkrieg überstanden haben.

Die Bibliothek im Schloss Rundale
Die Bibliothek im Schloss Rundale

Vor der Weiterfahrt machen wir erst noch unsere Kaffeepause auf dem Parkplatz. Dann geht es gegen 14:00 Uhr, es ist jetzt etwas heller, nieselt aber immer noch zeitweise, vorbei am dringend reparaturbedürftigen Schloss Delgava zur Hauptstadt Riga. Und dort, auf dem gegenüber liegenden Ufer der Daugava zum Stellplatz Riga City-Camping (21,00 €), wo wir gegen 17:20 Uhr ankommen. Der Platz ist nur eingeschränkt nutzbar, weil nebenan im Messegelände die „Food-Expo 2017“ aufgebaut wird.

Riga von der Stellplatzseite aus gesehen
Riga von der Stellplatzseite aus gesehen

Am nächsten Morgen brechen wir um 10:15 Uhr mit zwei anderen Paaren direkt ab Campingplatz mit einem Reisebus zur City-Tour auf. Beim Warten auf den Bus steht plötzlich ein Ex-Truma-Mitarbeiter samt Ehefreu vor uns, der jetzt als Berater, Coach und Markenbotschafter von Carthago unterwegs ist. Die beiden gönnen sich eine private Tour mit einem Studenten von www.freetoursbyfoot.com – es werden neun Menschen aus acht Nationen sein. Unser Bus (15,00 Euro pro Person) fährt – und steht im Stau - rund achtzig Minuten kreuz und quer durch die Alt- und Neustadt sowie auf unsere Uferseite und entlässt uns schließlich gegen 11:30 Uhr an den Markthallen, wo es drinnen und draußen unter anderem ein für uns unglaubliches Angebot an Pilzen und Obst gibt. Wir melden uns bei den anderen ab, essen in der Markthalle im Stehen ein süßes Stückchen, und laufen dann bei schönem Herbstwetter den restlichen Tag selbstständig durch die ganze Stadt.

Schwarzämterhaus in Renovierung
Schwarzämterhaus in Renovierung

Die berühmten Sehenswürdigkeiten Rigas liegen zum Glück ziemlich konzentriert zwischen dem Fluss Daugava, auf dem täglich Fähren und große Kreuzfahrtschiffe quasi in der Stadt ankern, und dem Pilsētas Kanal. An die Markthallen schließt sich nach Westen die Altstadt mit dem berühmten Schwarzhäupterhaus, das zurzeit aber renoviert wird und nur als riesiges Bild auf der Plastikverkleidung vor dem Baugerüst ersichtlich ist, über die Petrikirche, die Große und Kleine Gilde, den Dom das Schloss und die Drei Brüder genannten Gebäude aus dem 15.Jahrhundert an. Au gleicher Höhe, am Kanal, steht das 1935 erbaute Freiheitsdenkmal. Von dort laufen wir durch den Park entlang des Kanals vorbei am Neuen Rathaus und der Kongresshalle zur Neustadt mit ihren atemberaubend verschwenderisch verzierten Jugendstil-Gebäuden. Die meisten von ihnen, erbaut zwischen 1900 und 1914 unter anderem vom Architekten Michael Eisenstein, beherbergen heute ausländische Botschaften und Konsulate. Keine hundert Meter von diesen Kleinoden entfernt ankern zwei Kreuzfahrt-Hochhäuser-Schiffe.

Jugendstil-Fassade in der Rigaer Neustadt
Jugendstil-Fassade in der Rigaer Neustadt

Auf der Weiterfahrt von Riga nach Norden kommen wir durch ganz unterschiedliche Vororte, von edel bis Plattenbauten, mit sehr interessanten und schönen Kirchen. Auf der A2 fahren wir bis Sigulda, um dort die Burgruine Turaida (8,60 Euro) mit dem angeschlossenen Skulpturenpark zu besichtigen. Dann geht es weiter bis nach Cěsis zur Kreuzritterburg und der Stadtkirche aus dem 13. Jahrhundert. Auf dem Weg dorthin passieren wir einen vom unbefestigten, weichen Bankett der (EU-)Neubaustrecke über die Böschung hinunter in den Wald gekippten Lastzug samt ziemlich ratlos erscheinender Feuerwehr und Polizei. Die Stadtkirche von Cěsis ist in einem bemitleidenswerten Zustand, benötigt dringend Renovierung. In der Burg (5,50 Euro) bekommen wir eine Laterne mit auf den Weg, obwohl nur zwei leere Gewölbekellerräume zu besichtigen sind. Zu einem muss ich in einem Schacht eine stählerne Leiter hinuntersteigen. Beim Hochkraxeln schlage ich mir die Schädeldecke am Gewölbe an – haue mir eine blutende Wunde in die Birne.

Kreuzritterburg Cěsis
Kreuzritterburg Cěsis

Auf dem Weg zum, wie wir am Ziel feststellen: etwa sieben Kilometer entfernten, Campingplatz Apalkauns führt uns das Navi auf einen Riesenumweg. Der Grund: was wir in der Adresse als Straße bezeichnen würden und entsprechend in das Navi eingegeben haben, ist in Lettland der Landkreis. Erst als ich die Koordinaten des Platzes in das Navi eingebe, kommen wir an. In Zukunft werde ich das Navi gleich mit den Koordinaten füttern. Der Platz (20,00 Euro Einheitspreis für den Stellplatz, unabhängig von Saison oder Anzahl der Reisenden) ist direkt an einem kleinen See gelegen und gehört mit zum Besten was wir je gesehen haben. Wenn es nicht gar das Beste überhaupt ist. Wir sind begeistert. Über einen leichten Hügel mit sattem, gepflegtem Rasen, aufgelockert durch Büsche und Bäumchen, verteilen sich weit auseinander angelegt die einzelnen Stellplätze. Alle sind befestigt sowie mit erhöhter Veranda samt Sitzgruppe, Grill und Müllbehälter ausgestattet. In den beiden Waschhäusern in Blockhütten-Bauweise gibt es nur Einzelkabinen, die jeweils mit Waschbecken, Toilette und Dusche ausgestattet sind. Lose verteilen sich auf dem Platz einige Blockhäuser, die als Ferienhäuser angemietet werden können.

Traumcamp Apalkauns
Traumcamp Apalkauns

Das alles hat der Besitzer Juris Leimanis höchstselbst gebaggert, gebaut und geschreinert. Er ist vor Jahren mit seinem Sohn, einem aktiven BMX-Sportler, durch ganz Europa getourt, hat sich auf den Campingplätzen das Beste abgeschaut und bei sich realisiert. Kein Wunder also, dass er auch Kanus, Mountain-Bikes und Quads an seine Gäste vermietet.

Bei heute schönem Wetter lassen wir uns Zeit mit dem Aufbruch, schießen noch eine Reihe Fotos von den Einrichtungen, klönen noch etwas mit dem äußerst sympathischen Juris. Er schwämt von Norwegen, war schon sechs Mal in dem Land. Außerdem erzählt uns, dass er passionierter Bergsteiger ist, in seiner Jugend in Nepal klettern und vor ein paar Jahren mit seinem Sohn auf dem Mont Blanc war – ein dufter, bescheidener und wohltuend in sich ruhender Typ. In der Rückbetrachtung ärgern wir uns ein wenig, dass wir hier nicht länger geblieben sind.

Grau in grau - nur die Stimmung nicht
Grau in grau - nur die Stimmung nicht

Unser nächstes Ziel ist Tuja an der Ostseeküste. Es ist ein reiner, nun menschenleerer, Touristenort – also nichts für uns. Wir laufen, mal wieder im Regen, eine kurze Runde durch die Ferienhäuser und an den Strand. Dann fahren wir zurück zur A2 und auf ihr Richtung Norden bis zu den Veczemju klintis – den „Roten Felsen“.

Rote Felsen in sandiger Umgebung
Rote Felsen in sandiger Umgebung

Auf dem Parkplatz, direkt neben dem leeren Waldcampingplatz, stolpern wir geradezu über Birkenpilze, machen Fotos und, bei inzwischen etwas besserem Wetter, einen Spaziergang am Ufer entlang der Klippen und schließlich unsere tägliche Kaffeepause. Dann geht es zurück zur A1 und gegen 15:45 Uhr über die Grenze nach Estland.

Estland (englisch: Estonia, estnisch: Estee (EST)

Auf der hier A 4 bezeichneten Straße fahren wir zum Badeort Pärnu und dann westwärts zum Fährhafen Virtsu, um auf die Insel Saarema überzusetzen. Wir bekommen Seniorenrabatt (16,20 Euro) und sind nach noch nicht einmal zehn Minuten gegen 18:15 Uhr mit der nagelneuen, schnellen Fähre unterwegs, die so ruhig und lautlos fährt, wie wir das noch nie erlebt haben. Auf der Insel Saarema suchen wir verzweifelt nach einem Übernachtungsplatz. Der von ACSI angegebene Stellplatz beim Muhu-Freilicht-Museum von Koguva ist schon geschlossen. Die übrigen Plätze, die wir passieren, sind reine Zeltplätze ohne jegliche Infrastruktur. Und uns bei dem miesen Wetter irgendwo in die Pampa zu stellen haben wir heute überhaupt kein Lust. Endlich finden wir kurz vor 20:00 Uhr, schon fast im Dunklen, am Stadtrand von Kuressaare den Stellplatz Piibelehe, der uns mit einem Schild am Tor einlädt: „öffnen Sie das Tor, suchen Sie sich einen Platz, der Besitzer wird sich später um Sie kümmern“. Ich finde im strömenden Regen sogar eine Steckdose (und ein bereit liegendes Adapterkabel, das wir aber nicht benötigen) in einer Art offenem Carport. Alles bestens also.

Die Bischofsburg von Kurressaare
Die Bischofsburg von Kurressaare

Es hat die ganze Nacht geschüttet. Wir haben so lange geschlafen wie noch nie – bis 09:30 Uhr. Im strömenden Regen rolle ich das Stromkabel ein und suche den Besitzer des Platzes, der sich nicht „um uns gekümmert“ hat, in seinem Wohnhaus auf und zahle unsere Gebühr (19,00 Euro). Dann geht es zur Bischofsburg. Während ich die Tickets löse (12,00 Euro), kommt Christa mit einem jungen Österreicher ins Gespräch, der uns über das Chaos in dem engen Eingangsbereich des Torhauses aufklärt, das eine lärmende Menschenmenge hier veranstaltet. Sie alle sind hier wegen der Hochzeit des Bruders seiner estnischen Freundin. Es ist der dritte Tag der Feierlichkeiten. Und da wird in diesem Land angeblich auf Kultur gemacht. Im Übrigen meint er, seien wir für Estland zu spät dran. Hier würde es nämlich dauernd regnen, mit Ausnahme allenfalls von Juli und August. Aber selbst das sei nicht sicher.

Sammlung alter Wappen in der Burg
Sammlung alter Wappen in der Burg

Die Bischofsburg ist heute Museum, das neben Kunsthandwerk und alten Traditionen vor allem die Geschichte Estlands dokumentiert. Im Hauptbau und den beiden Türmen sind die einzelnen verwinkelten Räume den verschiedenen Epochen der estnischen Geschichte gewidmet. Und so gibt es neben den Dokumenten der Frühzeit auch unzählige Objekte und Bilder etwa aus der Besatzungszeit durch die Deutsche Wehrmacht und die anschließende Sowjetzeit. Nicht nur einmal bemerken wir junge Esten, die wie in sich gekehrt mit dem Handy die oft privaten Bilder fotografieren – als würden sie nach ihren Ursprüngen suchen. Alles in allem eher eine eher einfach präsentierte, zumeist überladene, aber ungeheuer intensive und beeindruckende, oft auch bedrückende Sammlung.

Suur Töll und seine Frau Piret
Suur Töll und seine Frau Piret

Bevor wir Kuressaare verlassen, fahren wir noch zum Hafen, um dort die Skulptur des Künstlers Tauno Kangro zu fotografieren, die zwei Sagengestalten der Insel darstellt, den großen Töll und seine Frau Piret. Der Riese Suur Töll soll fünfmal so groß wie ein normaler Mensch gewesen sein und riesige Kräfte gehabt haben. Mit denen soll er die Insel geformt haben.

Im nachlassenden Regen wird mitten in der Stadt ein ellenlanger Tisch aufgebaut. Wir schalten mal wieder nicht, fahren „deppert“ wie wir sind, einfach weiter ohne uns darum zu kümmern was da passiert. Möglicherweise haben wir dadurch einen interessanten Nachmittag oder Abend verpasst. Auf der Weiterfahrt zur Fähre wollen wir noch die Kirche von Angla besichtigen, die durch ihre Fresken berühmt ist. Sie ist aber bereits seit vier Tagen, und das Anfang September, geschlossen. Aber wenigstens können wir die noch fünf verbliebenen von früher 34 Windmühlen im gleichen Ort noch „mitnehmen“, bevor wir zur Fähre fahren.

Zwei der fünf Windmühlen von Angla
Zwei der fünf Windmühlen von Angla

Auch dieses Mal müssen wir nicht lange auf die Abfahrt warten. Zudem ist die Rückfahrt billiger als die Hinfahrt (11,80 Euro). Zurück auf dem Festland fahren wir zügig nach Pärnu und checken auf dem für diese Zeit mit über zehn Einheiten gut besuchten Campingplatz Konse am Stadtrand ein (24,50 Euro).

Ohne Zwischenstopp geht es am nächsten Tag fahren in die 135 Kilometer entfernte Hauptstadt Estlands Tallinn. Vor der Stadt biegen wir auf den vielseitig empfohlenen, wirklich schönen Wiesen-Campingplatz Vanamoisa Caravanpark ein, auf dem vier Reisemobile stehen. Der Platz ist zwar gemäß Prospekt nur fünf Kilometer von Tallinn entfernt. Bei genauerer Betrachtung heißt das aber, er ist 25 Kilometer vom Zentrum entfernt. Um von hier aus in die City zu kommen müssten wir mit dem Vorortzug fahren. Das ist uns zu umständlich. Wir entschließen uns, auf dem im ACSI-Führer erwähnten Parkplatz am Hafen zu übernachten (6,00 Euro für 24 Stunden).

Touristengedränge in Tallinns Altstadt
Touristengedränge in Tallinns Altstadt

Und das ist eine gute Wahl. Direkt neben dem Platz wurden die früheren Schuppen zu Restaurants, Cafés und Design-Boutiquen umgebaut. Das nutzen wir aus und gönnen uns gleich nach unserer Ankunft um 13:08 Uhr in einem schicken Café einen Cappuccino – Christa einen super schmeckenden Filterkaffee – und süße Stückchen (7,50 Euro). Dann laufen wir bei leichtem Nieselregen in die City, wo gerade eine mehrtägige Lauf-Veranstaltung, heute der Jedermann-Marathon, ausgetragen wird. Aus diesem Grund ist die Stadt voller Läufer – zusätzlich zu der gefühlten eine Million Chinesen und Sachsen aus den drei im Hafen liegenden Kreuzfahrtschiffen. Außer denen ankern in den Terminals A bis D des gut belegten Hafens diverse Fähren mit Zielhafen Stockholm, Helsinki und St. Petersburg.

Auf unserer Runde durch die Stadt nehmen wir zuerst den Hügel hinter dem Estonia-Denkmal mit der 1267 gebauten Olaikirche – ihr Turm ist 124 Meter hoch und das Kirchenschiff mit 31 Metern das höchste im gesamten Baltikum -, den drei Schwestern genannten Giebelhäusern von 1362, dem Schwarzämterhaus und der Heiliggeist-Kirche in Angriff. Auf dem Weg über den Rathausplatz hinunter in die Altstadt überrascht uns heftiger Regen. Wir flüchten in das Beer House, eine Art estnisches Hofbräuhaus, essen zwei Riesen-Brezeln und eine Bratwurst mit Kraut, dazu zwei Krüge Bier (23,50 Euro). Aber nach dem Imbiss ist das Wetter keinen Deut besser. Ein Taxi (Taksi) ist nicht aufzutreiben. Also hasten wir zum Sprinter zurück. Christa hat wenigstens den kleinen Taschenschirm, den ich immer im Rucksack dabei habe, aber ich werde ziemlich nass. Um 17:40 Uhr sind wir zurück, wärmen uns erst einmal auf und versuchen die durchnässten Klamotten im Fahrerhaus zu trocknen.

Zum zweiten Tag in Tallinn stehen wir früher als üblich auf und laufen bei richtig schönem Wetter bereits um 08:15 Uhr in die Stadt. Vorbei am Estonia-Denkmal gehen wir zuerst zur Dicken Margarethe, einem von 26 noch erhaltenen Türmen der Stadtmauer. Ab der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts umschloss diese 16 Meter hohe und 2,4 Kilometer lange Stadtmauer die Stadt, befestigt mit insgesamt 45 Türmen. Etwa die Hälfte dieser Befestigungen sind auch heute noch zu sehen. Entlang der Stadtmauer laufen wir in einem großen Bogen vorbai am Michaels-Kloster hinauf zum Domberg, besichtigen den Dom, die Alexander-Nemski-Kathedrale, das Schloss, das zurzeit renoviert wird, und ie Nikolaikirche. Ab etwa 10:00 Uhr sind noch mehr Kreuzfahrer in der Stadt unterwegs als gestern. Vor jeder Sehenswürdigkeit stehen Gruppen um ihre Reiseleiter – meist -leiterinnen - herum. Wir können trotzdem sehr viele Fotos schießen und weitere interessante Ecken der Stadt entdecken.

Um 13:08 Uhr läuft unser Parkticket ab, und so starten wir kurz vorher in Richtung Lahemaa-Nationalpark, dem „Land der Buchten“, ganz im Norden und dem darin gelegenen als besonders sehenswert beschriebenen Herrenhaus Palmse. Zwei Drittel dieses 726 Quadratkilometer großen Nationalparks liegen an der Ostsee, der Rest ist Meer. Entlang der Küste mit ihren vier ins Meer hinaus ragenden Halbinseln wechseln sich Hochmoore mit dichten Birken-, Fichten- und Kiefernfeldern ab. Dazwischen liegen sogenannte Alvare, weite steppenartige Landschaftsformen, wie man sie sonst nur noch in Schweden findet. Für uns ist es die typischste Region des Baltikums.

Sonne über dem Herrenhaus Palmse
Sonne über dem Herrenhaus Palmse

Angekommen vor Palmse, einem typischen Herrenhaus des deutsch-baltischen Adels des 17. und 18. Jahrhunderts, nehmen wir zuerst einen schnellen Imbiss (17,50 Euro) im Palmse Körts zu uns, das in einem rustikalen Nebengebäude untergebracht ist – früher vielleicht ein Gesindehaus. Gut gestärkt machen wir anschließend einen ausgedehnten Rundgang (14,00 Euro) durch das wirklich sehenswerte Haus. Wir fragen uns, wie – und wo - die scheinbar komplette Einrichtung des Herrenhauses samt Gemälden, Fotos, Kleidung, Geschirr, Waffen und sonstigem Hausrat die Kriegswirren und die darauf folgende Sowjetherrschaft überstanden hat. Das Haus, dessen Gewölbekellerräume heute auch für Feste und Feierlichkeiten aller Art genutzt werden, gibt jedenfalls einen guten Einblick in das Leben des Adels in jener Zeit.

Wie und wo hat das alles den Krieg überlebt?
Wie und wo hat das alles den Krieg überlebt?

Auf der Weiterfahrt über Rakvere mit den wenig sehenswerten Resten der Ordensburg kommen wir zum direkt an der Ostsee liegenden Campingplatz Mereoja Camping (20,00 Euro), der sehr schön auf einer Wiese angelegt ist und leichten Zugang zum Strand ermöglicht. Zwei deutsche Reisemobile stehen schon da. Ein baltisches Pärchen mit Fahrrädern und Zelt kommt gleichzeitig mit uns. Der Platz gefällt uns sehr gut. Auch der Strand wäre super zum Spazierengehen. Aber das Wetter ist miserabel. Es regnet ohne Unterlass. Wenn es so bleibt, werden wir wohl kaum länger als diese eine Nacht hier bleiben. Vorgestellt hatten wir uns mindestens zwei.

Links Estland und die EU, rechts Russland
Links Estland und die EU, rechts Russland

Seit frühmorgens regnet es schon wieder. Ab acht Uhr zieht Donnergrollen und schüttender Regen über uns hinweg. Ab etwa 09:30 Uhr wird es langsam besser. Christa traut sich die Haare zu machen. Aber richtig schön oder sonnig wird es nicht. Deshalb starten wir, wenn auch erst gegen 10:50 Uhr, in Richtung Narva, der nördöstlichsten Stadt der EU an der Grenze zu Russland. Narva ist eine trostlose Stadt mit dem Plattenbaucharme des Ostblocks – allerdings mit einer supermodernen Riesen-Mall (mit H&M, Takko, Gerry Weber, New-Yorker, Reserved….) und einem außerhalb liegenden riesigen Industrie- und Logistikgelände, auf dem von Bilfinger und Berger bis Züblin das deutsche who-is-who der Bau- und Transportbranche vertreten ist.

Wir fahren durch die Stadt bis hinunter an den Grenzfluss Narva, schießen ein paar Fotos von den mächtigen Festungen zu beiden Seiten des Grenzflusses und der ihn überspannenden Brücke. Auf dem Rückweg kommen wir zur Grenzstation auf europäischer Seite, die uns mit ihrer automatischen Kennzeichen-Scannung an einer Einfahrt-Ampel und den sich erst danach automatisch öffnenden, massiven Gittertoren gespenstisch an James-Bond-Filme erinnert.

Digitalisierung auf estnisch-russisch
Digitalisierung auf estnisch-russisch

Auf dem Weg zu unserem nächsten Besichtigungspunkt, dem Püthitsa-Nonnenkloster bei Kurremäe, werde ich geblitzt. Die Esten reduzieren - dutzende Male auf dieser vielbefahrenen Transitstrecke an jeder Einmündung die 90-km/h-Begrenzung auf 70 km/h. Weil mir ein russischer Truck im Nacken sitzt, nehme ich an dieser Kreuzung das Gas zu zögerlich weg, tappe mit 83 km/h in die Falle – ohne Blitzlicht. Der Bußgeldbescheid über 27,00 Euro samt perfekter Übersetzung ins Deutsche und Angabe von drei Banken (in Estland, Finnland und Dänemark) für die Zahlung wird noch am gleichen Tag erstellt und abgesandt. Und er ist dementsprechend vor uns daheim. Wir können bestätigen: die Esten sind in Digitalisierung führend in Europa. Nicht nur deswegen. Zum Glück kommen wir innerhalb der Zahlungsfrist von vierzehn Tagen heim So bleibt uns richtiger Ärger erspart.

Püthitsa Nonnenkloster
Püthitsa Nonnenkloster

Auf dem Parkplatz vor dem Kloster treffen wir die beiden, viel gereisten, Hamburger vom letzten Campingplatz mit ihrem La Strada Nova wieder und halten ein kurzes Schwätzchen mit ihnen. Nach einem Rundgang durch die Anlage und der Besichtigung der Kirche fahren wir weiter entlang des Peipis-Sees, kaufen unterwegs zwei geräucherte Fische (1,60 Euro), die wir umgehend am Ufer direkt aus dem Papier essen.

Köstlicher Räucherfisch aus dem Wohnwagen
Köstlicher Räucherfisch aus dem Wohnwagen

Der 140 Kilometer lange, 50 Kilometer breite und durchschnittlich acht Meter tiefe Peipis-See, ist sieben mal so groß wie der Bodensee und damit Europas fünftgrößtes Binnengewässer. In seiner Mitte verläuft die Grenze zu Russland. In den Orten am Ufer wohnen die Altgläubigen, Angehörige einer altorthodoxen Glaubensrichtung, die im zaristischen Russland verfolgt wurden und hierher ans westliche Ufer geflohen waren.

Kirche der Altgläubigen
Kirche der Altgläubigen

Dorfstraße am Peipissee
Dorfstraße am Peipissee

Entlang des Sees fahren wir weiter zum angeblich Schloss Balmoral nachempfundenen Schloss Alatskivi. Das ist mittlerweile zum Hotel umgebaut und präsentiert sich ziemlich enttäuschend. Es hält auch nicht annähernd einem Vergleich mit dem Original stand.

Enttäuschende Kopie von Schloss Balmoral
Enttäuschende Kopie von Schloss Balmoral

Enttäuscht fahren wir weiter und landen schließlich auf dem in einem dichten Waldstück direkt am Fluss liegenden Campingplatz Kassioru Puhkemaja (20,00 Euro) bei Taevaskoja. Eigentlich wollten wir auf dem stark beworbenen, in einem lichteren Waldgelände liegenden Campingplatz Taevaskoja Salamaa übernachten. Aber obwohl er nach dem Prospekt bis zum 01.10. geöffnet sein soll, ist er jetzt Ende September bereits geschlossen. Auch der Platz, auf dem wir gelandet sind, wird Ende der Woche schließen. Schön langsam wird uns unmissverständlich klar gemacht, dass die Urlaubssaison im Baltikum zu Ende geht. Wir hatten ganz bewusst die Hinfahrt bis Tallinn zeitlich länger geplant als die Rückfahrt. Dass wir aber auf der Heimfahrt so schnell sein würden, das hatten wir nicht eingeplant. Das hing in erster Linie vom Wetter, aber auch von den zunehmend geschlossenen Camps, Infozentren und Sehenswürdigkeiten ab.

Waldcamp und Kanutourenbasis
Waldcamp und Kanutourenbasis

Es hat die ganze Nacht geregnet. Während wir frühstücken, heizt der Besitzer das Blockhütten-Saunahaus, mit Sauna, Duschen und Toiletten mit Holz für uns ein. Langsam hört es auf zu regnen. Vor Abfahrt klönen wir noch ein bisschen mit dem Besitzer, der hier den Sommer allein verbringt und vom Platz aus auch Kanutouren organisiert. Er ist Ski-Fan, fährt jedes Jahr mit seinen beiden Enkeln, in nur zwei Tagen für die lange Strecke, nach Österreich zum Skifahren. Aber nicht wie wir denken, zum Skilanglauf, sondern zur alpinen Variante. Den restlichen Winter verbringt der Rentner bei seiner Frau in Tartu – sie arbeitet in der dortigen Universitätsklinik. Und als früherer Trucker, wie er sagt, fährt er in dieser Zeit aushilfsweise einen Schulbus.

Über Vöru und ab da auf einer scheußlichen Naturpiste fahren wir über die Grenze zu Lettland nach Aleksnü und Gulbene zum Schloss Cervaines. Nach der Kaffeepause, die wir auf dem Parkplatz machen, gehen wir hinüber zum von außen beeindruckenden Schloss und dann eine Runde durch das so gut wie leere Schloss und klettern auf einen der Türme. Es ist ein ziemlich bedrückendes Erlebnis, wie heruntergekommen sich das Innere präsentiert, das zu Sowjetzeiten als Lazarett, Schule und Jugendheim genutzt wurde. Aber wenigstens hilft die EU mit finanzieller Unterstützung das Schloss Zug um Zug zu renovieren. Es hat es wirklich verdient.

Außen beeindruckend, innen ernüchternd
Außen beeindruckend, innen ernüchternd

Die Weiterfahrt nach Norden wird zur Geduldsprobe. Die A 13 wird erneuert, um nicht zu sagen, komplett neu gebaut. Ein Bauabschnitt folgt dem anderen. Wir werden durch mindestens 15 Ampeln mit nachfolgenden, einspurigen Passagen auf dem Weg zur weißen Wallfahrts-Kathedrale in Aglona ausgebremst. Just, als wir die Fotos von der Kathedrale und ein paar vor ihr herum fliegender Vögel schießen, scheint für ein paar Minuten die Sonne – aber es ist kalt. Bei der Suche nach einem Campingplatz sehen wir durch Zufall ein unauffälliges, handgemaltes Schild mit Hinweis auf den Stellplatz Aglonia Alpi, der nur ein paar Kilometer entfernt ist. Wir sind mal wieder die einzigen Gäste. Die Chefin ist mit ihrem an Grippe erkrankten Mann und ihrer geistig behinderten Tochter so sehr beschäftigt, dass sie uns mit dem Einchecken auf morgen früh vertröstet.

Wallfahrtskirche von Aglona
Wallfahrtskirche von Aglona

Wie nun fast jeden Tag regnet es – zumindest morgens. Meist wird es im Verlauf des Tages heller, oft auch sonnig. Aber es bleibt auch tagsüber windig und frisch, um nicht zu sagen: kalt. Gegen 10:15 Uhr fahren wir nach dem Ein- und Auschecken los - weil wir weder die Toilette noch das Bad „verschmutzt“ haben, sie wir mit nur zehn Euro dabei. Zurück im Ort und an der der Kathedrale geht Christa eine Stunde lang auf Vogelsafari mit der Kamera – wegen der höheren Position aus dem Sprinter heraus. Ich rangiere die Kiste mit eingeschaltetem Warnblinker vor und zurück, hin und her. Aber so richtig erfolgreich ist sie dennoch nicht.

Während unserer Kaffeepause auf dem Parkplatz vor den Sporthallen in Utena nach einem Einkauf bei Lidl entschließen wir uns, wegen des schönen Wetters und der Hoffnung, dass das nun etwas länger halten könnte, den nahe gelegenen Aukstatija-Nationalpark anzufahren und doch noch ein paar Tage länger unterwegs zu bleiben. Um mehr Infos und Kartenmaterial vom Park zu bekommen, fahren wir zuerst zur Parkverwaltung in Paluse. Dabei fotografieren wir die Holzkirche von 1750 mit dem einzigartigen, achteckigen Glockenturm und das Denkmal des Komponisten Mikas Petrauskas, der hier geboren wurde.

Holz-Kunsthandwerk in Paluse
Holz-Kunsthandwerk in Paluse

Mit ausführlichen Infos zum Nationalpark ausgestattet, fahren wir zum mitten im Wald gelegenen Campingplatz Minduny Kempingas nahe Molety, auf dem wir mal wieder die einzigen Gäste sind. Noch vor dem Abendessen klettere ich auf den Aussichtsturm, von dem aus ich aber nur Wald und einige Seen sehe – es erinnert mich stark an eine ähnliche Situation in Waren an der Müritz. Nach dem Essen werte ich die Unterlagen zum Park aus und stelle eine Route für morgen zusammen.

Gegen 10:00 Uhr brechen wir auf nach Kaltanenai und danach auf die im Faltblatt ausgewiesene „Kleine Runde“, die wir im Uhrzeigersinn bis nach Ignalina und Paluse fahren wollen. Dreimal führt die Schleife, sehr zu meiner Freude und Genugtuung, über tief ausgefahrene und ausgewaschene Naturpisten. Das erste Mal im strömenden Regen auf dem Weg zum traditionellen Dorf Salos-II (Salu), das zweite Mal, immer noch im strömenden Regen, zum 1984 gegründeten historischen Imkerei-Museum bei Stripeikiai - mit der Skulptur des Bienengotts Babilas. Für das dritte Teilstück verlassen wir allerdings die Ringstraße, weil wir durch ein Waldstück einen Platz an einem See gesehen haben. Auf der Zufahrt ist ein Zeltplatz ausgeschildert. Das könnte der Platz sein. Leider bleibt es beim Wunsch. Die tiefen Pfützen auf dem schlammigen Waldweg sind kein Hindernis für unseren Sprinter. Aber ein quer über dem Weg liegender, dicker Baum schon. Trotz aller Abenteuer-Begeisterung käme ich dem Monster weder mit unserer Handsäge noch einem Bergegurt bei. Die einzige Möglichkeit, die uns bleibt, ist der knapp einen Kilometer lange Rückwärts-Slalom durch den Morast zurück zur Straße.

Die Kaffeepause machen wir schließlich vor der Wassermühle von Ginuciai. Danach besichtigen wir die fast 200 Jahre alte Mühle, die bis 1968 in Betrieb war, und von der noch viele Original-Ausstattungselemente wie die hölzernen Umlenkgetriebe, die Wellen und die Transmissionstechnik erhalten geblieben sind. Anders als die üblichen Wassermühlen bei uns mit ihren horizontral drehenden, hölzernen Wasserrädern, wird diese Mühle durch eine waagerecht liegende Turbine angetrieben.

Baltikum pur - Wälder und Seen
Baltikum pur - Wälder und Seen

Nach der Besichtigung fahren wir die „Kleine Runde“ zu Ende. Eigentlich wollen wir auf dem Campingplatz neben der Parkverwaltung in Paluse übernachten. Aber der ist auch schon geschlossen. Plan B: im Regen zurück in den Wald und auf dem Campingplatz neben dem Aussichtsturm übernachten finden wir nicht so prickelnd. Also Plan C: Weiterfahrt bis nach Vilnius zum dortigen City Camping. Etwa 26 Kilometer vor der Stadt machen wir einen Abstecher zum Mittelpunkt Europas, knipsen die obligatorischen Fotos und fahren dann zum Europa-Park und seinen 150 Skulpturen von Künstlern aus aller Welt – unter anderem aus Mexiko und Peru. Doch mittlerweile ist es schon 18:15 Uhr, und der Rundweg soll etwa 90 Minuten in Anspruch nehmen. Da wäre es am Ende schon stockdunkel. Wir verschieben den Besuch auf morgen, quälen uns im Feierabend-Berufsverkehr zum City Camping in Vilnius (24,00 Euro), wo wir gegen 19:00 Uhr einlaufen. Der Platz ist mit neun Einheiten fast so gut besucht wie bei unserem ersten Aufenthalt. Trotzdem wird er Ende der Woche schließen.

Geografisches Zentrum Europas
Geografisches Zentrum Europas

Wegen des unerwartet schönen Wetters tags drauf pfeifen wir auf die Skulpturen der internationalen Künstler im Europa Park, wollen stattdessen noch einen Urlaubstag in Trakai und auf dem dortigen Campingplatz Kempingas Slenyje dranhängen und es uns richtig gut gehen lassen. Nach einer knappen Stunde sind wir da, laufen nach dem Einchecken (pro Tag 19,20 Euro) eine Runde über den Platz am Ufer entlang und finden dabei unseren absoluten Traum-Stellplatz, der allerdings nur zu Fuß zu erreichen wäre, auf einer Landzunge im See. Anschließend will ich den Sprinter umparken, rolle das Einspeisekabel ein und hänge es über den linken Außenspiegel. Deswegen gehe ich nicht um den Sprinter herum - wie oft habe ich das schon „gepredigt“ - denke nicht an den schon draußen abgestellten Einstiegstritt und fahre ihn prompt über den Haufen – Totalschaden.

Zum Abschied ein unvergessliches Menü
Zum Abschied ein unvergessliches Menü

Zu Fuß ist es von hier zu weit in die Stadt. Das Shuttle-Bähnle verkehrt um diese Jahreszeit auch nicht mehr. So fahren wir mit dem Sprinter in die Stadt, parken dort und laufen eine Runde entlang des Ufers. Mit uns flaniert dort eine ausnehmend schick gekleidete Hochzeitsgesellschaft. Nachdem wir noch ein paar Souvenirs gekauft haben, mieten wir für uns ganz allein ein Boot (20,00 Euro) und lassen uns um die Inselburg herum fahren. Zum Abschied vom Baltikum gehen wir unvergesslich im Apvalaus Stalo Klubas mit direktem Blick auf die inselburg essen. Nach zwei Spritz nehmen wir als Vorspeise einmal Vitello tonato, einmal Rinderzunge auf Salat. Als Hauptgang wählen wir beide Fischfilets mit Gänseleber. Dazu je ein Glas gekühlten Chablis und Baguettescheiben, einzeln mit einer Silberzange vom weiß behandschuhten Ober kredenzt. Als Nachtisch entscheiden wir uns für „Creationen“ aus weißer Schokolade, Käsebällchen, Pistazien-Sorbet und einem luftigen Gebäck. Einen schöneren und stilvolleren Abschied aus einem Land können wir uns kaum vorstellen.

Unser Käpt'n studiert – Informatik. Was sonst.
Unser Käpt'n studiert – Informatik. Was sonst.

Die Rückreise aus dem Baltikum gleicht nach diesem traumhaften Tag eher einer Flucht als einer genussvollen und lehrreichen Rückreise. Schon die ganze Nacht über hat es geregnet. Der Campingplatz ist völlig durchweicht. Und das Wetter wird mal wieder den ganzen Tag nicht besser. Schon langsam leicht frustriert beschließen möglichst zügig über die Masuren, Warschau und Breslau (Wroclaw) nach Görlitz zu fahren. Dort auf dem Stellplatz am Rosenhof zu übernachten und nach einer kurzen Stadtbesichtigung, vor drei Jahren waren wir schon einmal länger in der Stadt, und einem ebenso kurzen Aufenthalt in Dresden nach Hause zu fahren. Und so machen wir es dann auch. Im strömenden Regen spulen wir die über 700 Kilometer bis zur polnisch-deutschen Grenze ab, schieben uns an der letzten Raststätte in Polen einen Burger bei Mc.Donald rein, vertanken unsere letzten Sloty, passieren die Grenze und kriechen kurz nach halb elf am Rosenhof in Görlitz in die Federn. Und am nächsten Morgen knallt die Sonne vom Himmel und wird das die nächsten vierzehn Tage tun, als hätte es nie geregnet in diesem Herbst.