Balkan-Rundreise 2015.

Wohin du auch gehst,
geh' mit deinem ganzen Herzen. (Konfuzius)

Von Mitte Mai bis Anfang August waren wir auf dem Balkan unterwegs. Über Kroatien, Montenegro, Albanien und Griechenland nach Bulgarien und Rumänien, über Ungarn, Slowenien und Österreich zurück nach Deutschland. 79 Tage waren wir unterwegs und haben 10.379 Kilometer abgespult.

Einstimmung in Kroatien

In den ersten drei Wochen unserer diesjährigen Tour sind wir gerade einmal 2.100 Kilometer weit gekommen. Wir hatten zwar geplant, die Reise mit Baden und Sonnen an der Dalmatinischen Küste zu beginnen. Aber da hatten wir an maximal zwei Wochen gedacht. Denn bisher war Kroatien nicht so unser bevorzugtes Reiseland. Zwar schwärmen uns Freunde immer wieder von diesem Land vor, aber was wir bei unserer letzten Tour - im Jahr 2004 - über die wichtigsten kroatischen Inseln auf dem Weg nach Süden und von Dubrovnik aus entlang der Küste zurück nach Deutschland mit einigen Abstechern ins Hinterland (u.a. KrKa-Nationalpark) gesehen und erlebt hatten, ließ uns diese Darstellungen eher skeptisch sehen.

Doch in diesem Jahr ist das anders. Und das liegt bestimmt nicht am Wetter. Denn Wolken und zum Teil strömender Regen begleiten uns seit unserem Start am 19. Mai in Ludwigsburg auf der Fahrt durch das Allgäu, über den Reschenpass, bei der Übernachtung mitten in Meran, auf der Weiterfahrt über die Autobahn zum Gardasee, Verona und Mestre bis nach Triest und selbst noch in Kroatien - von Rijeka bis Zadar. Und da hatten wir schon etwa die halbe Küstenlinie geschafft. Sonne hatten wir nur für zwei Stunden am Gardasee, natürlich war da - ganz zufällig - Markt in Lazise. Logisch, dass Christa - das ist unser "running gag" - dort ein Paar "dringend benötigte" grüne Schuhe und ein ebenso notwendiges Paar Sandalen fand. Danach durfte es wieder regnen, was es auch ausgiebig tat.

Um nicht wie im letzten Jahr in die slowenische 40-Euro-Mautfalle zu geraten, haben wir die Autobahn noch vor Triest verlassen und sind auf Nebensträßchen immer dicht am Meer entlang über die slowenischen Städte Koper und Portorož nach Kroatien eingereist - bei irrem Sturm und peitschendem Regen. Zusehends besser wurde es allerdings, als wir die Umrundung Istriens mit einer Kaffeepause am Strand von Umag begannen. Über die Touristenhochburgen Novigrad, Pore?, Rovinj, Pula, Brestova und Opatija kamen wir an diesem Tag bis kurz vor Rijeka, wo wir mit zwei anderen Reisemobilbesatzungen auf einem Ufer-Parkplatz "wild" übernachteten - wie wir am nächsten Morgen feststellten: nur einige hundert Meter von einem Campingplatz entfernt. Nachts hatte ein heftiges Gewitter getobt. So mussten wir uns im morgendlichen Berufsverkehr nicht nur durch das - besonders hässliche - Rijeka quälen, sondern auch armdicke, herunter gebrochene Äste umkurven. Von der Sonne bekamen wir an diesem Tag nicht viel zu sehen. Auch die etwas über 200 Kilometer bis Zadar fuhren wir immer wieder durch Regen. Erst kurz vor unserem Etappenziel, dem uns von Freunden empfohlenen Autocamp Roko in Drage - nahe des Vrana Sees zwischen Beograd na Moru und Vodice gelegen - wurde es freundlicher.

Unser Platz auf dem Oaza Camp II
Unser Platz auf dem Oaza Camp II

Das Autocamp liegt in einer traumhaft schönen Bucht mit flacher Felsenküste, von der aus man einen herrlichen Blick auf die im Meer liegenden Kornaten-Inseln hat. Witzig bis verwirrend ist beim Einfahren in die Bucht, dass insgesamt acht Tafeln auf Autocamps hinweisen: Paradiso, Oaza I und II, Romantica, Playa Laguna, Gentile, Maslima und Roko. Sie alle sollen den Mitgliedern einer einzigen Großfamilie gehören, ernsthaft betrieben werden in der Vorsaison jedoch nur fünf von ihnen. Wobei ernsthaft betrieben heißt: Rezeption, Sanitäranlagen, Wasser (mit Tankwagen angekarrt), freier Internetzugang - Strom auf dem Areal aus Solaranlagen und einem kleinen Generator nur stundenweise. Als größtes Manko erweisen sich die knapp drei Kilometer bis zum Ort Drage (Einkaufen, Restaurants..), die man größtenteils auf der Magistrale bewältigen muss - zu Fuß die reinste Lebensgefahr. Folglich haben die meisten Urlauber, über 70 Prozent bezeichnen sich als Stammgäste, irgendein zweites Fahrzeug dabei - E-Bike, Quad, Roller, Trike, Smart, Kabrio... - sehr viele schleppen auch Boote hinterher.

Die Bucht von Drage
Die Bucht von Drage

Besser als das Camp Roko gefällt uns das gegenüber liegende Camp Oaza II, das abends im Schein der untergehenden Sonne liegt. Von ihm aus hat man nicht nur die bessere Sicht auf den Sonnenuntergang, sondern auch auf die Kornaten. Im Gegensatz zu Roko, wo alles wild durch- und sehr nah beieinander steht, ist Oaza II durch Terrassen und Bepflanzung parzelliert. Lavendel-, Salbei- und Rosmarinsträucher rahmen die großzügig angelegten Stellplätze ein, die zudem von Oliven- und Nussbäumen beschattet werden. Sanitäranlagen und Stellplätze werden pieksauber gehalten - da liegt noch nicht mal ein Brett zum Unterlegen herum. Das alles ist uns den Mehrpreis von fünf Euro pro Tag (19 statt 14) wert. Nach einer Nacht auf Roko wechseln wir hinüber und fühlen uns dort so wohl, dass aus den angedachten drei bis vier Nächten ganze dreizehn werden. Viel Zeit also zum Seele baumeln lassen, Schwimmen, Sonnen und Quatschen. Und wir lernen etwas kennen, das wir in dieser Intensität noch nie erlebt haben: die meisten Urlauber - erstaunlich: Alt und Jung, also nicht nur Rentner mit zu viel Zeit und Langeweile - sind unglaublich gut drauf, freundlich, offen, redefreudig und interessiert. Wir lernen interessante und nette Zeitgenossen kennen, haben viel Spaß und führen viele informative und anregende Gespräche.

Fledermaushotel
Fledermaushotel

Weil wir weder Boot noch ein zweites Landfahrzeug dabei haben, lassen wir Tisch und Stühle auf dem Platz zurück und machen notgedrungen mit dem Sprinter ein paar Touren durch die reizvolle Landschaft: nach Beograd na Moru zum Einkaufen und Essen, nach Murter und rund um den Vrana See mit einem Abstecher auf den Aussichtspunkt in der Höhe, von dem aus wir einen Superblick über die gesamte Gruppe der Kornaten-Inseln haben. Eines der Highlights ist der Besuch des "Fledermaushotels" am Vrana See, einem rustikalen Bauernhof mit uriger Bewirtung direkt am See, wo wir uns ein Abendessen aus der "Glocke" gönnen - Kalbfleisch, Gemüse und Kartoffeln in einer abgedeckten Pfanne, die in der Grillglut steht. Übrigens: auch das Essen bei den anderen Restaurantbesuchen war hervorragend - und billiger als etwa in Griechenland.

Zum Wochenende 06./07 Juni leeren sich die Plätze rund um die Bucht zusehends. Man merkt, dass die Pfingstferien in Baden-Württemberg zu Ende gehen. Auch wir reisen ab, wenn auch aus anderem Grund. Wir wollen noch ein paar Tage in Slano - rund 30 Kilometer nördlich von Dubrovnik - verbringen, ehe wir in den Balkan hinein abdrehen. Auf dem dortigen Auto-Camp Bambo haben wir im letzten Jahr auf der Rückfahrt von den griechischen Inseln Station gemacht, und es hat uns sehr gut gefallen. Zwar soll man ja bekanntlich nicht versuchen, Postives aus der Vergangenheit wieder "aufzuwärmen". Dennoch biegen wir auch in diesem Jahr hoffnungsfroh von der Magistrale ab und fahren um die halbe Bucht von Slano herum zu "unserem" Auto-Camp. Und wir werden nicht enttäuscht. Wir sind genau so fasziniert wie im letzten Jahr.

Autocamp Slano
Autocamp Slano

Die Bucht von Slano ist so ganz anders als die von Drage. Sie hat nur einen ganz schmalen Ausgang zum Meer hin, sodass man eher das Gefühl hat, an einem Schweizer Bergsee zu sein. Außerdem liegen auf unserer Seite nur recht kleine Boote (Typ Fischerboote) mit schwachen Motoren im Wasser (auf der gegenüber liegenden Seite sind auch ein paar Jachten zu sehen). Die Bucht ist von Bergen umschlossen, die hinter einem schmalen Küstenstreifen bewaldet, dahinter bis in große Höhen verkarstet sind. Ein toller Anblick beim Schwimmen. Weil nur wenig Wind in die Bucht kommt, ist die Wasseroberfläche recht ruhig. Wir empfinden es als sehr angenehm, dass uns beim Schwimmen - Christa ist seit Tagen schon vor dem Frühstück im Wasser - nicht ständig Wellen ins Gesicht und über den Kopf schlagen.

Möglicherweise wird sich das Gesamtbild von Slano demnächst ändern. Die Gemeinde baut gerade eine ausladende, neue Marina. Deshalb könnte es bald vorbei sein mit Ruhe, Erholung und Natur pur. Wir fragen uns mal wieder, warum alle die gleichen Fehler machen, um mehr Touristen in ihre Orte zu bekommen. An unserem letzten Tag in Slano schwimmen wir ausgiebig und gehen zum Abschied abends im Ort schick essen: zwei gemischte Grillplatten und zwei kleine Biere, mit knapp 29,00 Euro das bisher teuerste Essen. Günstig ist dagegen das Auto Camp Bambo - ohne Strom dreizehn Euro pro Nacht.

Dubrovnik
Dubrovnik

Höllenschreck in der Morgenstunde. Nach dem Motorstart in Slano leuchtet an meinem Armaturenbrett fast die Hälfte aller Kontrolllampen, vor allem die "Sofort-eine-Werkstatt-aufsuchen"-Panikleuchte. Nur, eine Mercedes-Werkstatt gibt es nicht mal im 30 Kilometer entfernten Dubrovnik. Mit Hilfe des Platzbetreibers machen wir eine Mehrmarken-Werkstatt ausfindig, die auch Mercedes-Lkw reparieren soll. Sie liegt 20 Kilometer südlich Dubrovnik nahe dem Flugplatz, fast an der Grenze zu Montenegro. Nach Kontrolle des Motorölstands - der ist okay - mache ich mich vorsichtig auf den Weg. Die Vorsicht ist allerdings nur gefühlt, denn weder die Nadel des Tachos noch die des Drehzahlmessers bewegen sich. Einerseits beruhigt mich das, denn jetzt weiß ich, warum die Brems- und die ABS-Kontrollleuchte warnen. Andererseits fürchte ich, dass jetzt ein neues Armaturenbrett fällig werden könnte, wie das häufiger bei den Ducatos von Fiat vorgekommen sein soll.

Nach exakt 48 Stunden, wir hatten die Nummer acht auf der Warteliste, ist das Problem erkannt - und (provisorisch) behoben. Die Elektronikeinheit, die den Weg-Drehzahlausgleich für die größeren Geländereifen gegenüber der Normalbereifung korrigieren soll, hat einen "Schuss". Zum Glück ist keine neue Armaturentafel fällig. Ein Reset bringt keinen Erfolg. Wir lassen das silberne Kästchen ausbauen und vier Kabelbrücken einsetzen. Nun habe ich wieder einen Drehzahlmesser - und einen nicht korrekt anzeigenden Tacho. Trotz dieser Ungenauigkeit neige ich dazu, zukünftig auf das ausgebaute, fehlerhafte Mistding zu verzichten. Dubrovnik statten wir - mit den Passagieren von sechs! Kreuzfahrtschiffen (China muss entvölkert sein) - einen kurzen Besuch in brutaler Hitze ab. Danach reisen wir am Grenzübergang bei Herceg Novi nach Montenegro ein.

Grüne Berge in Montenegro

Kotorbucht
Kotorbucht

Ursprünglich wollten wir die dortige Kotorbucht weiträumig über die Berge umfahren. Dann aber ist das Wetter so schön und die Kirchlein der beiden Inseln Sveti Dorde und Skrpjela leuchten dermaßen fotogen - im letzten Jahr war es trübe und regnerisch -, dass wir das schmale, oft nur einspurige, Ufersträßchen doch unter die Räder nehmen. Und wir werden durch ein besonderes Erlebnis belohnt. Als wir an der schmalsten Stelle der Bucht, der 300 Meter breiten Meerenge von Verige, gerade unsere Kaffeepause einlegen, zirkelt das achtstöckige Kreuzfahrtschiff "MSC Musica" von Kotor kommend um die Ecke. Ich finde es zwar ziemlich daneben, dass solche Ozeanriesen die Bucht durchwühlen. Vor allem, wenn man auch noch sieht, welchen Schaumteppich sie nach sich ziehen. Aber beeindruckend ist es schon zu erleben, mit welcher Präzision das Riesending um die Ecke manövriert wird.

Bei Budva verlassen wir die Küstenstraße und fahren über eine Serpentinenstrecke mit traumhaften Aussichten hinunter auf das Meer Kehre um Kehre hoch in die Berge - über Cetinje und Podgorica zum Kloster Ostrog, das in dichten Wolken kaum zu sehen ist. Wir kraxeln dennoch hoch, aber die Bilder, die wir schießen, taugen allesamt nichts. Weil es in der dichten Wolkensuppe überhaupt keinen Sinn hätte bei einsetzender Dunkelheit weiter zu fahren, bleiben wir auf dem Parkplatz des unteren, moderneren und viel größeren Klosters. Und wir haben Glück. Für ein paar Minuten öffnen sich die Wolken und die Sonne blitzt hindurch. Christa gelingen ein paar tolle Bilder. Dann ist wieder Suppe.

Kloster Ostrog
Kloster Ostrog

Am nächsten Morgen ist das Wetter bedeutend besser, aber vor dem Kloster ziehen immer noch dicke Wolken vorbei. Nach dem Frühstück besichtigen wir zuerst das untere Kloster und dessen Kapelle. Dann fahren wir los. Heute sehen wir wenigstens genug, auch wenn über uns immer noch dichte Wolken an den Bergen hängen. Wir fahren zuerst auf einem sehr schmalen Sträßchen zur Hauptstraße zurück, dann auf dieser nach Niksic und weiter nach Savnik und Zabljak zum Dormitur-National-Park, um den herum sich in Privatinitiative ansehnliche Auto-Camps, Fahrzeugvermieter, Rafting- und Ski-Unternehmen angesiedelt haben.

Autocamp Tara
Autocamp Tara

Wir sind hier oben auf einer ausgedehnten Hochebene auf knapp 1.500 Metern. Eingerahmt von sanft geschwungenen, dicht mit Laubwald begrünten Hügeln. Hier oben würde ich eher von Monte"verde" als von Monte"negro" sprechen. Hier oben befindet sich die markante fünfbögige Brücke über die Tara-Schlucht, die in keinem Reiseführer und keinem Prospekt über Montenegro fehlt. Wir sind aber reichlich enttäuscht von ihr. Zwar herrscht auf ihr ein ziemliches Gewusel von Rucksack-Wanderern, Motorrad- und Fahrradtouristen. Aber das Umfeld und der Blick in die Tiefe sind weit weniger spektakulär als etwa in der griechischen Vikos-Schlucht. Entschädigt werden wir auf der Fahrt entlang der Tara. Rechts und links türmen sich hohe Felswände auf, immer wieder führt die schmale, kurvenreiche Straße durch enge, dunkle Tunnels. Unten in der Schlucht kämpfen sich Rafting-Boote über und durch wirbelnde Stromschnellen. Und uns entgegen kommen die durchweg italienischen Teilnehmer der Offroad-Rallye "Italia-Albania-Montenegro" mit ihren lehmverschmierten, spektakulären Allrad-"Geschossen".

Brücke über die Tara Schlucht
Brücke über die Tara Schlucht

Genauso interessant wie die Fahrt entlang der Tara ist die Weiterfahrt entlang der Moraca, bei der ein heftiges Gewitter über uns hinweg zieht. Auch hier wieder genießen wir tolle Ausblicke - und gefährliche, unbeleuchtete Tunnels. Kurz vor dem Kloster Moraca tanke ich zum Super-Einheitspreis von Montenegro: 1,27 Euro für den Liter Diesel. Irgendwann vor Podgorica sehe ich die Kontroll-Leuchte der hinteren Differenzialsperre diffus glimmen. Ich rufe die Firma Iglhaut an - dort gibt es schon wieder einen neuen Werkstattleiter -, der will sich aber nicht festlegen, ob die Hinterachse gesperrt sein kann oder nicht. Ich versuche mit engen Kreisfahrten auf kiesigem Untergrund Sicherheit zu bekommen, fahre aber dann doch lieber zur Kontrolle eine nahe Mercedes-Werkstatt an. Die ist um diese Zeit - kurz nach fünf Uhr - aber schon geschlossen. Wir übernachten auf dem Parkplatz, uns wird sogar von der Security angeboten, die Toilette des Autohauses zu benutzen und uns mit Getränken aus dem Bistro-Kühlschrank zu versorgen.

Pünktlich um acht Uhr sind wir in der Werkstatt. Dort sind aber alle Hebebühnen und Gruben belegt. Wir müssen warten - Christa liest im Schatten eines Baumes, ich gehe im Sprinter ins Internet. Kurz vor zehn ist es soweit. Ich kann in die Werkstatt. Nach einer Fehler-Diagnose mittels Laptop bocken wir die Hinterachse auf und drehen an den Rädern - das Differenzial ist nicht gesperrt. Ich bin mit rund 24,00 Euro dabei. Dann können wir endlich weiter, fahren über Cetinje zurück an die Küste in Budva, machen Fotos von der Hotelinsel Sveti Stefani und fahren entlang der Küste nach Ulcinj. Der Ort ist eine nette, überwiegend muslimische Kleinstadt, die uns stark an die Türkei erinnert. Wir passieren die Stadt, überqueren einen Meeresbarm und fahren bis zum äußersten südlichen Zipfel Montenegros, dem Strand von Sveti Nicola. Dort checken wir auf dem sandigen "Auto-Camp Safari-Beach" ein, erst mal für zwei Nächte , und suchen uns einen schattigen Platz unter hohen Kiefern (15,00 Euro, pauschal mit Strom und Internet-Zugang). Nach dem Abendessen machen wir einen längeren Barfuß-Spaziergang über den dreizehn Kilometer langen Sandstrand, sehen dabei mehrere Reisemobile auf einem weiteren, absolut naturbelassenen Campingplatz im Wald (10,00 Euro).

Auto-Camp Safari Beach (Ulcinj)
Auto-Camp Safari Beach (Ulcinj)

Nach dem Stress der letzten beiden Tage brauchen wir beide dringend eine Auszeit. Wir beschließen, drei volle Tage auf dem Auto-Camp zu bleiben. Christa ist wie gehabt als erste im Wasser. Um uns herum platzieren sich sieben Reisemobile der Mir-Tour (früher "Perestroika"-) "Durch das wilde Land der Skipetaren". Ein Teilnehmer kommt bei uns vorbei und sagt, dass er mein Buch "Reisemobil statt Rollator" mit großem Vergnügen gelesen habe. Nach dem Abendessen machen wir unseren obligatorischen Strandspaziergang. Trotz allen Relaxens wollen wir, bevor wir nach Albanien aufbrechen, eine Tagestour zum Naturschutzgebiet Skutari-See unternehmen.

Kathedrale von Bar
Kathedrale von Bar

Dazu fahren wir zunächst zurück nach Bar mit seiner gewaltigen Kathedrale und der Altstadt Stari Bar mit seiner sehenswerten Moschee. Auf dem Weg dort hinauf sehen wir ein Straßenschild nach Virpazar, dem Hauptort am Skutari See. Das Sträßchen, für Fahrzeuge über sieben Tonnen gesperrt, ist ganz nach meinem Geschmack. Es führt, maximal drei Meter breit, hinauf über den Tudemili Pass, auf dem eine monumentale Säule steht, und dann hinunter nach Limijani. Auf der Abfahrt sind die Kehren mit rot und weiß gestrichenen Autoreifen gesichert. Ich schätze, hier wird - oder besser wurde - eine Bergprüfung der Balkan-Rallye gefahren. In Limijani ist die Straße auf gut 300 Meter komplett weg gebrochen. Wir müssen einen Trail fahren, der kaum breiter als zwei Meter ist. Und natürlich kommen uns dabei auch noch zwei Autos - davon eines aus Tschechien - entgegen. Zurücksetzen und Ausweichen klappen aber vorzüglich.

Skutari See
Skutari See

In Virpazar machen wir ein paar Fotos, vertrösten alle Schlepper von Restaurants und Expeditionsbooten auf morgen. Dann nehmen wir die Bergstraße entlang des Skutari Sees in Angriff und genießen interessante Ausblicke hinunter auf den weit hinein mit Seerosen bedeckten See. Von den Vogelkolonien sehen wir von hier oben nicht viel. Aber von Campingplatz-Nachbarn und Hobby-Ornithologen aus Stuttgart, die vor einigen Tagen hier waren und eine exklusive Bootstour unternommen hatten, wissen wir, dass sich die Vogelwelt jetzt in dieser Jahreszeit nicht so spektakulär präsentiert, wie sie erhofft hatten.

Einen Tag später, bei leichtem Regen nach einem heftigen Gewitter, fahren wir zur albanischen Grenze. Auf einer zwar schmalen, aber gut gepflegten Straße geht es durch fruchtbares, flaches, oft sumpfiges Ackerland, in dem die Bauern an der Straße ihre Produkte anbieten - Honig- und Wassermelonen, Karotten, Kartoffeln... Der Grenzübertritt gestaltet sich unproblematisch (großes Schild "welcome in albania"), obwohl das Gegenchecken der Daten in den Computern und das Kopieren der Pässe seine Zeit benötigt. Der Grenzer spricht uns sogar auf Deutsch an, der Zöllner bewundert unseren Sprinter, dann sind wir drin - in Albanien. Und nach wenigen Kilometern in Shkodër, der nördlichsten Stadt Albaniens. Übersichtlich angelegt, mit breiter Durchgangsstraße, einer mächtigen Moschee, imposanter Kathedrale sowie einer Festung auf dem Hügel an der Stadt. Weniger ansehnlich sind die hinter Planen versteckten Siedlungen der Roma, die mit abenteuerlichen, selbst gebauten Moped-Vehikeln den Müll der Stadt einsammeln und Schrott antransportieren.

Roma-Müllauto
Roma-Müllauto

Nach einer kurzen Stadtrundfahrt geht es weiter, über Lezhë und Krujë nach Tirana. Die albanische Hauptstadt überrascht uns mit unglaublich vielen, alten Bäumen in ausgedehnten Parks und an den Alleen der Stadt. Ganz entgegen unserer Erwartungen ist die Stadt klar gegliedert, auffallend gepflegt und sauber, zum Teil - neben den typischen sozialistischen "Monumental-Prachtbauten" - sogar regelrecht exklusiv und edel - eine wirkliche Metropole. Tirana hat für uns ein Gesicht. Die Innenstadt jedenfalls gefällt uns richtig gut. Auch drum herum bietet Tirana eine Besonderheit. Der frühere Bürgermeister und jetzige Staatschef, ein studierter Kunstmaler, hat viele Häuser bunt anstreichen lassen. Da sehen Plattenbauten gleich erheblich freundlicher aus.

Tirana
Tirana

Im Küstenort Durrës wollen wir irgendwie und irgendwo übernachten. Aber die Stadt ist ein Alptraum, eng und unübersichtlich, laut und hektisch, das Ufer mit Hochhäusern und einer im Bau befindlichen Promenade total zubetoniert. Wir finden einfach keinen Übernachtungsplatz, versuchen es an drei Stellen im Randbezirk. Schließlich fahren wir entnervt raus aus der Stadt, finden an der Schnellstraße eine - scheinbar noch leere - neu gebaute Tankstelle, übernachten dort. Kaum im Tiefschlaf werden wir durch Klopfen geweckt. Die Security hat ein Einsehen - oder Mitleid - mit uns, lässt uns auf dem Gelände übernachten - nur etwas versetzt, weil frühmorgens der Tankwagen kommen soll. Gut ausgeruht steuern wir am nächsten Tag über Lushnje und durch fruchtbares, zum Teil sumpfiges Ackerland unser nächstes Ziel an, die UNESCO-Weltkulturerbe-Stadt Berat - eine der fünf wichtigsten Sehenswürdigkeiten Albaniens. Auf einem Parkplatz zwischen Universität und dem Fluss Omus, der die Altstadt teilt, finden wir einen Übernachtungsplatz neben zwei französischen Reisemobil-Rentnerpaaren.

Berat
Berat

Vor der Besichtigung der Stadt tauschen wir 50 Euro in sage und schreibe 6.942,50 Lek - beim Kurs von rund 138 ist beim Einkaufen ganz schön Kopfrechnen gefragt. Das brauchen wir auch gleich nach dem steilen Aufstieg hinauf auf das Felsplateau zur Burg Kalaja. Denn dort genehmigen wir uns als Belohnung für die Mühe einen kühlen Drink, machen dann einen ausgiebigen Rundgang - und checken die Preise der angebotenen Souvenirs und bestickten Kleidungsstücke. Sehr gut zu sehen sind von hier oben die beiden Teile der Altstadt, das am rechten Ufer des Osum sich den Berghang hinauf ziehende Mangalem, das früher den Türken vorbehalten und wegen der Bauweise ihrer Häuser der Stadt den Beinamen "Stadt der tausend Fenster" gegeben hat, sowie das gegenüber liegende Gorica, in dem früher die sozial schwächeren Bevölkerungsschichten lebten - Aromunen, Griechen und Juden (so der Baedeker-Reiseführer). Und man sieht von hier oben aus auch alle besonderen Bauwerke von Berat wie die Blei- und die Königsmoschee, das Derwisch-Kloster Teqe Sheh Hasan, die Brücke aus der Osmanenzeit und das alles dominierende Universitätsgebäude in Form des Kapitols.

Llogara Pass
Llogara Pass

Unser bisheriger Eindruck von Albanien: Das Land ist eine interessante Mischung aus Natur, Kultur, heruntergekommenem Charme früherer Tage und kommunistischem Verfall. Auf der einen Seite sind viele Gebäude und Fabriken marode und leer stehend. Auf der anderen Seite dominieren das Straßenbild rundum schwarz getönte Luxus-SUVs - Hummer, BMW X6, Mercedes Benz ML, Audi Q7. Balkantypisch fällt auch die hohe Polizeipräsenz auf. Dennoch überholen vollkommen bescheuerte Raser noch kurz vor Kurven. Weswegen auch unzählige Kreuze mit Blumen und Fotos an den insgesamt guten - mitunter aber unvermutet ein- oder sogar weggebrochenen Straßen stehen. Und selbstredend muss man auf den Autobahnen mit Fußgängern, Eselsgespannen und Radfahrern - auch in der falschen Richtung -, mit Ziegen, Schafen, Hunden, Kühen und Schildkröten rechnen.

Von Berat aus fahren wir zurück zur Küste nach Vlorë, und von dort entlang der Küste über den sensationellen Llogara-Pass Richtung Süden. Hinauf auf die Passhöhe von 1.055 Metern führt eine steile, stark beschädigte, zum Teil komplett eingebrochene Straße mit tiefen Rillen und Löchern. Hinunter geht es auf einer neu asphaltierten, breiten Straße, die atemberaubende Blicke auf das Felsmassiv links und das tief unten glänzende Meer bietet. Über die Stadt Himarë und den ehemaligen U-Boot-Stützpunkt Porto Palermo fahren wir zur Küstenstadt Sarandë und zu den ganz in der Nähe liegenden Kultur-Highlights Butrint und Gjirokastër.

Sarandë erinnert uns sehr stark an Durrës. Es passt so gar nicht zum ländlichen Albanien. Die Innenstadt und der Küstenbereich erinnern eher an die Côte d'Azur - mit nagelneuen, sechsstöckigen Wohnhäusern und riesigen Hotelklötzen. Ganze Straßenzüge werden platt gemacht und in einem aberwitzigen Bauboom neu erstellt. Jede noch so kleine Nische wird zugeknallt. Es gibt kaum einen Strand, aber jede Menge Hotelpools. Durch die Stadt führen fast nur Einbahnstraßen - für Ortsunkundige wie wir die Hölle, und für alle ein einziges Verkehrschaos.

Butrint
Butrint

Ganz anders die Ausgrabungsstätte Butrint. Gelegen auf dem kegelförmigen Ende der Halbinsel Ksamil rund 25 Kilometer südlich von Sarandë und nur ein paar Kilometer von der Grenze zu Griechenland entfernt, bei gutem Wetter mit Blick auf die griechische Insel Korfu, verstecken sich hier die Zeugnisse aus über 2.000 Jahren im dichten Wald. Zu Epirus gehörend war Buthrotum bereits im 4. Jahrhundert vor Christus ein wichtiger Handelsplatz, an dem später die Römer, Byzanz, die Venezianer und Türken ihre Spuren hinterließen. Viel ist davon nicht mehr übrig geblieben, vor allem ist nichts mehr von der die Stadt umgebenden Mauer zu sehen. Aber das, was die Archäologen hier ausgegraben haben, hat auch die UNESCO überzeugt, die Butrint in die Liste ihrer Weltkulturerbe aufgenommen hat. Als angenehme Nebenerscheinung empfinden wir die schattigen Waldwege, auf denen wir zwischen den weit auseinander liegenden, einzelnen Relikten wandern. Einen ganzen Nachmittag verbringen wir damit, das Theater und die Thermenanlage, den Palast, das Baptisterium, das Nymphäum, die Basilika, die Ruine der byzantinischen Kirche, die Akropolis mit Museum und die Reste von drei Stadttoren zu finden und zu besichtigen. Die strategische Bedeutung von Butrint wird klar beim Rundumblick von der Akropolis hinunter auf das Meer und den durch das Sumpfland gestochenen Kanal, der den Butrint-See mit dem Meer verbindet. Weshalb dieser überwiegend mit Salzwasser gefüllt ist. Gut zu sehen ist von hier oben auch die venezianische Dreiecksfestung am anderen Ufer des Kanals, die zu Beginn des 16. Jahrhunderts gebaut wurde und deren Kanonen auf die Straße von Korfu gerichtet sind.

Gjirokastër
Gjirokastër

Zum Abschied aus Albanien haben wir uns Gjirokastër aufgehoben. Der steil am Hang klebenden "Stadt der tausend Treppen". Auf der Fahrt dahin müssen wir an drei Polizei-Kontrollen herunterbremsen und anhalten, dürfen aber jedes Mal ohne kontrolliert zu werden weiterfahren. In Gjirokastër lassen wir den Sprinter im unteren Teil der Stadt stehen und mühen uns über die steilen Pflasterstraßen zur ausgedehnten, gut erhaltenen Burganlage hinauf. Oben kaufen wir eine gravierte Steinplatte als Souvenir, die wir später über den Küchenblock in unserem Sprinter kleben. Wieder unten im Ort füllen wir unsere Lebensmittelvorräte auf, kaufen Honig, Obst, Brot und für die Kaffeepause zwei Teigtaschen mit einer Art Sauerkrautfüllung.

Auf der Weiterfahrt am nächsten Morgen bestätigt Albanien dann doch noch ein Vorurteil - Wasser auf die Mühlen der Pessimisten: Ich will die letzten 5.900 Lek vertanken, fahre dazu eine kleinere, freie Tankstelle an. Ich zeige dem Tankwart das Geld. Der zählt es, steckt es in seine Hosentasche und tippt den Betrag in die Zapfsäule ein. Derweil verwickelt mich der hinzugekommene Besitzer in ein Gespräch über Deutschland und die tollen Autos. Bei 5.000 Lek zieht der Tankwart die Pistole aus dem Einfüllstutzen, schließt die Klappe, der Inhaber zieht die Quittung aus dem Drucker und gibt sie mir ganz freundlich. Auf meinen lächelnden Protest hin zieht der Tankwart das Geldbündel aus der Tasche, blättert es auf: tatsächlich 5.900 Lek. Der Inhaber spielt den Entrüsteten über seinen Mitarbeiter - der sich sofort verzieht -, füllt mir die fehlenden Liter nach und reicht mir die zweite Quittung - über 900 Lek (6,50 Euro). Tja, einen Versuch war es wohl wert.

Gewohnt routiniert und freundlich gestaltet sich dafür die Ausreise aus Albanien und die Einreise nach Griechenland. Vorbei an der Vikos-Schlucht und durch's Gebirge, später durch fruchtbares Ackerland, in dem Gemüse, Pfirsiche und Aprikosen angebaut werden, über Edessa und Thessaloniki kommen wir an diesem Tag bis zum griechischen Serres kurz vor der Grenze zu Bulgarien. Hier verbringen wir im vorgelagerten Industriegebiet eine ruhige Nacht neben einem Jumbo-Kaufhaus.

Ursprüngliches Bulgarien

Der Grenzübergang zu Bulgarien kündigt sich durch einen kilometerlangen Lkw-Stau auf der rechten Spur der Bundesstraße an. Dann sind wir schlagartig mitten drin im Balkan: kaputte Straßen, wassergefüllte Schlaglöcher, kreuz und quer herum stehende Fahrzeuge, marode Omnibusse, Menschen mit riesigen Plastikbeuteln, Pferdegespanne, ein höllisches Durcheinander. Ich rolle langsam durch das Chaos über die (Schengen-)EU-Innengrenze. Da halten uns die Zöllner an. Zu fünft wollen sie ins Innere unseres Sprinters sehen, einer macht sogar Handyfotos... Eigentlich verwunderlich, denn im Laufe der Reise sehen wir einige in Bulgarien und Rumänien zugelassene Reisemobile. Die tolle, neue Straße ab der Grenze endet nach einem Kilometer - an ihr liegen nagelneue Tankstellen. Diese Straße nach Sofia ist noch im Bau. Also wenden und zurück auf eine holprige, buckelige Straße. An ihr brüten gleich im ersten Ort nach der Grenze Störche auf Telegrafenmasten - ein Anblick, der uns in den nächsten Wochen ständig begleiten wird.

Schon jetzt fällt uns auf, was sich später durchweg bestätigen wird: außer in den Städten mit ihren unvermeidlichen sozialistischen Plattenbauten und einigen Hotelkästen sind bulgarische Häuser selten höher als die sie umgebenden Bäume. Sie bestehen meist nur aus dem Erdgeschoss, haben durchweg einfache Pultdächer und auf keinem sieht man die etwa in Italien und Griechenland unverzichtbaren silbernen oder blauen Wasserbehälter samt den Solar-Warmwasserbereitern auf den Dächern. Sind scheinbar keine Warmduscher, die Bulgaren. Dementsprechend kernig kommen viele von ihnen auch daher, meist mit großen, markanten Köpfen, oftmals blauäugig und mit stämmigen Oberkörpern. Kein Wunder, dass von hier gute Ringer und Gewichtheber kommen.

Alexander-Nevski-Kathedrale (Sofia)
Alexander-Nevski-Kathedrale (Sofia)

Bulgarien hat 7,8 Millionen Einwohner (78 pro Quadratkilometer), davon allein in Sofia 1,1 Millionen. Das Land lebt zu 57 Prozent von Dienstleistungen (Transport?), 29 Prozent von der Industrie und - erstaunlich bei den riesigen bebauten Flächen: nur zu 14 Prozent von der Landwirtschaft. (Auslands-)-Tourismus spielt kaum eine Rolle. Das Land ist geprägt von mehreren Gebirgszügen. Das größte Massiv ist des Balkangebirge, das sich über knapp 600 Kilometer in West-Ost-Richtung erstreckt und seinen höchsten Gipfel mit dem 2.376 Meter hohen Botev hat. Es ist Klima- und Wetterscheide zugleich und wird nur von einem Fluss durchschnitten, der Iskar, nördlich von Sofia. Noch höher sind das Piringebirge mit dem 2.914 Meter hohen Vihren und besonders das Rilagebirge im Südwesten, dessen höchste Erhebung der 2.925 Meter hohe Musala ist. Wie sie zeigen auch die bis nach Griechenland hinein reichenden Rhodopen trotz dieser Höhen nur wenige markante Felsspitzen. Bis in große Höhen dicht mit Mischwald bewachsen, ragen sie kahl und bucklig in den ewigen Schneee hinauf und erinnern dadurch eher an das Allgäu als an die Alpen. Zwischen den Bergketten ziehen sich fruchtbare, landwirtschaftlich intensiv genutzte Täler durch das Land. Im Norden das Tiefland der Donau, dem Grenzfluss zu Rumänien, in der Mitte das Rosental und im Süden die 378 Kilometer lange Schwarzmeerküste.

Schon 1.400 Jahre vor Christi waren Thraker hier ansässig. Dann vereinnahmten es Griechen, Römer, Byzanz, und von 1393 bis 1878 das Osmanische Reich. Sie alle hinterließen ihre Spuren, die heute - zusammen mit den dazwischen liegenden Perioden bulgarischer Selbstständigkeit - in sieben UNESCO-Weltkulturerbe-Stätten sichtbaren Ausdruck findet. Weniger Positives ist von den beiden Balkankriegen von 1912/13, den beiden Weltkriegen, die Bulgarien an der Seite des Deutschen Reiches erlitt, sowie von der stalinistischen und der kommunistischen Epoche bis 1990 geblieben. Das Bulgarien von heute ist ein Land im Aufbruch. Windräder und Solarparks kontrastieren mit Holzofen-feuerung, edle Boutiquen und teuerste Luxusautos - schwere SUV, BMW, Audis, Mercedes, Maserati - mit Pferdekarren. Es gibt durchaus sichtbare Armut. Aber auch ländliche Idylle wie liebevoll um die Häuschen angelegte Gemüsegärten, Hühnerställe und Weinranken statt Veranden oder Pergolen als Schattenspender.

UNESCO-Weltkulturerbe Melnik
UNESCO-Weltkulturerbe Melnik

Unser erstes Ziel in Bulgarien ist Melnik im Piringebirge, die kleinste Stadt des Landes und UNESCO-Weltkulturerbe. Von hier aus wollen wir wie auf einem quer gedehnten M durch Bulgarien bis Burgas und dann entlang der Schwarzmeerküste nach Rumänien fahren. Bevor wir durch Melnik laufen, fahren wir erst noch sieben Kilometer weiter in das Tal hinein zum Roschenski Manastir, das wir nach einem 15-minütigen, anstrengenden, steil hinauf führenden Weg erreichen. Es ist ein Musterbeispiel für ein Kloster in ruhiger, weltabgewandter Lage. Allerdings geht es heute recht hektisch zu, viele Familien und eine Schulklasse verteilen sich in Innenhof und Kapelle.

Kaum zu glauben, dass in Melnik, das in senkrecht aufragende, bis zu hundert Meter hohe Sandsteinformationen eingebettet ist, im 19. Jahrhundert bis zu 20.000 Einwohner gelebt und 70 Kirchen gestanden haben sollen. Heute setzt Melnik mit seinen etwa hundert originalgetreu renovierten Häusern und fünf Kirchen komplett auf (Inlands-)Tourismus. Dennoch bekommen wir hier zum ersten Mal einen Eindruck davon, wie billig das Leben in Bulgarien sein kann. Für eine Lamm- und eine Bohnensuppe samt Fladenbrot und zwei Bier zahlen wir 6,30 Euro.

Rilakloster
Rilakloster

Weiter geht unsere Fahrt, zurück zur Hauptstraße und in Richtung Sofia zum nächsten Tagespunkt, einem der Höhepunkte jeder Bulgarienreise, dem Rilakloster im gleichnamigen Gebirge. Bei leichtem Nieselregen fahren wir aber zunächst an ihm vorbei und checken gegen 16:45 Uhr auf dem Campingplatz Zodiak ein. Das Camp ist ein uriger Zeltplatz, bietet aber alles, was wir brauchen: frisches Wasser, Strom und eine Entsorgungsmöglichkeit in einem alten Plumps-Hockklo. Und wir haben von unserem Standplatz aus einen tollen Blick über die Bäume hinweg auf den höchsten Berg Bulgariens, den 2.925 Meter hohen Musala im Rilagebirge. Vom Grillgeruch aus der Küchenhütte angezogen, wollen wir uns mit einem Abendessen verwöhnen. Das aber wird ein mittlerer Reinfall - sowohl Christas Filet als auch mein Nackensteak vom Grill - beide in ansehnlicher Größe - sind total ausgetrocknet. Zu unserem Erstaunen ist der Campingplatz mit 15,00 Euro für die Nacht nicht gerade billig. Er kostet genauso viel wie das Abendessen aus den zwei Stücken Fleisch plus zwei halbe Liter Bier vom Fass.

Um drei Uhr nachts deutet sich das kommende Desaster an. Es gewittert und gießt in Strömen. Keine guten Aussichten für die Besichtigung des Klosters. Hätten wir doch am Vorabend noch Fotos gemacht.... Bei heftigem Regen packe ich das Einspeisekabel, den Einstiegstritt, die klatschnassen Trekkingsandalen und den Regenschirm in eine blaue IKEA-Tragetasche zum Abtropfen in den Sprinter - während der nachmittäglichen Kaffeepause trocknen sie im Freien super ab.

Farbenfrohe Fresken
Farbenfrohe Fresken

Das Rilakloster (Rilski Manastir) - des größte und berühmteste Kloster Bulgariens - ist ein wahres Kleinod. Das von Ivan Rilski im 19. Jahrhundert gegründete Kloster gilt als prächtigstes Wahrzeichen orthodoxen Glaubens in Bulgarien. Von außen wie eine trutzige Festung den Gefahren trotzend, verlaufen im Innern der im Viereck geschlossenen, vierstöckigen Gebäude rundum Säulengänge mit prächtigen Arkaden und aufwändig gearbeiteten Treppen und Balkonen. Mitten im Innenhof steht die dreischiffige Kreuzkuppel-Basilika von 1834 mit anhängenden Apsiden und Kapellen, an die sich der 23 Meter hohe und fast 700 Jahre alte Chreljoturm als das älteste erhalten gebliebene Bauwerk der Klosteranlage anlehnt. Kaum zu beschreiben ist die Farbigkeit und Vielfalt der Fresken und Ikonen, die das Kloster prägen. Es ist überwältigend.

Als nächstes steuern wir die Hauptstadt Sofia an. Nach dem Verlassen der Berge wird es heller und regnet nicht mehr. Die Straßen sind aber noch nass. Wir fahren eine Runde durch die 1,1-Millionen-Einwohner-Metropole, zunächst durch Außenbezirke mit hässlichen, verkommene Plattenbauten, dann über die mit gelben Steinen gepflasterten Straßen der Innenstadt mit prächtigen Bauten und Kirchen, allen voran der mächtigen Alexander-Nevski-Kathedrale. Auf den beiden wichtigsten Plätzen der Stadt werden Open-Air-Konzerte aufgebaut. Es ist nicht möglich, da durch zu kommen. Vor uns kreuzen uralte Straßenbahnen. Lange halten wir uns nicht auf, fahren nach Norden durch die imposante, felsige Iskar-Schlucht mit dem Iskar-Duchbruch bei Ljutibrod und den beliebten Kletterfelsen von Lakatnik - eine Landschaft wie der Donaudurchbruch bei Beuron/Sigmaringen. Besonders interessant finden wir die beiden nur zwei bis drei Meter dicken Felswände, die sich dicht nebeneinander über 200 Meter den Berg hinauf ziehen.

Iskar-Durchbruch
Iskar-Durchbruch

Übernachten wollen wir - auf der Fahrt Richtung Troyan - auf dem Campingplatz in Pravec. Den gibt es aber gar nicht (mehr?). So suchen und finden wir gegen 19:00 Uhr unseren Übernachtungsplatz neben dem Golfplatz, am gegenüberliegenden Ufer des Sees am Golf-Resort. Es wäre alles bestens, würde nicht bis spät nachts eine Disco in oder beim Golf Resort "hämmern".

Richtung Troyan (Trojan) fahren wir nicht auf der Hauptstraße Richtung Varna, sondern nehmen die weiß in die Karte eingezeichnete Straße durch das Tal und den Pass über Teteven. Sie führt durch typisch bulgarische Straßendörfer mit liebevoll angelegten Gärten, Ackerbau, Pferdegespannen und - vor allem nach Teteven - durch endlose Mischwälder mit intensiver Holzwirtschaft. Im Tal bei Teteven verrotten mehrere Industriebetriebe - ein trostloses Bild. Teteven sebst ist nichtssagend. In der ganzen Gegend riecht es nostalgisch nach Holzfeuer. Vor den Häusern sind ganze Lkw-Ladungen Feuerholz - meist Hartholz - abgekippt. Die Bewohner machen sich ans Spalten. Überall stehen uralte allradgetriebene Dreiachser-Lastwagen der Roten Armee mit Aufbauten für den Holztransport herum. Sie dienen dem Abtransport der Baumstämme aus dem Wald. Für den Weitertransport stehen brandneue Mercedes-, MAN- und Scania-Lastwagen bereit. Ein paar Offroad-Freaks leisten sich mit martialischen Reifen aufgemotzte, knochige Geländewagen. Einer wird gerade auf einen Abschleppwagen gehievt. Wie es aussieht, hat er sich seitlich über einen Hang abgerollt.

Trojan-Kloster
Trojan-Kloster

Bei Trojan interessiert uns vor allem das Trojanski Manastir. Das Kloster - es gilt als Nummer drei in Bulgarien - ist kaum mit dem Rilski Manastir zu vergleichen - außer in seinem grundlegenden Aufbau mit äußeren Festungsmauern und Kapelle im Innenhof. Es wirkt fast ärmlich, Teile der Dächer sind total marode, ein Wohngebäude im hinteren Teil wird gerade generalsaniert. Heute wollen wir noch bis Kostritsitsa kommen, einem Dorf, das in seiner Gesamtheit wegen der gut erhaltenen Häuser aus der Zeit des 2. Bulgarischen Reiches als UNESCO-Weltkulturerbe gelistet ist.

Auf der Fahrt dorthin cruisen wir hinter Trojan wieder durch dichte Laub- und Nadelwälder Kurve um Kurve bergauf. Oben überqueren wir den 1.648 Meter hohen Trojanski Pass in einer Landschaft wie in den Alpen - neben dem Pass steht ein Torbogen-Monument. Wieder unten im Tal fahren wir über Karlovo nach Kostritsitsa, wo wir auf dem kostenpflichtigen Parkplatz ganz offiziell für fünf Euro übernachten dürfen. Heute machen wir nicht den gleichen Fehler wie im Rilski Manastir. Obwohl es schon später Nachmittag ist, machen wir schon mal einen ersten Rundgang durch das Dorf mit seinen typischen Holzhäusern und schießen jede Menge Fotos - sicher ist sicher.

UNESCO-Weltkulturerbe Kostritsitsa
UNESCO-Weltkulturerbe Kostritsitsa

Erst um 10:30 Uhr kommen wir weg - noch immer kommen wir "mental" mit der Zeitumstellung (eine Stunde früher als in Deutschland und Dalmatien) nicht zurecht. Durch eine Landschaft, die an das Allgäu erinnert, fahren wir Richtung Süden, über Panagjuriste bis Pazardik, dann auf der Autobahn bis Plovdiv. In der Stadt treffen wir auf einen der modernsten Kaufland-Märkte, die wir je gesehen haben. Wir bekommen sogar braunen Würfelzucker und Kaffeeweißer. Es gibt Schwarzbrot, Knäckebrot und mehrere Sorten Fitness- und Vollkornbrot sowie Pumpernickel. Nach einer kurzen Stadtrundfahrt, bei der wir eine wunderschöne Kirche mit goldenen und blauen Kuppeln passieren, geht es weiter zum Batschkovo-Kloster, auf dessen Parkplatz wir nach der Besichtigung für fünf Euro übernachten.

Heute klappt es etwas früher, schon um 09:30 Uhr. Auf dem Weg nach Norden passieren wir zunächst die frühere Hauptstadt Veliki Tarnovo, besichtigen vorher die römische Ausgrabungsstätte Nicopolis ad Istrum, die nur über eine total ramponierte, schmale Straße zu erreichen ist, aber als Entschädigung für die Mühe über eine noch gut erhaltene Römerstraße samt Wasserleitung verfügt. Man sieht und hört förmlich die Legionen darüber stampfen. Dann fahren wir zum Mönchskloster Preoboschinski Manastir, das mit seiner dreischiffigen, innen unglaublich farbenfroh ausgemalten Kirche auftrumpft. Das gegenüber in den Felsen klebende Nonnenkloster Sveta Troiza sparen wir uns. Frisch gestärkt wollen wir das an besonders interessant gehandelte Bergdorf Arbanassi besichtigen. Es ist total auf Tourismus gemacht, bietet unserer Meinung nach aber nichts wirklich Sehenswertes. Enttäuscht kehren wir um, fahren nach Veliki Tarnovo zurück, wo wir feststellen, dass die in den Reiseführern angepriesene Festung über der Stadt nur noch aus einem Mauerring besteht. Einen nackten Hügel wollen wir nicht besichtigen.

Batschkovo-Kloster
Batschkovo-Kloster

So fahren wir heute noch, was eigentlich für morgen geplant war, weiter in Richtung Osten, über Omurtag und den 700 Meter hohen Kotlinski Pass nach Kotel. Und das zu einem großen Teil auf der Höllen-E 772. Für Bulgaren - nicht nur, aber auch die Trucker - gibt es beim Autofahren nur zwei Devisen: volles Rohr und überholen um jeden Preis. Auch bei Tempolimit 50, über durch gezogene Doppellinien oder schraffierte Flächen - und ganz besonders gern vor Kuppen - das beweist dann wohl echte Männlichkeit, selbst in uralten Dacia-(Renault-Nachbau-)Kisten. Entsprechend ist das Land mit unglaublich vielen pompösen "Grabstätten" an den Straßenrändern geschmückt.

Von Kotel sind wir noch mehr enttäuscht als von Arbanassi. Von den angeblich so tollen Häusern können wir auf die Schnelle nicht mal etwas erahnen. Das einzige, was uns ins Auge springt, sind jede Menge Sinti/Roma, die an der Straße Pilze anbieten und in den Kneipen herum hängen. Im ganzen Ort stehen ihre Pferdewagen unter den Bäumen im Schatten. Bisher hatten wir sie nur am Rande der Städte gesehen, nicht selten direkt neben der - illegalen - Müllkippe. In dieser Bergregion scheinen sie aber besonders stark vertreten zu sein. Eine Vermutung, die sich auf der Weiterfahrt nach Zerama bestätigt. Sie kommen aber wohl nur zum Verkaufen und Kaufen in die Orte. Ansonsten leben sie an den Rändern der Orte und in den Wäldern. Immer wieder sehen wir Pferdewagen mit ganzen Familien auf Waldwegen verschwinden oder aus dem Wald auf die Straße einbiegen.

Kleinod Zerama
Kleinod Zerama

Im Gegensatz zu Kotel ist der Ort Zerama ein wirkliches Kleinod mit sehr gut erhaltenen, alten Holzhäusern - sie sind berühmt für ihre eigenartig überhängenen Dächer - und engen, knüppeligen Wegen aus schweren Rundsteinen. Eigentlich ein toller Ort zum Übernachten. Wenn wir nur irgendwo einen geeigneten Platz dafür finden würden. Außer dem Abstellplatz für Arbeitsmaschinen und alte Lastwagen im Dorf, auf dem ein paar Jugendliche ihren abendlichen Treffpunkt haben, sowie einem Platz vor einer Kneipe, die überwiegend von Roma bevölkert ist, finden wir kein einigermaßen ebenes Fleckchen Erde in dem an den Hang gebauten Ort. Beide Plätze sind keine allzu beruhigende Konstellation für die Nacht - vor allem nicht für Christa. Und so fahren wir notgedrungen weiter, durch schier endlose Wälder hinauf und dann hinunter auf einer wohl für eine Rallye-Bergprüfung hergerichteten Strecke mit wahnwitzig engen Kehren bis nach Sliven. Dort finden wir am Stadtrand mitten in einem gehobenen Wohngebiet mit schattigen Alleen auf dem Kaufland-Parkplatz einen ruhigen Übernachtungsplatz in frischer Luft.

Männergespräch
Männergespräch

Heute soll es an die Schwarzmeerküste gehen. Von Sliven fahren wir über Jambol und Sredec durch die fruchtbare und intensiv mit Weizen, Mais und Sonnenblumen bebaute Tiefebene nach Burgas, und von dort westwärts bis nach Sinemorec, das fast an der türkischen Grenze liegt. Zur Hängepartie wird die Suche nach einem Campingplatz. Auch hier scheint - wie in Spanien - die Einsicht zu greifen, dass mit einem Hotelkomplex mehr Geld zu verdienen ist als mit einem Campingplatz auf einem vergleichbar großen Grundstück. Jedenfalls sind bereits einige der in der Karte eingezeichneten Plätze Ferien- oder Hotelanlagen gewichen. Fündig werden wir schließlich auf der Fahrt über eine total zermarterte Straße am Campingplatz Jug. Der Sprinter kostet samt Strom und Internetzugang sieben Euro, pro Person sind drei Euro zu zahlen. Macht zusammen 13,00 Euro, konkurrenzlos billig. Allerdings muss ich gleich für den gesamten Aufenthalt löhnen - die kennen ihre Landsleute. Wir entschließen uns für vier Nächte, wollen mal wieder Wäsche waschen, auch die Bettwäsche, und wenn möglich auch den Sprinter putzen. Und uns von der Fahrerei der letzten Tage zu erholen, wäre auch nicht schlecht.

Auch auf diesem Platz gibt es ein Hotel und einen Schicki-Micki-Strand mit Sonnenliegen und Pool. Zudem ist der Platz überwiegend von bulgarischen Dauercampern belegt. Datscha-Kultur mit Wohnwagen unter Schleppdach, Vorzelt und überbauter Veranda in seiner reinsten Form. Ein paar feste Hütten gibt es auch. Überall wird gehämmert und gebohrt. Die Schulferien stehen bald an. Um Strom zu bekommen - an der nächst gelegenen Säule ist nur eine Steckdose verkabelt, alle anderen Anschlüsse sind durch abenteuerliche Bastellösungen belegt -, etwas vom Meer zu sehen und einigermaßen waagerecht stehen zu können, müssen wir uns irgendwo zwischen die Dauercamper klemmen. Zum Glück gibt es einen "wilden" Strand, einen langen Sandstrand gleich unterhalb unseres Stellplatzes - zugänglich über eine provisorische, halsbrecherische Stufenkonstruktion. Dort unten wollen wir morgen schwimmen gehen.

Badebucht am Schwarzen Meer
Badebucht am Schwarzen Meer

Nach dem kurzen Badeaufenthalt fahren wir möglichst nah an der Küste entlang, meist auf ziemlich ramponierten Sträßlein. Wir passieren mehrere Badeorte, die nach unserer Karte auch über Campingplätze verfügen sollen, finden aber keinen. An dieser Stelle zur Erklärung für alle, die wissen, dass wir nicht unbedingt auf Campingplätze fixiert sind: auf dieser Reise ist das anders. Wir haben irgendeinen Wurm in der Elektrik, nach einigen Standtagen ist trotz Solaranlage die Starterbatterie platt - die Bordbatterien voll (das als Knobel-Arbeit für die technisch Interessierten).

In den Orten ist lebhafter Tourismus mit allem Drum und Dran: Jahrmarkt, Buggy- und Quadverleih, City-Bähnle, Surfschule, Parasailing, Sinti/Roma-Pferdekutschen-, Russki-Geländewagen- und Bootstouren durch das Naturschuztgebiet Alepu an der Mündung des Flusses Ropotamo. Wir checken an der Costa Bulgara zwischen der Bucht von Sozopol und Chernomorets auf dem Campingplatz ATP Waterland ein und stehen mal wieder in der zweiten Reihe hinter Dauercampern. Aber wenigstens ist der Boden eben und wir kommen, ohne uns die Beine zu brechen, ans Wasser. Hat das gesamte Schwarze Meer schon einen geringen Salzgehalt, hier hat es durch den Fluss noch weniger. Beim Frühstück kommt ein älterer Bulgare vorbei. Er ist mit einer Deutschen verheiratet, wohnt in Biberach, arbeitet bei den Stadtwerken Ulm und gibt uns ein paar wertvolle Einkaufstipps. Auch den, dass es Burgas eine Gastankstelle gibt, die deutsche Flaschen auffüllt. Das ist schon mal eine Beruhigung. Ich vermute, die Bulgaren fahren in ihren meist in Deutschland gekauften Gebraucht-Reisemobilen weiterhin die deutschen Gasflaschen. Und so gibt es auch hier - wie in Larissa in Griechenland und in Skhodër in Albanien - Tankstellen, die mit Bastellösungen Gasflaschen nachtanken können.

Nessebar
Nessebar

Unser nächstes Ziel ist das hoch gepriesene Nessebar. Wir fahren direkt bis zur Altstadt, parken im Hafen und laufen los. Als erstes erwischt uns ein aufgetakeltes, blondes Verkaufsgenie, das Christa Arm- und Halskettchen für zusammen fünf Euro andreht. Das bewahrt uns fürderhin vor überall herumlungernden Roma-Frauen, die das Gleiche anbieten. Nur eine läuft uns hinterher: "bei mir hätten Sie es billiger haben können". Die Altstadt von Nessebar, auf einer 850 Meter breiten und 300 Meter langen Insel, die durch einen schmalen Damm mit dem Festland verbunden ist, konzentrieren sich kulturelle Zeugnisse mehrerer Jahrtausende auf engstem Raum. Dafür steht es auf der UNESCO-Liste des Weltkulturerbes. Es ist ein echtes Schmuckkästchen. Es hat typische bulgarische Häuser in Massen, und alle sind belebt, als Hotels oder Souvenirgeschäfte ausgebaut. Und dazwischen uralte Kirchlein: Kreuzkuppelkirche Pantokrator (14. Jh.), Kirche Johannes des Täufers (19. Jh.), Erzengelkirche Michael und Gabriel (13. Jh.), Alte Metrolpolitenkirche (4./5. Jh.), Basilika am Meerufer... Man kann mit Fug und Recht sagen: Nessebar, das ist Bulgarien auf einen Ort komprimiert.

Campingplatz Zora
Campingplatz Zora

Nach der Besichtigung dieses Kleinods fahren wir entlang des vielgelobten Sonnenstrands bis zu dessen Ende am Kap N.Emine - neun Kilometer durch nicht enden wollende Hotelkomplexe und Feriensiedlungen bis weit hinauf in die hügelige Landschaft. Dann wenden wir, fahren in Richtung Varna bis nach Obzor, wo wir nach kurzem Suchen auf dem Campingplatz Zora landen. Neben einigen Dauercamper-Wohnwagen stehen bereits ein deutsches Reisemobil und ein deutsches Caravan-Gespann auf der Wiese. Zora ist ein liebevoll hergerichteter Platz mit entzückenden Bungalows, pieksauberem Toilettengebäude, gepflegtem Rasen und farbenfrohen Blumenrabatten. Mit Abstand der schönste Platz, auf dem wir bisher in Bulgarien waren. Leider ist er aber relativ weit vom Strand entfernt. Abends laufen wir noch eine Runde durch den beliebten Urlaubsort und essen ganz hervorragend im Restaurant der Familie Zora - als Campingplatzgäste mit zehn Prozent Rabatt -: Bohneneintopf mit Wurst, glasiertes Nackensteak mit Kartoffeln, Brot, zwei kleine Biere für 13,00 Euro.

Auf der Weiterfahrt Richtung Varna suchen wir aus reinem Interesse bei Kamcha die drei ausgeschilderten Campingplätze und treffen auf ein wildes Durcheinander unter Pinien - absolut nichts für Westeuropäer. Zudem weitab vom Wasser. Über die Hafenstadt Varna gibt es kaum etwas zu berichten. Also weiter entlang des zweiten bekannten Küstenabschnitts, des Goldstrands. Doch der zeigt sich im Regen gar nicht golden. Das Laguna-Camping beim Ort Panorama verlangt für einen Dreckplatz am Steilhang 19,00 Euro pro Nacht - für Bulgarien ganz schön happig. Zum Glück haben wir oben in der Rezeption aus Erfahrung erstmal nur eine Nacht gebucht. Als es später etwas aufhellt, machen wir noch einen kurzen Strandspaziergang, der unsere Antipathie nährt: das Wasser ist wie schon an vorher angefahrenen Stränden ziemlich verschmutzt, zwei Nudisten liegen im Sand, ein paar Schwule schleichen herum. Zwei Liegen samt Sonnenschirm kosten 5,50 Euro. Wir werden morgen mit Sicherheit weiter fahren.

Goldstrand
Goldstrand

Und es wird nicht wirklich besser. Der Touristenort Albena verlangt am Wochenende fünf Euro für die Einfahrt, der Campingplatz Hotel St. George liegt nicht in Baltschik wie beworben, sondern weit außerhalb. Das Hotel ist leer, aber der Platz ist ganz gut besucht. Sogar ein holländisches Reisemobil steht drauf. Die Gegend - Tuffsteingebirge, das steil ins Meer abfällt - und der Strand wären ganz nett: weicher Sand, Liegestühle, Sonnenschirme, Massagezelt, Jetski...., aber das Wasser ist unansehnlich verschmutzt. Nachdem Christa einen Haufen Muscheln gesammelt hat, fahren wir weiter zum Kap Kaliakri. Von dessen 70 Meter hoher Felsnase sollen sich vierzig Jungfrauen hinunter ins Meer gestürzt haben, um nicht den osmanischen Truppen in die Hände zu fallen. Das erinnert uns schwer an Griechenland, wo an mehreren Orten, ähnliches geschehen sein soll. Der Felsen ist bedeckt von den Ruinen einer Festung, einer gesperrten, militärischen Zone, vielen Souvenirbuden, einem Restaurant und ganz hinten, an der Stelle des Todessturzes, einer kleinen Gedächtnis-Kapelle.

Auf der Weiterfahrt finden wir die Campingplätze Sabla - unter Bäumen, in Strandnähe - und Krapec - wird gerade umgebaut und hergerichtet. Interessanter wäre hier der langgestreckte, weiße Sandstrand, der von Kitesurfern belegt ist. In der Beach Bar wird ein Werbespot gedreht, zwei tschechische Reisemobile von Surfern stehen oberhalb des Strands, es ist sehr stürmisch, unten rollen hohe Wellen ans Ufer. Nichts zum Sonnen und Baden. Wir fahren weiter, kommen durch eine ganz eigenartige Gegend mit flachem Brachland und weicher, rotbrauner Erde. Überall liegen Tankbehälter im struppigen Gelände, scheinen mit eingegrabenen Leitungen verbunden zu sein. Auch einige Erdölpumpen sind zu sehen, drehen sich ganz langsam. Die Küste ist jetzt rau und felsig, bietet keine Möglichkeit mehr zum Schwimmen. Nur Angler scheinen auf ihre Kosten zu kommen. Jedenfalls sehen wir sie überall mit Wohnwagen und Zelten am Ufer stehen.

Wilde Schwarzmeerküste
Wilde Schwarzmeerküste

Auf einen kurzen Nenner gebracht: die bulgarische Schwarzmeerküste ist nicht so unser Ding. Zwar gibt es landschaftlich ganz interessante Abschnitte, aber entweder ist das Ufer mit Hotels und Ferienanlagen zugebaut oder die Küste ist felsig und kaum zugänglich. Oder, und das wird nach Osten zunehmend schlimmer, das Wasser ist unappetitlich verschmutzt. Und so kommt es, wie es kommen musste, früher als geplant fahren wir über die EU-offene Grenze nach Rumänien. Wieder will ein Zöllner einen Blick in unseren Sprinter werfen, um seine Erkenntnisse dann lautstark den anderen herumstehenden Uniformierten mitzuteilen: Caravan.

Überraschendes Rumänien

Große Änderungen der Schwarzmeer-Küstenlandschaft in Rumänien haben wir nicht erwartet. Und so wundert es uns auch nicht, als wir bald hinter der Grenze mehrere Retorten-Badeorte passieren, die Ceausescu ab 1972 für seine Landsleute in den Sand betoniert hat - wir fühlen uns ein bisschen an Hitlers vier Kilometer langen Irrsinns-KdF-Bau auf Rügen erinnert. Die Namen sind entsprechend: 2. Mai, Saturn, Venus, Kap Aurora, Jupiter, Neptun, Olimp, 23. August. Der Hammer: mittendrin im Ferienparadies, in Venus, verunstalten mehrere Riesenkräne, Trockendocks und Hangars einer mächtigen Deawoo-Werft die Idylle. Durch Constanta, der größten Hafenstadt am Schwarzen Meer - unter anderem mit Autoverladung der Firma Dacia und Anschluss an den Donau-Kanal - sowie Mamaia, den typischen Badeort mit Hotels samt direkt am Meer gelegenen Pool-Landschaften fahren wir auf kürzestem Weg hindurch. Als erste Station in Rumänien laufen wir einen der Campingplätze in Navodari an. Der Platz Pescaterc ist ein großes Wiesengelände mit niedrigen Bäumen, direkt am kilometerlangen Sandstrand - mit sauberem Wasser - gelegen, der bis Mamaia zurück reicht. Für neun Euro pro Nacht haben wir Strom, einfache Sanitärräume, aber keinen Internet-Zugang. Zum Trost findet Christa tolle Muscheln im Sand und wir können mal wieder ausgiebig baden.

Strand von Navodari
Strand von Navodari

Wir bleiben drei Tage dort, waschen Wäsche und den Sprinter und haben gleich zu Beginn ein typisches Erlebnis mit einem Roma. Übrigens: mit diesem Begriff kann oder will hier kein Mensch etwas anfangen. Für Rumänen sind die etwa drei Prozent Roma - in Bulgarien sind es vier bis fünf Prozent - glattweg Zigeuner oder Tigani, wie sie sich selbst nennen. Von dem jungen Mann lässt Christa sich am Strand ein Körbchen Himbeeren andrehen. Fünf Euro - von den einheimischen LEI redet er erst gar nicht - will er dafür haben. Ich weise ihn gleich ab, aber Christa haben es die frischen Himbeeren angetan. Und sie meint immer noch, sie tut bei solchen Deals letztlich etwas Gutes. Nach einigem Hin und Her akzeptiert Christa zehn LEI (etwa 2,20 Euro). Ich kippe das Körbchen aus und auch Christa sieht, dass die halbe Füllung aus einem fünf Zentimeter dicken Weichholzboden besteht. Am nächsten Tag traut sich der Kerl doch glatt wieder zu uns, bietet uns das Körbchen Himbeeren nun für einen (!) Euro an - wahrscheinlich mit vertrockneten Beeren vom Vortag.

Fähre im Donaudelta
Fähre im Donaudelta

Unser nächstes Ziel ist das Donaudelta mit Anlaufpunkt Tulcea. Die Landschaft, durch die wir bis dahin fahren, ist weich geschwungen hügelig und landwirtschaftlich voll genutzt. Zurzeit ist Getreideernte. Massenhaft fahren neueste Mähdrescher - meist Claas - über die riesigen Felder. Daneben gibt es nur noch Sonnenblumen, vor Tulcea vereinzelt auch ein paar Weinberge. Tulcea ist nicht besonders sehenswert, das Denkmal auf dem Hügel über der Stadt ist militärisches Sperrgebiet - die Ukraine ist nicht weit - und damit nicht zugänglich. So fahren wir hinein ins Delta bis nach Murighiol, wo es drei Campingplätze gibt. Von außen zeigt sich das Delta ganz anders als man denkt. Man sieht kaum Überflutungsflächen, der Schilfbewuchs hält sich in Grenzen. Zwischen den drei Hauptarmen, in die sich die Donau hier aufteilt - Chilia, Sf. Gheorge und Sulina -, ist das Land größtenteils trocken und fest und wird intensiv bebaut, auch wieder mit Sonnenblumen und Getreide. Außerdem steht im Delta eine Reihe von Windrädern.

Es ist erst 16:00 Uhr, als wir an den drei Campingplätzen in Murighiol vorbei kommen, wo die einzige Straße im Delta endet. Keiner gefällt uns so, dass wir jetzt schon einchecken und den restlichen Tag dort verbringen wollen. Auch glauben wir nicht, dass es von hier aus interessante Fahrten zu den Vogelbrutstätten geben kann. So fahren wir wieder ein Stück zurück. Über Mahmudie, in dem einige Aussteiger herum hängen, kommen wir nach Nufaru, wo uns eine abenteuerliche Fähre - ein an einem Motorboot hängendes Ponton - ans andere Ufer bringt. Dort fahren wir auf einer Schotterpiste nach Partizani zum Euro Delta Camp. Trotz Christas Befürchtungen von Mücken zerstochen zu werden, haben wir auf dessen gepflegter Rasenfläche einen schönen Stellplatz mit viel frischer Luft, Elektroanschluss und Internet für umgerechnet 13,50 Euro - und dank des Windes keine Probleme mit Moskiti.

Robustes Alu-Ausflugsboot
Robustes Alu-Ausflugsboot

Im Camp erfahren wir sehr viel über das Delta. Vor etwa 10.000 Jahren entstanden, ist das rund 580.000 Hektar große - das heißt: achtfache Größe des Bodensees - Labyrinth aus Seen, Sümpfen, Kanälen, Inseln, Auwäldern und Schilf 80 km lang und 70 km breit. Damit ist es nach dem Wolgadelta das zweitgrößte Flussdelta Europas. Anders als von außen vermutet, sind innen nur 5 Prozent Festland, 45 Prozent liegen unter Wasser, und die restlichen 50 Prozent sind zeitweilig, vor allem im Frühjahr, überschwemmt.

Nach einem frühen Frühstück geht es am nächsten Morgen auf die mit Spannung erwartete Bootstour durch das Delta - zweieinhalb Stunden für 140 LEI, etwa 32 Euro. Und wir haben ein Riesenglück. Der Käpt'n unseres robusten Alu-Anglerbootes mit 15-PS-Außenbordmotor kennt das Delta von Kindesbeinen an. Er fährt mit uns toll versteckte Plätze an - mitten durch Seerosenfelder und enge Schilfgürtel, über verrottende Baumstümpfe und durch dichte Dschungellandschaften. Strecken, die ich mich nie und nimmer mit einem Außenborder zu fahren trauen würde. Darum muss er auch hin und wieder den Motor rückwärts laufen lassen, um das Kraut loszuwerden, das sich um die Schraube gewickelt hat. Und oft muss er den Motor hochkippen und von Hand das Gemüse abpflücken. Für uns ist die Fahrt ein tolles Erlebnis. Wir sehen - und fotografieren - u. a. Seiden- und Silberreiher, Stelzenläufer, Löffler, Zwergkormorane, Brandgänse.....und vor allem Pelikane. Christa ist total aus dem Häuschen.

Quer durch das Schilf
Quer durch das Schilf

Wundervolle Vogelwelt
Wundervolle Vogelwelt

Am nächsten Tag auf dem Weg zurück nach Tulcea müssen wir wieder mit der Fähre in Nufaru fahren. Von Tulcea aus nehmen wir nicht den direkten und kürzesten Weg nach Bukarest, unserem nächsten Anlaufpunkt, sondern machen einen Schlenker nach Norden, recht nah an der Grenze zur Ukraine entlang nach Braila, um noch einen weiteren Eindruck vom Delta mitzunehmen. Den haben wir dann ganz besonders kurz vor Braila in Smardam, als wir unvermittelt in einem Gewirr von Gebäuden, Wegen, Brachflächen und wild parkenden Autos an der Donau stehen. Bis wir begreifen, dass es hier keine Brücke gibt, und wir nur mit der Fähre über den Fluss kommen, dauert es ein Weilchen. Die Fähren hier sind fast noch abenteuerlicher als die von Nufaru. Sie legen auf beiden Seiten an schwimmende Pontons an - ohne, dass Bohlen oder Bretter über die Zwischenräume gelegt werden. Damit die Fahrzeuge vom Schiff auf das Ponton und dann an Land fahren können, müssen zuerst einige Lkw rückwärtsfahren, um durch Kippen des Schiffes die Stufe von mehr als zwanzig Zentimetern zum Ponton zu verringern. Ist der erste Lkw da hoch geklettert, wird es für die folgenden leichter. Er drückt durch sein Gewicht den Ponton tiefer ins Wasser. Damit wird die Stufe niedriger. Darum hänge ich mich so dicht es geht an einen Lkw, um keine so hohe Stufe erklimmen zu müssen.

Cheausescus Präsidenten-Palast
Cheausescus Präsidenten-Palast

Auf der Fahrt nach Bukarest regnet es mal wieder. Wir fahren über Slobozia und Urziceni auf guten Straßen durch eine ziemlich eintönige Landschaft - auch hier wieder Weizen-Ernte und Mais. Vor allem ab Urziceni - auf der E 85 - ist es eine einzige Raserei auf drei bis vier Spuren mit zum Teil tiefen Längsrillen. In Bukarest machen wir das, was wir gern tun. Wir fahren erst mal am Campingplatz - in diesem Fall dem Campingplatz Casa Alba ganz in der Nähe der amerikanischen Botschaft - vorbei in die Stadt und drehen schon mal eine Runde durch die City. Das schafft uns grundsätzlich einen gewissen Überblick über die Dimensionen und die Chancen, einiges zu Fuß zu erkunden.

Das klappt auch in Bukarest. Wir lassen uns am nächsten Tag zwar mit dem Taxi in die Stadtmitte zur Touristen-Information kutschieren, laufen von dort aber mit deren Stadtplan mehr als die Strecke zu Fuß, die von den Aussichtsbussen bis zum Präsidenten-Palast gefahren wird. Insgesamt sind wir sieben Stunden unterwegs, bis wir mit einem Taxi zurück zum Campingplatz fahren. Fünfeinhalb Stunden bei über 30 Grad im Schatten sind wir gelaufen - eine erwähnenswerte Leistung, wie wir finden.

Perfekt restauriert
Perfekt restauriert

In der verbliebenen Innenstadt, die nicht von den Abrissbirnen des Herrn Ceausescu flach gemacht wurde, um seinen Größenwahns-Palast - zweitgrößtes Gebäude der Welt nach dem Pentagon - Platz zu schaffen, erinnert Bukarest an Paris oder Budapest. Rumäniens Hauptstadt fehlt nur der dominierende, die Stadt teilende Fluss. Dafür hat sie sehr viele wunderschöne und großflächige Parkanlagen. An den Durchgangsstraßen sind in den ehrwürdigen, zumeist perfekt restaurierten, früheren Palästen und Herrenhäusern Ministerien, Verwaltungen, Botschaften, Museen oder Hotels eingezogen. Aber ab der zweiten Nebenstraße wird der reale, kommunistische Verfall sichtbar. Zu Mittag essen wir im ehrwürdigen Crama Domneasca mitten in der City, auf dem Rückweg in Richtung des pompösen Pressezentrums und des Triumph-Bogens besuchen wir eine Antiquitäten- und Kunsthandwerkermesse im National Romanian Peasant Museum. Nach dem abschließenden Besuch des National Village Museum Domitri Gusti - einem Bauernhaus-Dorf mit 350 original restaurierten Mühlen, Kirchen und Bauernhäusern samt Einrichtung - lassen wir uns mit dem Taxi zum Campingplatz zurück bringen, wo wir erschlagen noch bis etwa 22:00 Uhr draußen vor dem Sprinter die abkühlende Abendluft genießen.

Transfagarasan
Transfagarasan

Auf dem Weg nach Siebenbürgen müssen wir die Karpaten auf einem der Pässe überwinden. Wir wählen die Transfagaras-Route von Curtea de Arges nach Sibiu (Hermannstadt). Die beginnt recht unspektakulär, führt langsam ansteigend und kurvenreich bis zu einem rund zwanzig Kilometer langen Stausee, wird danach aber richtig interessant und abenteuerlich. Zwischen den beiden höchsten Bergen Rumäniens, dem Moldoveanu (2.544 m) und dem Negoiu (2.535 m) hindurch schraubt sich die nur in den Sommermonaten geöffnete Passstraße bis auf 2.035 hinauf und durch den längsten - unbeleuchteten - Straßentunnel Rumäniens (884 m). Es ist Sonntag und mit uns fahren unzählige Wochenendausflügler diese Strecke. Auf der Passhöhe - ein hilfloser Polizist versucht das Chaos aus Menschen und Motoren zu bändigen - ist fast kein Durchkommen zwischen den beiderseits parkenden Fahrzeugen. Der Pass erinnert uns mit seinen beiden völlig unterschiedlichen Seiten an das Timmelsjoch. Witzig: auf der Nordseite schwebt eine Kabinenbahn über den engen Serpentinen vom Tal zur Passhöhe hinauf. Unten angekommen, etwa 50 Kilometer von Sibiu entfernt, fahren wir den Campingplatz Salcia Batrana in Carta an. Wir sind in Siebenbürgen angekommen - oder wie die Rumänen sagen: in Transsilvanien.

In dieser Region interessieren uns vor allem die Städte Sibiu (Hermannstadt), Brasow (Kronstadt) und Sighisoara (Schäßburg) sowie die um sie herum liegenden über hundert Kirchenburgen. Diese Region ist noch immer stark von den zum Schutz der Grenzen bereits im 12. Jahrhundert angesiedelten Deutschen - vorwiegend aus der Rheinpfalz, Trier, Lothringen, Rheinhessen und Franken - geprägt. Noch heute - oder heute wieder? - sind nahezu alle Ortsschilder rumänisch und deutsch beschriftet. Allerdings hat sich die Situation, besonders in den etwas abseits liegenden Dörfern dramatisch verändert, seit in den 1970-er und 1980-er Jahren eine regelrechte Landflucht der Nachfahren eingesetzt hat. In die leerstehenden Häuser sind Roma eingezogen und sorgen, klagen die Verbliebenen in den Dörfern, für mächtig Ärger und Verdruss.

Marktplatz von Sibiu (Hermannstadt)
Marktplatz von Sibiu (Hermannstadt)

Unser erster Schwerpunkt in Siebenbürgen liegt in und um Sibiu, der bereits um 1.150 n. Chr. von Siebenbürger Sachsen besiedelten Stadt. Vom nahen Campingplatz in Carta aus fahren wir zur ganztägigen Stadtbesichtigung. Dafür haben wir uns allerdings einen eher ungünstigen Tag ausgesucht. In der Stadt wird zwei Tage später die angeblich härteste, über vier Tage laufende Motorrad-Rallye der Welt (by Red Bull) vorbereitet. Einige Straßen sind deswegen schon heute gesperrt. Überall rasen junge Motorradfahrer auf ihren Geländemaschinen herum. Ihre Transporter und Reisemobile belegen nahezu alle Parkplätze. Wir finden nach einigem Suchen im Universitätsviertel einen Platz zum Parken auf einer Straße und sind von dort aus erstaunlich schnell im Zentrum. Sibiu ist ...deutsch - anders kann man das nicht beschreiben. Wir könnten genauso gut in Ansbach oder Bamberg sein. Dicht bei dicht liegen rund um den wichtigsten Platz der Stadt, dem Piata A. Huet, die Sehenswürdigkeiten - evangelische Kirche, katholische Basilika, Torturm und gusseiserne Lügenbrücke. Allerdings auch hier, und da wird es wieder post-sozialistisch, bröckelt der Putz in der zweiten Reihe gewaltig.

Blick in die Altstadt
Blick in die Altstadt

Tag zwei startet im Nieselregen. Nach der Besichtigung der Kirchenburg in Cisnadie machen wir einen weiträumigen Schlenker nach Westen, in dessen Mittelpunkt das Schloss der Corviner steht. Diesmal passieren wir die Karpaten im Tal des Flusses Olt, an dessen Ufern mehrere Klöster liegen: Dropen, Sf. Ioan Iacob Hozevitul, Pogorarea Duhului Sfant und das besonders reizvolle Cozia. Im Olttal fahren wir bis nach Ramnicu Valcea. Dann wechseln wir auf die stark befahrene Dn 67 zum vielbesuchten Kloster Horezu und schließlich biegen wir auf die Transalpina (Dn 67C) ab. Dieser neben der Transfagarasan zweite Pass über die Karpaten ist im oberen Bereich (Pass bei 1.950 m) wegen Bauarbeiten eigentlich für den Durchgangsverkehr gesperrt, angedeutet durch quer stehende Betonblocks. Aber das kümmert die Fahrer der paar Fahrzeuge, die außer uns hier oben unterwegs sind, herzlich wenig. Also fahren auch wir. Es wird eine unglaubliche Fahrt durch gespenstische Wolkenfetzen auf einer Straße ohne Mittellinie und Leitplanken. Wie wir finden: weitaus spektakulärer als die Transfagarasan. Unten angekommen quälen wir uns auf zum Teil haarsträubenden Pisten durch den Wald nach Petrosani, dann auf der Dn 66 nach Hateg. Vor dem Besuch des Corviner-Schlosses verbringen wir die Nacht auf dem Campingplatz Zamolxe in Sarmizegetusa - Camping auf dem Bauernhof, aber mit Internetzugang - nahe dem Retezat-Naturpark.

Schloss der Corviner
Schloss der Corviner

Vor dem Schloss der Corviner in Hunedoara (Burg Corvinilor) wird gerade mit einem unglaublichen Aufwand ein Bollywood-Schinken gedreht. Jedenfalls sehen wir nur braunhäutige Gestalten. Wir können aber mitten durch den Trubel - über die Kameragleise, unter dem Mikrofongalgen hindurch, vorbei an Lampen und Schirmen, an Statisten und Security-Personal - hinauf in die Festung. Die Burg selbst, deren erste Bauten um das 14. Jahrhundert entstanden sein sollen, thront als respekteinflößende Festung mit dicken Mauern und einer Vielzahl unterschiedlicher Türme auf einem Kalksteinfelsen oberhalb der Stadt. Von der früheren Inneneinrichtung ist kaum etwas erhalten. Beeindruckend sind aber die riesigen Säle und Versammlungshallen.

Prachtbau eines Roma-Fürsten
Prachtbau eines Roma-Fürsten

In Hunedoara treffen wir auf eine Besonderheit, die wir bis heute noch nicht richtig "verdaut" haben. Vereinzelt haben wir so etwas schon vorher gesehen, aber noch nie in dieser Anhäufung. Auf der Fläche vielleicht eines Fußballfeldes stehen hier acht bis zehn aufwändigste, vier- bis fünfstöckige Villen, innen komplett leer und unbewohnt, mit Pagodendächern, völlig überzogenen, gehämmerten Metallverblendungen und hochwertigen Gartenzäunen. Und das alles nur zu einem Zweck: dass hier jeweils ein "Zigeunerbaron" den anderen seine Wichtigkeit beweisen will. Seine Sippe - oder wie sich das nennt - lebt am Rande der Gesellschaft, die Kinder gehen betteln statt in die Schule - und er und seinesgleichen leistet sich derartige verschwenderische Dreistigkeiten.

Auf der Weiterfahrt stehen wir in Orestia vor verschlossenen Türen der Kirche, in Richtung Seles bleiben wir wegen eines schweren Verkehrsunfalles auf der Bundesstraße hängen, drehen um und nehmen ausnahmsweise die Autobahn. Bei Seles verlassen wir die Autobahn fahren in Mercurea Sibuilui die Wehrkirche samt privatem Museum an, durch die uns ein alter Sachse, wie er sich nennt, führt. Als nächstes wollen wir uns den intensiv beworbenen Campingplatz (holländische Web-Adresse) "Poarta Oilor" in Garbovo anschauen. Doch den haben, wie auch ein Dorf vorher, einige Roma-Familien in Besitz genommen. Durch die Einfahrt führt ein Jugendlicher sein Pferd. Rund um den schicken Pool lagern ganze Sippen im Gras. Für heute reicht es uns. Wir fahren über Saliste und Sibiu wieder zum Campingplatz Scalia Batrana, wo wir zumindest einen Tag ausspannen wollen.

Campingplatz in Carta
Campingplatz in Carta

Gut ausgeruht unternehmen wir zwei Tage später eine Rundreise zu den Kirchenburgen in der Umgebung. Nach dem Mongolensturm von 1241/42 begannen die Siebenbürger Sachsen, die selbst für ihre Sicherheit sorgen mussten, ihre Kirchen zu befestigen. Im Sinne des Reformationsliedes "Ein feste Burg ist unser Gott..." bauten sie eine oder mehrere Ringmauern, Gräben und Türme um die Kirchen, den Hauptturm befestigten sie zum Bergfried, über dem Chor oder über der gesamten Kirche zogen sie Wehrgeschosse mit Schießscharten und Gusslöchern ein, Kirchenfenster verkleinerten sie oder mauerten sie ganz zu, Eingangstore verstärkten sie. Um längere Belagerungen zu überleben, richteten sie innerhalb der Mauern Brunnen, Vorrats- und andere Räume für kleinere Handwerkstätigkeiten, Schulunterricht u.a. ein.

Trotz dieser grundsätzlich gleichen Arbeiten zeigt jede Kirchenburg, die wir im Laufe der nächsten Tage besichtigen, ihre ganz eigenen Besonderheiten. Ob mit Wehrgraben oder auf dem Berg, ob mit einer oder mehreren Ringmauern, ob mit Speichern in der Wehrmauer oder ohne... Heute rührt das auch daher, dass - trotz EU-Geldern und UNESCO-Unterstützung - die Erhaltungszustände sehr unterschiedlich sind - von blendend restauriert bis total verrottet.

Wir fahren an diesem Tag über Cincsor (Kleinschenck), wo Christas Lieblings-Kirchenburg steht, Cincu, Bruiu, Merghindeal, Agnita, Ruja, Netus, Braden, Apold,, Mosna, Chirpar, Nou Roman zurück nach Carta. Weil zwei Straßenkarten den gleichen Fehler aufweisen, nehmen wir ausgerechnet zum UNESCO-Weltkulturerbe Biertan die falsche Straße, die irgendwann am Waldrand endet. Deswegen kommen wir erst um fünf Minuten vor 17:00 Uhr in Biertan an. Leider wird die Anlage an Samstagen schon um 17.00 Uhr geschlossen. Und heute ist Samstag - wenn auch noch nicht ganz 17:00 Uhr.

Kirchenburg Biertan
Kirchenburg Biertan

Nach Sibiu steht Brasow (Kronstadt) auf unserem Programm. Auf dem Weg dorthin nehmen wir das Kloster Brancoveanu bei Sambata de Jus mit, in dem gerade eine Messe zelebriert wird. Das hat zur Folge, dass wir die Kirche wegen Überfüllung innen nicht besichtigen können, dass wir andererseits aber um die üblichen fünf LEI pro Person und zehn LEI für die Fotografier-Genehmigung (zusammen etwas mehr als vier Euro) herumkommen. Einem Gläubigen, der zur Messe gehen will, können Nonnen selbstredend kein Geld abnehmen. Über Fagaras fahren wir anschließend nach Brasow (Kronstadt) und von dort direkt zum sogenannten Dracula-Schloss, der Törzburg in Bran. Wegen eines aufziehenden Gewitters verzichten wir darauf, die Burg noch heute zu besichtigen. Wir checken stattdessen auf dem Campingplatz Vampirecamping für eine Nacht ein (80,00 LEI, entspricht rund 18,00 Euro).

Dracula-Schloss Bran
Dracula-Schloss Bran

Obwohl wir relativ früh aufgestanden sind und kurz nach Öffnung am Kassenhäuschen sind, quälen wir uns mit hunderten anderer Touristen durch Gänge und Türmchen des Vampire-Schlosses. Über vier Stockwerke verteilen sich die 30 voll möblierten, zu besichtigenden Räume - von insgesamt 75 Gemächern. Wie in den Reiseführern beschrieben, erinnert es uns tatsächlich an Neuschwanstein. Auch was die Geheimgänge, die engen Treppen und die Warteschlagen und das Verstopfen der Gänge und Räume durch asiatische und andere Reisegruppen angeht.

Gedränge im Dracula-Schloss
Gedränge im Dracula-Schloss

Es folgt Brasow (Kronstadt). Die Stadt, deren ältester Teil sich an einen Hang schmiegt. Nach unserer ersten Erkundungsrunde durch die enge Altstadt parken wir an der Hauptstraße auf einem bewachten Parkplatz. Um uns einen guten Überblick über die Stadt zu verschaffen, fahren wir mit der Kabinenbahn hinauf auf den Berg über der Stadt. Dort wollen wir eigentlich zu Mittag essen, aber das im 2015 überarbeiteten Baedeker-Reiseführer aufgelistete Restaurant ist schon seit Jahren geschlossen. So schießen wir ausgiebig Fotos von oben, fahren mit der Kabinenbahn zurück und essen unten auf dem Platz neben der alles dominierenden Schwarzen Kirche. Auch Brasow könnte in Süddeutschland liegen - nicht nur wegen Penny, Lidl, Kaufland, H&M, C&A, Deichmann, Hornbach..... Und die Altstadt ist - anders als Sibiu - auch in der zweiten Reihe noch recht gut erhalten.

Blick auf Brasov
Blick auf Brasov

Südlich von Brasow liegt die Bauernburg Rasnow (Rosenau), zu der wir auf Kopfsteinpflaster per Pedes den steilen Berg hinauf schaffen. Die meisten Touristen lassen sich mit dem Bähnle hochfahren - schwere Traktoren mit Anhängern. Nach der Besichtigung in brütender Hitze - uns gefällt ein privat eingerichtetes Museum besonders gut - fahren wir zurück nach Brasow und weiter zu den beiden Kirchenburgen Härman (Honigberg) - Besonderheit: die an der Kirche wie Schwalbennester klebenden Vorrats- und Wohnkammern - und Prejmer (Tartlau) - vierchörige Kirche mit innen an die umlaufende Außenmauer angebauten vierstöckigen Vorrats- und Wohnkammern.

Kirchenburg Härmann
Kirchenburg Härmann

Es ist erst gegen 16:00 Uhr, als wir dieses Programm erledigt haben. Deshalb entschließen wir uns kurzerhand, nicht wie geplant nach Brasow zurückzufahren, sondern weiter Richtung Norden, nach Sighisoara (Schäßburg). Auf dem Weg dorthin machen wir einen Schlenker zum Ort Viscri (Deutsch-Weißkirch), der wegen seiner komplett erhaltenen, ursprünglichen Substanz als UNESCO-Weltkulturerbe eingestuft ist. Die auf Werbefotos so malerische Kirchenburg hält leider nicht, was wir erwartet haben. Sie ist reichlich ungepflegt. Auf der Weiterfahrt passieren wir bei Saschitz immense Hopfen-Plantagen, größer, als wir sie von Bayern kennen. In Sighisora checken wir im Camp Aquaris ein - einem Stellplatz für etwa sechs Einheiten, in einem Bungalow-Anwesen mit großem, öffentlichem Schwimmbad.

Nach der Besichtigung der Stadt, die wegen ihrer noch gut erhaltenen Wehrtürme sehenswert ist, nehmen wir eine große Runde zu Kirchenburgen und Bauernburgen nördlich von Sighisoara unter die Räder. Märtins ist eine Enttäuschung. Von der Befestigung stehen nur noch Mauerreste. Draugeni ist leider geschlossen, wir kommen absolut nicht hinein. Die Dörfer in dieser Ecke haben ungarische Namen und sind auch nicht so geradlinig und aufgeräumt angelegt wie die ehemals überwiegend deutsch bewohnten Dörfer. Umso erstaunter sind wir, dass sich die Bewohner hier untereinander deutsch unterhalten und wir im Lidl-Markt mit "Auf Wiedersehen" verabschiedet werden. Eine Überraschung erleben wir in Cata (Katzendorf). Hier fragen wir uns zu Frau Markus durch, einer älteren Dame, die mit uns zur Kirchenburg läuft und uns durch die Anlage führt. Nachdem ihr Mann - nach früheren Schikanen und Repressalien, Enteignung, ja sogar Haft wegen seiner Abstammung -, vor Jahren gestorben ist, lebt sie ein halbes Jahr in Deutschland bei ihrem Sohn, das andere halbe Jahr hier in Rumänien. Wir haben ein sehr interessantes Gespräch mit ihr - über die Vergangenheit, das derzeitige Leben in Rumänien, die Probleme mit den Roma - die nach ihrer Aussage aufgrund ihrer vielen Kinder ganz besonders von der ab Juni geltenden Verdopplung des Kindergelds profitieren.

Ebenfalls geschlossen ist die imposante Kirchenburg von Homorod. Die Besichtigung der Bauernburg Rupea sparen wir uns, nachdem wir sie von außen gesehen haben und denken, dass sie in etwa im gleichen Zustand wie die Burg von Rasnow ist. Nach einer Kaffeepause auf dem Parkplatz fahren wir weiter nach Crit (Deutschkreuz), wo die Kirchenburg zwar renoviert, aber auch nur mit Mühe (Anrufen einer bestimmten Telefonnummer) zu besichtigen ist. Über Saschitz mit seinem markanten Turm neben der gotischen Kirche fahren wir zurück nach Sighisoara und dem Campingplatz Aquaris. Morgen geht es weiter Richtung Norden - in die Bukowina und ihre berühmten Moldau-Klöster.

Kloster Sucevita
Kloster Sucevita

Die Fahrt von Siebenbürgen in die Bukowina zu den im Norden Rumäniens gelegenen Moldauklöstern führt uns wieder durch eine herrliche Berglandschaft. Auch hier, wie an allen Straßen in den Waldgebieten bieten Einheimische (Rumänen und Roma) Himbeeren, Blaubeeren und tonnenweise Melonen an, die Imker verschiedene Sorten Honig. Pilze und Schafskäse werden, anders als in Bulgarien, eher selten angeboten. Zwei Pässe müssen wir auf unserer Fahrt überwinden, den 1.287 Meter hohen Bucin-Pass und den 1.256 Meter hohen Bicaz-Pass. Noch spektakulärer als diese beiden zeigt sich uns die an der engsten Stelle nur neun Meter breite Bicaz-Schlucht. Leider ist die Straße durch die Schlucht an den interessantesten Stellen von Dutzenden Souvenirbuden verschönt. Zudem schüttet es wie aus Eimern. Letztlich erinnert die Schlucht uns auch stark an die Tara-Schlucht in Montenegro. So genügen uns ein paar Fotos durch die Windschutzscheibe. Kurz hinter der Schlucht fahren wir mitten hinein in eines der heftigsten Gewitter mit Hagelschlag, die wir je erlebt haben. Um aus dem Zentrum heraus zu kommen und eventuellen, noch größeren Hagelkörnern zu entgehen, klemme ich mich dicht hinter einen einheimischen Geländewagen. Außer seinen Rücklichtern sehe ich nicht viel. Nach einer knappen halben Stunde sind wir durch - und unser Sprinter hat keinen Dachschaden abbekommen. Danach verbringen wir eine ruhige, abgekühlte Nacht auf dem Campingplatz Autoturist am oberen Stadtrand von Vatra Dornei.

Dann ist es soweit. Über Iacobeni und Campulung Moldavenesc erreichen wir das erste der legendären Moldauklöster, das Nonnen-Kloster Voronet. Es liegt wie die anderen mitten in unberührter Landschaft in der Umgebung von Suceava, der einstigen Hauptstadt der Region Moldau.

Fresken im Kloster Sucevita
Fresken im Kloster Sucevita

Ähnlich den griechischen Meteora-Klöstern könnte man die Moldaulöster in einer großen Runde an einem Tag erreichen. Die meisten von ihnen wurden zwischen 1530 und 1590 von Herrschern zum Dank nach einer siegreichen Schlacht über die Osmanen oder Kosaken errichtet. Im Zentrum der Klöster stehen die Kirchen, meist aus einem etwa 30 Meter langen und selten über 15 Meter breiten Schiff mit vorgezogenem Satteldach. Ihr Grundriss wird als Dreikonchenbau bezeichnet, mit Vorschiff, Grabkammer mit Schatzkammer darüber, Hauptschiff und Altarraum. Später kam noch eine erst geschlossene, dann offene Vorhalle dazu. Aus welchem Grund die Klosterkirchen nicht nur innen, sondern auch außen bemalt wurden - ihre Besonderheit -, ist bis heute nicht restlos geklärt. Eine der Vermutungen besagt, dass die Kirchen für Feudalherren, Dorf- und Klosterbewohner zu klein waren, sodass das "einfache Volk", das weder lesen und schreiben noch die damals übliche slawische Liturgie verstehen konnte, dem Gottesdienst außerhalb folgen musste. So unterstrichen die eindringlichen Heiligenbilder und Bibelszenen auf den Außenwänden die Predigten und Glaubensgrundsätze als "eine Art Buch für alle", wie ein Forscher es beschreibt. Die berühmtesten Klöster, an denen sich die Malerei sehr gut erhalten hat, sind Voronet, Humor, Moldovita, Sucevita und Arbore.

Um alle fünf, sie sind seit 1993 UNESCO-Weltkulturerbe, intensiv und ausführlich zu besichtigen, nehmen wir uns mehrere Tage Zeit. Und dennoch ist es fast unmöglich, alle Fresken anzuschauen, geschweige denn sie zu deuten. Für jedes einzelne Kloster gibt es dazu dicke Bildbände. Im Grunde folgt die sogenannte Ikonografie einem einheitlichen Kanon und unterscheidet sich vor allem in der Handschrift des Künstlers und seiner Werkstatt sowie in der Farbigkeit. Wir staunen über die Strahlkraft der Farben, die über die Jahrhunderte kaum nachgelassen hat, aber auch über die Ausdrucksstärke der Maler. Immer wieder entdecken wir Neues.

Kloster Moldovita
Kloster Moldovita

Zum Übernachten steuern wir während dieser Tage verschiedene, nahe gelegene Bauernhöfe an, die Wiesen neben ihren Haupthäusern zu Campingplätzen ernannt haben. Einfach, naturnah, aber überwiegend mit Stromanschluss und Internetzugang, rundum sympathisch.

Ein besonderes Erlebnis haben wir am Kloster Humor (Manastirea Humorului), in dessen altem Teil gerade die Messe gelesen wird. Die Kirche ist proppenvoll, viele Gläubige stehen draußen und hören Liturgie und die Gesänge der Nonnen über Lautsprecher im Freien. Alle Frauen tragen modisch-geschlungene Kopftücher und sind ausgesprochen feierlich gekleidet - fast ausnahmslos mit Absatzschuhen. Die Männer überwiegend in dunklen Anzügen. Und das in einem Dorf. Interessant auch, dass wir das Kloster kostenlos besuchen dürfen. Die sonst einheitlich fälligen rund 1,50 Euro pro Person und 3,00 Euro für die Fotogenehmigung wollen die Nonnen wohl während der Messe nicht kassieren.

In einem großen Bogen fahren wir anschließend über Suceava, Radauti und Viconu de Jos in einem sich immer mehr nähernden Gewitter zum Mönchs-Kloster Putna. Das Kloster, es dürfte eines der reichsten sein, ist straff geführt, draußen keine Souvenirstände, kostet keinen Eintritt, nur Fotopermit (zehn LEI). Im einsetzenden Regen machen wir nach der Besichtigung auf dem Parkplatz unsere sonntägliche Kaffeepause, fahren dann im Regen zurück über Radauti und Marginea zum Kloster Sucevita. Oder besser zum Campingplatz gegenüber, zur "Pension, Agroturist und Camping Cristal" - mit Schafen, diversen Hühnern und einem Bernhardiner.

Von dort aus laufen wir am nächsten Tag zu Fuß die etwa eineinhalb Kilometer zum Nonnen-Kloster Sucevita. Es ist auf dem quadratischen Grundstück mit kompletter, befestigter Umfassungsmauer und den vier Wehrtürmen viel schöner und interessanter als auf allen Fotos. Wir sind begeistert. Weil wir wie in den anderen Klöstern in den Kirchen nicht fotografieren dürfen, kaufen wir uns hier einen Bildband, der alle Klöster samt Kirchen und Fresken zeigt. Zurück auf dem Campingplatz machen wir den Sprinter reisefertig und fahren wir über Marginea - die Stadt der schwarzen, derben Keramik, die uns gar nicht gefällt - zum Kloster Arbore. Von ihm ist nur noch die Kirche erhalten, die so gut wie nicht restauriert und ziemlich verblasst ist. Auf der Rückfahrt über Radauti - in der Stadt verkaufen Bäuerinnen an der Straße eingelegtes Gemüse in dickbauchigen Einmachgläsern -, und Marginea fotografieren wir zwei ganz neue Klöster auf großen Grundstücken und staunen über das Vermögen, das die katholische Kirche in Rumänien haben muss.

Karpaten
Karpaten

Auf einer landschaftlich wunderschönen Fahrt durch Laubwald hinauf über den 1.109 Meter hohen Ciumarna-Pass und durch eine Almenlandschaft wie im Allgäu hinunter erreichen wir tags darauf das Nonnen-Kloster Moldovita. Es erinnert uns stark an das Kloster Sucevita, die Fresken der Kirche sind aber stärker verwittert und das Gelände ist kleiner. Dafür ist die gesamte Anlage sehr schön mit Rosenrabatten aufgelockert. Auf der Weiterfahrt besuchen wir in Vatra Moldovitei ein Eiermuseum mit unglaublich filigran bemalten Eiern (meist aus Weichholz) - leider mit striktem, per Videokameras kontrolliertem Fotografierverbot. In der Stadt verfehlen wir wegen unserer großmaßstäblichen Karte die richtige Abzweigung, fahren ein paar Grad weiter nördlich entlang des falschen Flusses (Moldovita) bis fast in die Ukraine und dann auf abenteuerlichen Wegen - wieder mal richtig offroad - zum Pascanu-Pass (1.040 m), wo wir zwei belgische Paare in zu Reisemobilen umgebauten Allrad-Iveco-Dailys treffen, die sie von der Gendarmerie erworben haben. Die Nacht verbringen wir in Fundu Moldovei auf dem von einem holländischen Ehepaar betriebenen Campingplatz "De Vuurplaats".

Kunstvolle Hofeinfahrt
Kunstvolle Hofeinfahrt

Nach Donaudelta, Siebenbürgen und Bukowina mit Moldauklöstern steht als letzter Schwerpunkt unserer Reise die Region Maramures auf unserer Wunschliste. Dort wollen wir die berühmten Holzkirchen, die unterschiedlich gebauten Holz-Bauernhäuser mit den geschnitzten Eingangstoren und zuletzt den "Fröhlichen Friedhof" von Sapanta sehen. Allerdings ist die von uns vorgesehene Straße über den 1.416 Meter hohen Prislop-Pass auf dem Weg dorthin so schlecht - angeblich mit tiefen Schlaglöchern nur so übersät -, dass uns mehrere Insider dringend davon abraten, sie zu fahren. So nehmen wir den Umweg über Bistrita in Kauf, der uns in Moisei an einer tollen Kirche mit Majolikadach und dem sehenswerten Mönchs-Kloster vorbei bringt, auf dessen weitläufigem Gelände drei Generationen Wohngebäude und Kirchen vereint sind.

Bei zunächst leichtem Regen fahren wir auf einer Nebenstrecke von Moisei Richtung Norden. Auf dieser Strecke passieren wir unzählige, wunderschöne Holzhäuser mit noch tolleren Eingangstoren. Die Holzkirchen - meist älteren Datums - werden oft nur noch als Friedhofskapellen genutzt. Nebenan oder gegenüber stehen moderne Steinkirchen. So in Dragomesti und Bodgan Voda.

In Sieu suchen wir die alte Kirche (UNESCO-Weltkulturerbe) auf, ein paar Kilometer weiter ein Kloster, dessen Gebäude gerade komplett saniert werden - erreichbar über eine steile Naturstraße mitten durch das Nichts, toll.

Nonnenkloster Barsana
Nonnenkloster Barsana

Das wichtigste Kloster in dieser Gegend ist das Nonnenkloster Barsana. Es ist auch unser absoluter Favorit - neben der alten Kirche (UNESCO-Weltkulturerbe) und der neuen, 1993 geweihten Holzkirche verteilen sich aufgelockert mehrere malerische Wohngebäude auf dem weitläufigen Hanggrundstück, das mit seinen Blumenrabatten die reine Augenweide ist. Ein wunderschönes Fleckchen Erde.

Mit der Fahrt über Sighetu Marmatiei nach Sapanta zum "Fröhlichen Friedhof", zum Kloster Peri, das mit 75 Metern den höchsten Turm einer Holzkirche in Europa hat, sowie mit der Besichtigung der Holzkirchen von Desesti (wegen seiner inneren Fresken UNESCO-Weltkulturerbe) und Surdesti beenden wir unseren Trip in die Maramures.

Fröhlicher Friedhof von Sapanta
Fröhlicher Friedhof von Sapanta

Ein Stück parallel zur ukrainischen, dann ungarischen Grenze fahren wir bis nach Oradea und von dort über Ungarn, Slowenien und Österreich zurück nach Deutschland. 78 Tage waren wir unterwegs und sind über 10.000 Kilometer gefahren. Und es ist wie jedes Jahr: Wir kommen vollgestopft mit vielfältigsten Erlebnissen und Erfahrungen zurück. Und daheim lesen, hören und sehen wir quasi die gleichen Nachrichten wie zu unserer Abfahrt: IS-Terror, gesunkene Flüchtlingsboote im Mittelmeer, Asylpolitik, Grexit, Kita- und Fluglotsenstreik... Was für eine Diskrepanz.